Selbstfahrzeuge haben ein systemimmenantes Problem (Allgemeines Forum)

Colaholiker, Frankfurt / Hildesheim, Montag, 18.01.2016, 09:18 (vor 3756 Tagen) @ GUM

1.) Bei einem Selbstfahrzeug nehmen die Pendler lange Verzögerungen in Kauf, bloß weil sie durch jahrzehntelange Werbung in dieser Art und Weise sozialisiert werden/wurden.
10 Minuten Auto ausgraben: Kein Problem; 30 Minuten für 10 Kilometer brauchen: Kein Problem. 10er-Takt S-Bahn sieben Minuten verspätet: Geschrei.

Da ich je nach Situation mal das eine und mal das andere Verkehrsmittel zu Arbeit nehme (ich bin da eben eher Pragmatiker als Dogmatiker), mal eine Anmerkung dazu:

Man weiß in etwa, wie lange man braucht, um sein Auto auszubuddeln. Diese Zeit kann man ganz konkret einplanen. Wie die Pünktlichkeit des ÖPNV aussieht, weiß man eigentlich mit absoluter Sicherheit erst, wenn man am Ziel aussteigt. Heute sah es bis zur Abfahrt am Centralbahnhof zu Frankfurt am Main ;-) noch ganz passabel aus. Straßenbahn (um die Zeit leider seit über einem Jahr nur noch ein dem Bedarf nicht angemessener 15-Minuten-Takt) relativ pünktlich (+1 oder +2 wars wohl). HLB fuhr auch noch pünktlich ab... und stand unterwegs dann Ewigkeiten rum, um den Gegenzug durchzulassen. Ankunft dann mit +12 (im Halbstundentakt). Und das, wo es nur bei genau pünktlichen Zügen hinhaut, daß ich nach exakt 8 Stunden + Pause Feierabend mache, zurück zum Bahnhof husche, und so kein Minus aufm Gleitzeitkonto habe. Ne halbe Stunde eher zur Arbeit fahren ist ungünstig, da verschenke ich Zeit, da ich vor meinem erlaubten Dienstbeginn schon da bin, ne halbe Stunde später nach Hause fahren ist noch besch...ener, weil der Zug dann aufgrund des Endes des Nachmittagsunterrichts an einer Schule weiter vorne im Linienverlauf aus allen Nähten platzt. Und Colaholiker nach einem nervigen Arbeitstag in einem Schülerzug - das birgt die Gefahr roter Flecken in meinen Klamotten. Und Blut geht doch so schlecht raus. :o)

Und glaub mir, 30 Minuten für 10 km sind mit allen Verkehrsmitteln, außer dem Fahrrad, wo das in einer gemütlichen Fahrt entspricht, doof. ;-) Solltest Du das allerdings zu Fuß schaffen, sei Dir ein anerkennendes Nicken meinerseits sicher.

Der Autofetischismus™ :-) geht sogar so weit, dass Pendler die vier- bis fünffachen Kosten in Kauf nehmen, um mit ihrem Statussymbol in die Innenstadt zu pendeln. Wo der teure Sachwert dann acht oder neun Stunden rumsteht.

Es gibt halt auch Pendler in der anderen Richtung - wohnen in der Stadt und pendeln aufs Land. Vorteil: Man fährt antizyklisch, zumindest sobald man das Stadtzentrum passiert hat. Nachteil: So etwas wie Park&Ride kann man nicht machen, da auf dem Weg zur Arbeit der schlecht ausgebaute Teil das Ende der Reisekette ist, und das Auto am Anfang der Reisekette daheim stehen blieb.

Anstatt ab 09 Uhr neue Kunden mit Rabatt-Tarifen (Länder-Ticket etc.) in einen schönen Tag zu begleiten.

9 Uhr-Karten. Tolle Wurst. Wenn ich mir so etwas antäte, wäre ich erst um kurz vor halb elf bei der Arbeit. Dreieinhalb Stunden zu spät. *kopfschüttel* Das taugt doch nur für Leute, die nicht berufstätig sind, oder Homeoffice-Hipster, die nur gelegentlich mal bei der Arbeit vorbei schauen müssen. Ach nee, ich erwähnte nicht berufstätige Personen ja schon, das war jetzt doppelt gemoppelt. :o)

2.) Von der reinen Transportleistung her ist das Selbstfahrzeug/Automobil den Öffentlichen um Längen unterlegen.

