Russenerlebnisse, Kap. 1: Winterliche Russenrückreise (Reiseberichte)

Krümelmonster @, München, Freitag, 20.03.2020, 13:58 (vor 108 Tagen) @ Krümelmonster

Natürlich wäre ich gern mit dem Zug von Petersburg nach Tallinn gefahren. Doch der war bereits am Abend des ersten Tages nach Buchungsfreigabe (45 Tage im Voraus) komplett ausgebucht (mein Kumpel hatte extra am Bahnhof nachgefragt)! Als ich das hörte, suchte ich sofort nach einem Bus. Der erste Anbieter fuhr an dem Tag stolze 12 Busse nach Tallinn – alle ausgebucht. Der zweite Anbieter fuhr acht Busse. Davon waren sieben ausgebucht, im ersten morgens 6:45 Uhr gab es noch ein paar Plätze. Gut, dass mein Pass nicht mehr bei der Botschaft lag, zur Buchung musste ich nämlich die Passnummer angeben. Schwein gehabt, ich musste Russland definitiv an diesem Tag verlassen, egal was kam, denn mein Visum lief ja ab. Da wäre der verfallene Rückflug mein geringstes Problem gewesen…
Zwar nimmt die Petersburger Metro um 5:30 Uhr ihren Betrieb auf, doch das ist die Zeit, zu der die ersten Züge an den Endstationen losfahren. Ich wollte 6:00 Uhr losfahren, deshalb bestellte ich doch lieber ein Taxi, für gut 20 min Fahrzeit (ohne jeglichen Verkehr) zahlte ich 7 €. Ich hatte das Taxi über die Rezeption bestellt, sonst wäre das auch per App möglich, ohne dass man um den Fahrpreis feilschen muss.
Der Bus war ein Doppelstöcker von ecolines, einer Firma aus Lettland, und er war komplett ausgebucht. 5 Minuten vor Abfahrt traf er an der Starthaltestelle ein, nach der Verladung des Gepäcks war die Abfahrt über 20 min verspätet. Es folgte eine Ansage vom Fahrer auf Russisch: „Sehr geehrte Damen und Herren, herzlich willkommen im Bus nach Tallinn. Wir fahren x km, davon x in Russland und x in Estland. Nächster Halt ist erst an der Grenze. Sie können Erfrischungen und Snacks unten bei der Stewardess kaufen, Preise sind so und so, Zahlung nur in Russischen Rubeln möglich.“ Und noch alles mögliche andere Gedöns, was ich nicht verstanden habe. Dann die Ansage auf Englisch: „Ladies and gentlemen. Welcome Tallinn. Next stop: border of Rrrussian Federation“ Fertig. Immerhin kam überhaupt etwas auf Englisch, nicht wenige Russen beherrschen ja noch weniger in der Sprache.^^ Er fuhr ohne einen Fahrgasthalt von Petersburg nach Tallinn. Die Fahrt durch die Dunkelheit Richtung Westen war schon arg langweilig, erst viertel nach 9 begann es zu dämmern.
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53 Russentaxi
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54 Bus einer lettischen Firma von Russland nach Estland
Gegen zehn näherte sich der Bus der Grenze. 5 km vor der Grenze hielt er kurz an, damit ein Offizier einstieg, der bloß überprüfte, ob alle Reisenden einen Pässe dabeihatten. Sonst machte er nichts, sondern stieg 2 km vor der Grenze wieder aus. Dann sagte der Busfahrer auf Russisch: „Wir kommen jetzt zur Grenze. Nehmen Sie Ihren Pass mit. Fotografieren verboten, Essen verboten, Trinken verboten, Rauchen verboten, Telefonieren verboten“ und alles mögliche andere Gedöns, was ich nicht verstanden habe. Wiederholung auf Englisch: „Ladies and gentlemen. Border. Please khave passport.“ Für komplett vollen Doppelstockbus waren genau zwei Schalter geöffnet, und russische Beamte sind nicht gerade für Schnelligkeit bekannt… Sie hatten keinen Grund, Worte mit mir zu wechseln. Interessant: Während meines gesamten Aufenthaltes hat sich niemand die erste Seite meines Passes angeschaut, sondern immer nur das Visum. Das legt den Verdacht nahe, dass viele gar keine lateinischen Buchstaben lesen können – aber da das russische Bildungssystem aber eigentlich nicht schlecht ist, erst recht nicht vor 1990, kann ich mir das fast nicht vorstellen. Die Passprüfung verlief gründlich, auch bei den russischen Mitreisenden. Nach der russischen Kontrolle stiegen wieder alle in den Bus, es ging weiter. Aber nur 50 m bis zum Brückenkopf der Grenzbrücke, hier stieg noch ein Zoll-Mensch in den Bus und prüfte, ob jeder seinen Ausreisestempel im Pass hatte – immerhin das ging schnell. :D Ca. 200 m weiter war der estnische Kontrollposten. Mit meinem Pass waren die „Esten“ (im Osten des Landes wohnen fast keine ethnischen Esten, sondern fast nur Russen, von denen viele nicht mal Estnisch können) ca. 10 sek beschäftigt, doch alle russischen Pässe und Visa wurden akribisch geprüft. Ich glaube, ich war der einzige Nicht-Russe im Bus… Die erste Januar-Woche ist in Russland wie bei uns die Zeit zwischen den Jahren. Alle haben frei, und Tallinn ist natürlich ein praktisches Ziel: nicht weit entfernt und keine Sprachbarriere (das war ja mal ein Land, deshalb haben nach Russenlogik immer noch alle dort Russisch zu können). Das Gepäck blieb die ganze Zeit im Bus, ob kontrolliert wurde, weiß ich nicht. Auf estnischer Seite waren die Zollgebäude modern und immerhin beheizt, aber auch nicht gerade einladend. Auch die Tatsache, dass die Uhr um eine Stunde zurückgestellt wurde, änderte nichts daran, dass die Grenzkontrolle insgesamt fast 1:30 h gedauert hatte, solch eine lange Kontrolle hatte ich noch nie erlebt. -.-
