Russenerlebnisse, Kap. 1: Auf Abwegen & direkt zu den Russen (Reiseberichte)

Krümelmonster @, München, Freitag, 20.03.2020, 13:57 (vor 108 Tagen) @ Krümelmonster

Nie hatte ich weniger Zeit zwischen Sonnenauf- und -untergang erlebt als am heutigen Tag. Da war ich im Winter so weit im Norden und fuhr dann auch noch Richtung Osten.
Ich stand recht früh auf, machte mich fertig und fuhr mit der Tram in die Stadt. Dafür musste ich über 3 € löhnen, fast wie in München.^^ Erst halb neun begann es ganz zögerlich zu dämmern. Am Domplatz beobachtete ich das zwielichtige Spiel der Trams im Morgengrauen, folgende Fotos entstanden kurz nach 9 Uhr Ortszeit.
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23 – 29 Lichtspiel der Trams
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30 – 31 Domplatz
Ja, es sieht schön aus, aber das ist wirklich das Highlight von Helsinki. Wie gesagt, die Stadt ist nicht hässlich, hat aber sonst wenig Besonderes zu bieten – außer der wundertollen Sprache natürlich.^^ Ich lief dann zum nahen Hbf.
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32 Helsingin päärautatieasema (das Wort sieht auch nicht furchteinflößender aus als für jemanden ohne Deutsch-Kenntnisse „Hauptbahnhof“)
Normalerweise beginnen die Sparpreise für den Zug nach Petersburg ab 39 €. Für den 28.12. war der Zug vormittags jedoch bereits am Tag der Buchungsfreigabe schon bei 79 €. Interessanterweise kostete er bei Buchung über vr.fi 79,01 €, obwohl 1- und 2-ct-Münzen in Finnland gar nicht als Zahlungsmittel akzeptiert werden.^^ Ich hatte mein Glück im Reisezentrum des Münchner Hauptbahnhofs versucht. Nachdem ich meinen Wunsch vorgetragen hatte, schaute mich die Dame kurz an, als würden mir gerade drei grüne Tentakel aus dem Kopf wachsen. :D Doch tapfer gab sie die Daten in ihr System ein, schaute tatsächlich noch etwas überraschter und meinte: „Ja, das kann ich Ihnen ausstellen für 79,10 €“. Die Zahlung erfolgte komplett in Form von rewe-Gutscheinen.^^ Es gab keinerlei Hinweis zu den russischen Visa-Vorschriften, die Dame wollte meine Passnummer nicht wissen, das Ticket war noch nicht einmal personalisiert! Das Ticket an sich war auf Deutsch, von Helsinki/Helsingfors nach St. Petersburg, und enthielt keinerlei kyrillische Buchstaben. Zum Glück bekam ich damit keine Probleme.^^
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33 Finnenzug
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34 Da ist das Ding!
Nach einer kurzfristigen Gleisänderung wurde der Zug erst wenige min vor der planm. Abfahrt 10 Uhr bereitgestellt. Die Züge gehören dem Unternehmen Karelian Trains, welches zu je 50 % in Besitz von VR und RŽD ist. Zumindest äußerlich sind sie identisch mit den Pendolinos der VR, bloß mehrsystemfähig. Die Ansagen waren auf Finnisch, Russisch und Englisch (auch hinter der Grenze in dieser Reihenfolge), und da man niemandem zumuten kann, Finnisch als Fremdsprache zu lernen (außer vllt den Esten), bestand das Personal komplett aus Finnen.^^ Mein Ticket wies auch eine verpflichtende Sitzplatzreservierung auf – doch die Plätze im Zug waren überhaupt nicht beschriftet.^^ Ich hatte Platz 1 und setzte mich einfach ans Ende des entsprechenden Wagens. Ob es das richtige Ende war, weiß ich bis heute nicht, aber es war ja auch nicht in Deutschland.^^ Mit + 1 begann der Ritt. Die Auslastung war eher mäßig, viel internationales Publikum, ein paar Finnen, Russen waren kaum oder keine im Zug (die hatten ja auch noch nicht frei). Alle Halte in Finnland waren nur zum Einsteigen, eine Beförderung innerhalb Finnlands ist nicht zugelassen. Das WLAN funktionierte selbst in menschenleeren Gebieten gut, eine Ausnahme war ausgerechnet im Bereich der Grenze (und zwar auf beiden Seiten^^). In Helsinki war gar kein Schnee, ab der Stadtgrenze von Vantaa lag ein wenig Schnee, nördlich von Vantaa dann geschlossene Schneedecke. Eine Ticketkontrolle gab es erst nach Abfahrt in Helsinki, dabei wurde gleich die russische Einreisekarte ausgeteilt, die handschriftlich (RU oder EN) auszufüllen war. Ob ich einen Pass dabei hatte, interessierte bisher keinen Menschen.^^ Der erste Zwischenhalt war bereits nach 12 min Tikkurila (Stadtteil von Vantaa, im Norden des Großraums Helsinki, dort zweigt die kürzere Strecke zum Flughafen ab). Dann bog der Finnenpendolino auf die nördlichste Rennbahn der Welt (> 200 km/h) ein. Mit 220 km/h rauschte er nun Richtung Nordosten. Die Landschaft war menschenleer und verschneit, es gab nur ein paar kahle Bäume. Die Rennbahn verläuft klassisch entlang der Stinktierrenne (Autobahn), wo auch fast nichts los war. Kurz vor Lahti fädelte der Zug dann auf die ABS ein. Im Stadtgebiet von Lahti kurz vor dem Bahnhof erreichte ich meinen bis heute nördlichsten per Bahn befahrenen Punkt (selbst die Flåmbanen ist weiter südlich). Hinter Lahti ging die Fahrt weiter auf der ABS Richtung Osten, meistens mit 180, manchmal 200, manchmal nur 160 km/h, nicht langsamer. Man sah eine menschenleere, leicht gewellte Landschaft, in der der Pendolino seine Neigetechnik sinnvoll einsetzen konnte. Beim nächsten Halt in Kouvola stieg der finnische Zoll zu. Der Zollbeamte schaute dermaßen grimmig, dagegen war selbst Grumpy Cat eine Frohnatur. Man sagt ja, dass die Finnen nicht gern sprechen (warum auch immer haben sie es ja geschafft Nokia zu entwickeln). Ich sagte auf Finnisch Hallo, der Zoll-Mensch kontrollierte meinen Pass und gab ihn mir zurück, ich bedankte mich auf Finnisch, und er sagte einfach: gar nichts. Er schaute mich die ganze Zeit nur grimmig an. Etwas unheimlich.^^ Das Gepäck der Reisenden wurde gar nicht durchsucht – gut, wäre ja auch Schmuggel entgegen der Lastrichtung.^^ Hinter Kouvola wurde die Landschaft etwas abwechslungsreicher, immerhin ein paar Seen, selbst wenn sie nur als leere weiße Flächen zwischen den Wäldern erkennbar waren. Am Grenzbahnhof Vainikkala hielt der Zug 5 min für den Systemwechsel (Finnland AC, Russland DC), hier stieg der finnische Zoll aus, es kam eine Durchsage, dass Aussteigen nur nach ausdrücklicher Erlaubnis des Zolls erlaubt sei. Wer hier einsteigen und nach Russland fahren will, muss 45 min vorher am Bahnhof sein, da die Kontrolle ja nicht mehr im Zug stattfinden kann. Und wer von hier nach Finnland will, muss ein anderes Verkehrsmittel nehmen, da inländische Beförderung ja nicht erlaubt ist und andere Züge hier nicht halten.
