IR und Eigenwirtschaftlichkeit (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Mittwoch, 28.03.2012, 12:50 (vor 5111 Tagen) @ naseweiß

Hallo naseweiß, hallo ICE-Fans,


ich finde es nach wie vor sowohl faszinierend als unverstehlich, wie in Deutschland das Fernverkehrsangebot das eine Jahr nach dem anderen schrumpft, während unser Fernverkehr und der der Schweiz das eine Jahr nach dem anderen ausgebaut wird.

Vielleicht bin ich etwa simplistisch, aber alle drei Bahnsysteme bestehen aus denselben Grundbausteinen: Erdboden, Schottersteine, Schwellen, Schienen, Weichen, Signale, Fahrdraht, Fahrzeuge, Bahnhöfe, Anlagen, Personal, Kommunikationsmittel.
Klar, es gibt hier und dort Unterschiede aber sie können meiner Kenntnisstand nach doch nicht die Erklärung dafür sein, dass das deutsche Fernverkehrsangebot das eine Jahr nach dem anderen schrumpft, während unser und das schweizer Fernverkehrsangebot das eine Jahr nach dem anderen ausgebaut wird.

Entscheidend ist also, was man mit Erdboden, Schottersteine, Schwellen, Schienen, Weichen, Signale, Fahrdraht, Fahrzeuge, Bahnhöfe, Anlagen, Personal, Kommunikationsmittel macht.

Warum hatten die Bundesländer, ggf. in Partnerschaft, keine Mittelstreckenverkehre wie bei uns bestellt?
Keine Interesse? Dann auch nicht meckern.

Der IR wurde als Fernverkehr definiert, der eigenwirtschaftlich sein sollte, für den Bund und Länder kein Mittel zur Verfügung stellen wollten.

Das sollte auch theoretisch nicht das größte Problem sein, denn die Kosten waren ja niedrig. Loks und Wagen konnte man damals günstig haben.
Laut Wiki-Artikel gab es folgende Ursachen der IR-Rückgang:

1. das Wagenmaterial war zu alt
2. die Verbindungen waren zu langsam

N.B.: leere Züge sind eine Folge von Ursachen, nicht eine Ursache an sich.
An "mangelnde Nachfrage" als Grund der IR-Einstellung glaube ich nicht. Mangelnde Nachfrage hat eine Ursache. Die Entscheidung, den IR einzustellen, wurde also aufgrund einer Beobachtung gemacht. Man könnte auch die Ursachen bekämpfen, also:

1. neues Fahrzeugmaterial beschaffen
2. die Verbindungen beschleunigen

1. und 2. sind möglich: hier wird kein technisches oder organisatorisches Neuland betreten. Materialien und Kenntnisse waren vorhanden. Bei uns wurden neue Fahrzeuge beschafft, Takte verdichtet, Bahnhöfe und Strecken attraktiver gemacht, in Deutschland angeblich nicht. Na gut, man kann als Ausrede verwenden, dass man kein Geld hat; die Bahn mußte ja eigenwirtschaftlich funktionieren. Oder vielleicht: man hatte das Geld, aber möchte es nicht investieren.

Gute Taktung mit REs werden im Vergleich mit Direktverbindungen nach Sonstwohin zu wenig honoriert.

Honoriert von wem? Die Bürger oder die Politik?
Wenn die Bürger: warum waren die IR denn leer? Man hatte ja die Direktverbindung!

Allerdings treten tatsächlich Anschlussbrüche und Lücken auf, bevorzugt an den Grenzen zwischen Bundesländern, welche es mit dem IR als durchgehender Zug nicht gab.

Schienenstrangen enden nicht bei einer Landesgrenze, sondern bei einem Prellbock. Also ist es technisch möglich, Züge über die Landesgrenze zu fahren.
Dass es dennoch nicht passiert, kann also nur mangelnder politisches Willen als Grund haben.
Bei uns bilden die Regionallinien von Groningen und Friesland ein einheitliches Netz. Oh Ironie: ein deutsches Unternehmen fährt dort die Züge. Ist sogar eine Tochter vom Unternehmen das die Dosen Zahncreme betreibt.

Wie wäre es, die Moneten der angeblich gewinntreibenden ICE-Relationen für die angeblich verlusttreibende IC-Relationen zu verwenden?
Das Verfahren funktioniert, siehe Niederlande.

Dann wäre der Fernverkehr aber nicht mehr eigenwirtschaftlich, weil er nicht nur da fahren darf, wo er es will. Leider gibt es hierfür keine politischen Mehrheiten, es ist meiner Ansicht nach praktisch kein Thema - es gibt keine Fürsprecher.

Kann es sein, dass in Deutschland ein Instanz fehlt, die ein gemeinwirtschaftliches Grundangebot festlegt und ein oder mehrere Unternehmen beauftragt, dieses Angebot zu gewährleisten?
Wie ich schon eher schrieb, kann NS Reizigers seinen Fernverkehr (IC, nicht die HSL-Züge, die gehören NS Hispeed) eigenwirtschaftlich fahren. Mit den Gewinnen kompensiert das Unternehmen die angeblich verlusttragenden RB-Leistungen. NS muss das auch so machen, weil die RBs (genauso wie die ICs) zum vom Staat festgelegten gemeinwirtschaftlichen Grundangebot gehören. Das Geld hätte sie auch in Immobilien in Dubai investieren können, oder ein HGV-Geschäft in China, wäre wohl gewinntreibender gewesen.
Übrigens ist NS dennoch erfolgreich genug, restliche Gelder in sonstige Projekte investieren zu können, z.B. in Abellio.


gruß,

Oscar (NL).

--
Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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