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55 Der heute russische Teil der Festung von Narva (Fotografieren verboten^^)
Als die Kontrolle dann endlich vorüber war, zuckelte der Bus durch die graue Plattenbau-Tristesse der 3.-größten estnischen Stadt Narva. Da es auf der Fahrt keinen planmäßigen Stopp gab, gab es kurz hinterm Ort noch 10 min Raucherpause. Dann ging es nonstop weiter bis Tallinn, die zweite Hälfte des estnischen Abschnitts langweilig über die Stinktierrenne. Die Busscheiben waren extrem dreckig, sodass nicht viel zu erkennen war. Aber viel war da eh nicht, hauptsächlich Wald… Draußen war es windig, was dazu führte, dass ich – zum ersten Mal seit Riga! – kurz die Sonne sah! Währenddessen googelte ich estnische Zungenbrecher, was meine Langeweile beträchtlich reduzierte. :D
Kurz vor halb eins Ortszeit erreichte der Bus schließlich Tallinn mit immer noch ca. 20 min Verspätung. Ich hatte eine Pension in der Nähe vom Busbahnhof (im Ostteil der Stadt) gebucht. Auf der Türschwelle schaute ich mir noch den Satz „Sprechen Sie Englisch?“ auf Estnisch an, um Eindruck zu schinden. Ich konnte ihn mir ungefähr 2 sek merken. Und dann sagte die Frau an der Rezeption völlig selbstverständlich: „Здравствуйте!“. Wenigstens konnte sie eine englischsprachige Kollegin holen. Nachdem ich meine Sachen abgestellt hatte, ging ich zunächst zum Schloss Kadriorg, anschließend in die Stadt. Man sagt, Tallinn hätte eine der schönsten Altstädte Europas. Ich bin der Meinung, ich bin in Europa schon ziemlich weit rumgekommen, und ich kann die Aussage bestätigen. =) Die Stadt war voll mit Russen, mehrmals wurde ich völlig selbstverständlich auf Russisch angesprochen. Ich hörte zu etwa zwei Dritteln Russisch, vom Rest war max. die Hälfte Estnisch und sonst Sprachen anderer Touristen (v. a. Finnisch, Englisch sowie ein bisschen Deutsch). Estnisch klingt Finnisch nicht ganz unähnlich, man hört auf jeden Fall die Sprachverwandtschaft, aber Estnisch ist lebendiger und besitzt tendenziell mehr Konsonanten (das ist freilich keine Kunst :D). Mit Esten ist eine Verständigung auf Englisch selten ein Problem, fast so wie in Finnland. Oben beim Aussichtspunkt sang ein älterer Mann mit Gitarre Weihnachtslieder auf Estnisch, was für Nicht-Esten einfach furchtbar lustig klingt. :D Der Weihnachtsmarkt auf dem Rathausplatz hatte noch geöffnet. Dort in der Nähe aß ich Bär für schlappe 40 €, aber glaubt mir, das ist es Wert. *‿* Das Preisniveau in Estland ist allgemein etwas höher als bei uns – Estland ist eben Nordeuropa –, aber immer noch güstiger als Finnland. Euphorisiert vom Genuss des Bären probierte ich noch estnischen Glühwein, musste aber feststellen, dass letzterer nicht so der Burner war.
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56 – 57 Ältere Tram
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58 – 59 Moderne Tram in Tallinn
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60 Schloss Katharinental, auch bekannt unter dem Namen Kadriorg, beherbergt heute ein Kunstmuseum sowie den Amtssitz des estnischen Präsidenten. Im Sommer ist es sicher schön hier.^^
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61 Der Schlosspark hat einen Vogel
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62 Nahe der Alstadt
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63 Das Viru-Tor, Zugang zur wunderschönen Alstadt
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64 In der Alstadt
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65 Die mittelalterliche Stadtmauer
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66 Zum Unmut vieler Esten hat sich ausgerechnet die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale zu einer Art Wahrzeichen von Tallinn entwickelt^^
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67 Schaut etwas unheimlich aus^^
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68 Ausblick vom Domberg auf die Alstadt
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69 – 70 Eine der schönsten Alstädte Europas in der Abenddämmerung
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71 Der Weihnachtsmarkt am Rathausplatz
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72 Meister Petz