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35 – 36 Auf der nördlichsten Rennbahn der Welt
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37 – 38 Lahti, eine graue, wenig einladende Stadt im Schneematsch…
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39 Finnische Fläche
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40 – 41 See Semifreddo
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42 Noch ein See
Nach Eintreffen des Gegenzuges ging es im Schneckentempo weiter und vorbei an martialischen Grenzsicherungen: Stacheldraht, Flutlicht, riesige Beobachtungstürme. Die Grenze wurde im Schritttempo mit + 3 überquert, im Winter ist hier die Uhr eine Stunde vorzustellen. Russland war das 24. Land (inkl. DE), dessen Boden ich im Kalenderjahr 2017 betrat – das soll mir bitte auch erstmal jemand nachmachen [Nachtrag: 2019 schaffte ich 26 Länder und 2018 gar 27!].^^ Eine auffällige Änderung: Ab hier war die Strecke durch einen Zaun vom umliegenden Wald getrennt. 20 min nach Abfahrt in Vainikkala erreichte der Zug Wyborg, vor dem Bahnhof bot sich ein guter Blick über die Bucht auf die Stadt. Als der Zug hier anhielt, hatte es immer noch keinen interessiert, ob ich überhaupt ein russisches Visum besaß.^^ Hier erst stieg der russische Zoll zu. Vor dem hatte ich ja ein bisschen Angst. Der russische Zoll-Mensch wirkte schon deutlich netter als der finnische Griesgram. Er konnte ein bisschen Englisch, fragte kurz, was ich machen wollte. Mein Visum war natürlich in Ordnung, mein Gepäck wieder uninteressant. Hundchen gab es auch hier keine, ich hätte kiloweise Drogen mitbringen können, aber was sollen sie denn damit in Russland? ;-) Statt des Gepäcks der Reisenden untersuchte der Zoll nun eingehend die Schaltschränke des fahrenden Zuges, die er dazu öffnete, während der Zug ruppig mit 200 Sachen durch den Wald Russlands raste. In Finnland war die Laufruhe deutlich besser gewesen, ob das nun an der 4 mm größeren Spurweite oder am vllt besseren Streckenzustand lag, weiß ich nicht.^^ Ab der Stadtgrenze von Petersburg lag kein Schnee mehr, alles war nur grau in grau. St. Petersburg ist übrigens die nördlichste Millionen-Stadt der Welt, Helsinki liegt zwar einen Tick weiter nördlich, aber solange man Vantaa nicht dazurechnet, hat Helsinki weniger als 1 Mio. Einwohner.
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43 Kleiner Wachturm deutlich vor der eigentlichen Grenze
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44 – 45 Wyborg
Am Finnischen Bahnhof in St. Petersburg endete die Fahrt auf die Minute pünktlich, 3:27 h hatte sie gedauert. Die Allegro-Züge halten auf einem Extra-Gleis, man kam von dort nicht ins Bahnhofsgebäude. Ich umrundete den Bahnhof, ging ins Bahnhofsgebäude, wo ich erstmal eine laxe Gepäckkontrolle passieren musste – nervig, aber Standard in Russland. Man versuchte noch, mir begreiflich zu machen, dass ich zum Allegro woandershin müsse, aber ich schaffte es irgendwie, begreiflich zu machen, dass ich nicht zum Allegro wollte, sondern auf jemanden wartete. Schließlich fanden wir uns.
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46 Der Finnische Bahnhof, offenkundig zu einer anderen Jahreszeit aufgenommen ;-)
Wir kauften erstmal Metro-Tickets. Beim Zugang zur Metro werden Reisende mit Koffer sowie die meisten männlichen Reisenden mit Rucksack nochmal extra kontrolliert. Durch den normalen Piepser müssen ohnehin alle, die keinen Herzschrittmacher tragen. Dann fuhren wir die ewig lange Rolltreppe in die Unterwelt, zwei Stationen Metro und anschließend die ewig lange Rolltreppe zurück nach oben. Anschließend zuckelten wir mit der unfassbar langsamen und genauso alten Tram zur Metro-Station in der Nähe von seinem Wohnheim. Ich hatte ein Hotel hier in der Nähe für nicht ganz 30 € pro Nacht reserviert und war reichlich skeptisch, was mich nun erwartete. Es war auf jeden Fall eine der besten Unterkünfte, wo ich in den letzten Jahren gewesen war (allerdings buche ich normalerweise eher einfache Unterkünfte^^). Hier war ein richtiges Hotel mit großem, sauberem Zimmer, das Personal sprach zwar etwas stockend Englisch, aber das lag nur an der mangelnden Übung, Verständigung war gut möglich. Abgesehen von der Lage konnte ich nicht meckern, erst recht nicht über den Preis. Einziges Manko war die Zentralheizung. Eine russische Heizung kennt nur zwei Einstellungen. Die erste heißt: Aus. Mein Kumpel sagte, dass erst im Laufe des Oktobers, als es schon wirklich kalt war, die Heizungen eingeschaltet wurden. Aber die zweite Einstellung heißt: Russkij Winter, mach die Hölle heiß! Draußen waren knapp über 0 °, aber die Heizung heizte für den russischen Winter (der ja normalerweise erheblich kälter ist). Als ich im Zimmer ankam, waren weit über 30 ° Innentemperatur, zum Glück konnte man das große Fenster öffnen und das kleine kippen. Das kleine Fenster blieb auch während meines ganzen Aufenthaltes gekippt. :D
Und anderthalb Stunden nach Ankunft des Allegro wurde es schon wieder dunkel.