Wenn man es in PS pro Person ausdrücken will, sicher. Allerdings bestimme ich selbst, wie viele Personen in meinem Auto Sauerstoff verbrauchen, und der Gesetzgeber bestimmt, daß es nicht mehr als 5 sein dürfen. Und die 5 Personen haben zwangsweise einen Sitzplatz. Bei der Bahn gibt es zwar auch eine Höchstgrenze, aber in der Realität ergibt sich diese einfach nur durch das Limit, wie weit man die Fahrgäste komprimieren kann, bis sie das zur Verfügung stehende Volumen ausfüllen. (Blöderweise sind Fahrgäste kein Gas.)

Du kannst sicher einige, wenige Strecken finden, an denen es zu Überfüllung kommt. Aber zu 90 % der Uhrzeiten und Verbindungen in Großräumen ist die Bahn Bahn zigfach zigfach überlegen :-)

Man merkt, daß Du nicht im RMV-Land wohnst.In der HVZ ist hier in Frankfurt so ziemlich überall Gruppenkuscheln angesagt. :( Man meint, so lange noch irgendwo Luft ist, kann die Gefäßgröße ja verkleinert werden. Sollten hier mal aus irgendeinem Grunde größere Personenzahlen auf die Idee kommen, vom Auto auf den ÖPNV umzusteigen, prophezeihe ich daß es große Probleme geben wird. Und dank der amboßgleichen Flexibilität der Protagonisten kann man zwei Fahrplanperioden ansetzen (die aktuelle nicht mitgerechnet), bis man auf die gestiegenen Bedarfe reagiert.

Nur am Rande:
In vielen Verkehrsverbünden gibt es mehr oder weniger bekannte Zuschlagskarten (Woche, Monat) für die 1. Klasse. Damit dürfte auch den 150+ PS-Fahrern eine "würdige" Alternative geboten werden.

Allerdings hat nur ein Teil der Verkehrsmittel überhaupt eine 1. Klasse. Busse, Straßen- und U-Bahnen haben meines Wissens so etwas gar nicht, S-Bahnen auch nicht in jedem Ballungsraum (siehe München), und auch Regionalzüge nicht unbedingt... Und ein teures Zusatzangebot, das man für die gesamte Fahrstrecke bezahlen muß und nur auf einem Bruchteil der Strecke überhaupt nutzen kann, ist nicht gerade attraktiv. (Und genau da liegt der Grund, daß ich im Nahverkehr die 1. Klasse nur als Vor-/Nachlauf nutze, da ich die Hauptleistung (FV) schon als ausreichend für die Preisdifferenz empfinde. Für die Pendelei zur Arbeit hingegen lohnt es sich nicht, weil zu viel Fahrstrecke die Leistung gar nicht anbietet.)

Heute früh habe ich das wieder gesehen: Autofahrer graben ihr Auto aus, haben dann keinen Scheibeninnenseitenschwamm dabei und lassen das Auto erstmal 5+ Minuten vor sich hinstinken um den Innenraum zu erwärmen.

Scheibeninnenseitenschwamm. Schönes Wort. Hab ich aber auch nicht, dafür aber eine gut entfeuchtende Klimaanlage. ;-)

Dabei war ich noch gar nicht beim Flächenverbrauch. Sehe Dir mal ein Luftbild des Fröttmaninger Stadions (Produktname: Allianz Arena) oder des Stadions der Minnesota Vikings an. Die Selbstfahrzeug-Aufbewahrungsflächen haben den zigfachen Umfang des Stadions selbst.

Und doch quillt der ÖPNV hierzulande bei den Schaukämpfen der Fußballsöldner immer über mit "Fans", denen ich aber in dem Zustand, in dem sie unterwegs sind, ohnehin die Fähigkeit zum Führen eines Kraftfahrzeuges absprechen würde. Hmm.
Minnesota Vikings klingt nach einem großen Land auf einem anderen Kontinent - und abgesehen von wenigen Regionen ist dieses Land nicht gerade als ÖPNV-Meister verschrien. ;-)

Heute Morgen aber auch aufs Kratzen verzichtet habende Grüße,
der Colaholiker

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