Da ich meinen zweiten Estland-Besuch nicht wieder zuglos lassen wollte, ging ich danach zum Bahnhof. Ticket gab’s nur im Zug zu kaufen, obwohl der Schalter offen hatte. Knapp 7 km bei 10 min Fahrzeit kosteten 1,30 €. Vom Bhf. Ülemiste fuhr ich dann mit der Tram zurück zu meiner Pension.
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73 – 74 Estnische Züge am Hbf. von Tallinn. Die Anzeige wechselt zwischen Abfahrtszeit und Zielort.

Am nächsten Morgen hatte ich für 5 Uhr ein Taxi bestellt. Die Fahrt zum Flughafe kostete lt. Taxameter 3,20 €, da der Taxifahrer auf mich warten musste, bezahlte ich inkl. Trinkgeld 3,60 €. Nach dem jüngsten Fail von DB Fernverkehr weiß ich: Dafür macht ein Münchner Taxler nicht mal den Motor an. :D Der Fahrer war Russe, wie das wahrscheinlich meistens bei schlecht bezahlten Jobs in Tallinn der Fall ist…
Der Flughafen war klein, nicht allzu modern, aber effizient, es war eh nicht viel los. Für Deutschland war ein Orkanwarnung herausgegeben worden, eingesetzt werden sollte ausgerechnet ein kleines Spielzeugflugzeug mit nicht ganz 100 Plätzen. Aus irgendwelchen Gründen verzögerten sich Boarding und Start um eine halbe Stunde, was überhaupt nicht erwähnt wurde. Die Airline hieß Nordica (daran wird nochmal deutlich, dass die Esten sich nicht als Osteuropäer sehen), deren Flugzeuge waren zwar in Estland registriert und mit estnischen Crews, u. a. der komplette Vertrieb erfolgt aber über die polnische Nationalairline LOT, die 49 % von Nordica besitzt. Die Flüge hatten LO-Codes, Buchung & Online-Check-In laufen über die Seite lot.pl, die Flugzeuge waren in LOT-Lackierung mit einem Nordica-Schriftzug unterwegs. Zwei Jahre später hat Nordica das Linienfluggeschäft mangels Rentabilität eingestellt und konzentriert sich auf Charter.
Der Start war halb acht, Landung in München um 9 (minus eine Stunde Zeitverschiebung). Obwohl ich seit Silvester gesundheitlich ziemlich angeschlagen war, fuhr ich vom Flughafen direkt ins Büro, denn mir fehlen wie immer die Urlaubstage. ;-)
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75 Spielzeugflugzeug^^

Demnächst geht es dann weiter mit Bildern aus Petersburg und Russland. ;-)

Es grüßt
Das Krümelmonster

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Meine Reiseberichte, die vor Mai 2020 veröffentlicht wurden, am besten in Firefox oder Edge öffnen - dort sollten keine Bilder auf der Seite liegen ;-)


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