Das war sicher eine spannende, aber nicht ganz einfache Form der Anreise. Natürlich geht das auch anders. ;-)
Mittels inkludiertem Rail&Fly genoss ich am Pfingstsamstag morgens eine Fahrt in vollen Zügen (Tee-Dotra) von München über die RbTW nach Kein Flughafen. Am nächsten Morgen ging es mit dem Airport Express bis kurz vor die Stelle, wo irgendwann mal ein Flughafen stehen soll. :p
Durchführende Airline war Rossiya, Tochtergesellschaft von Aeroflot. Interessant war die stetig abnehmende Bevölkerungsdichte auf der Flugstrecke: Nach dem Start flogen wir Richtung Nordosten zunächst über Brandenburg, das ja noch regelrecht dicht besiedelt war. In Polen war schon weniger los. Bei Hel (etwas nordwestlich von Danzig) gelangten wir auf die Ostsee, um bei Riga wieder aufs Festland zu treffen. In Lettland waren kaum noch Siedlungen auszumachen, kurz darauf in Estland nochmal weniger. Der riesige Peipussee (der 5.-größte See Europa, er hat die 7-fache Fläche des Bodensees) markierte die Grenze zu Russland. Dort sah man wirklich keine Zivilisation mehr. :D Erst beim Anflug auf den Zielflughafen waren wieder Städte zu erkennen.
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47 Der Airport Express
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48 Als ehemaliger Berliner, aber mittlerweile Wirtschaftsflüchtling könnte ich mir einen Seitenhieb auf den BER doch nie verkneifen :p
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49 Russenzüge beim Anflug
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50 Schöne Stadtsilhouette^^
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51 Das Flughafengebäude
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52 Schild beim Flughafen: Leningrad, heldenhafte Stadt


Wie es in Petersburg selbst aussieht, erfahrt ihr im nächsten Kapitel. ;-)

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Meine Reiseberichte, die vor Mai 2020 veröffentlicht wurden, am besten in Firefox oder Edge öffnen - dort sollten keine Bilder auf der Seite liegen ;-)


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