Die Kirche muß im Dorf bleiben (Allgemeines Forum)

Blaschke, Donnerstag, 24.02.2011, 00:52 (vor 5568 Tagen) @ JumpUp
bearbeitet von Blaschke, Donnerstag, 24.02.2011, 00:53

Mahlzeit!


Jetzt lesen wir hier in kürzester Zeit von vielen Fällen illegaler Führerstandsmitfahrten. Die Dunkelziffer ist garantiert extrem hoch. Denn es ist richtig: Kluge Menschen schreiben darüber nicht, sie genießen es. Manchmal hat so eine Führerstandsmitfahrt aber auch sein Gutes: Diese Tür im Steuerwagen eines Zuges trennt doch mehr als nur den Raum zwischen Lokführer und Fahrgästen. Jenseits der Tür betrachtet man selbst als Fahrgast die anderen Fahrgäste doch mit ganz anderen Augen; es tut sich faszinierenderweise eine ganz andere Welt und Betrachtungsweise auf. Was das Verständnis für manch Foren-Beitrag von Lokführern dann doch arg erhöhte...

Nun kann ich mich, wenn es um illegale Führerstandsmitfahrten geht, allerdings an keine einzige Story erinnern, wo es deswegen zu ernsthaften Schäden aller Beteiligten gekommen ist. Das Risiko scheint sich also in überschaubarem Rahmen zu halten.


Ich traue schon jedem Lokführer zu, selbst zu entscheiden, inwieweit er sich "ablenken" läßt durch eine offene Tür oder ein Gespräch mit Fahrgästen oder Familienangehörigen/Freunden. Ich traue jedem Lokführer zu, seine Verantwortung gegenüber sich und den Fahrgästen so wahrzunehmen, dass niemand zu Schaden kommt. Auch wenn manch Verhalten dann eben nicht zu 100,000% den Paragraphen entspricht. Das stupide Herausschauen nach draußen ist manchmal sicherheitstechnisch vielleicht sogar besorgniserregender als eine gewisse Abwechslung, welche erhöhte Aufmerksamkeit erfordert.

Wir können ja mal einen Fall konstruieren: Der Lokführer mußte am freien Tag ran, den ganzen Tag schon fahren die Züge mit Verspätung und der Mann/die Frau am Hebel ist nachvollziehbarer Weise genervt. Da kommt ein Bubi, drückt sich die Nase an der Scheibe platt und interessiert sich für das Tun des Lokführers. Ob dann wirklich die Welt untergeht und ein Zugunglück droht, wenn der Lokführer die Tür öffnet und dem Bubi mal hier und da was erklärt? Oder die Lady dem sabbernden Fuzzy mal zeigt, was frau alles kann? ;-))


Sich Verantwortung bewußt machen und Verantwortung zu übernehmen - DAS ist das entscheidende. Und nicht das, was auf einem Stück Papier niedergeschrieben steht. Dass man dann für sein Handeln eben auch gerade stehen muß, ist natürlich selbstverständlich.

Aber wenn wir schon dabei sind, dann müssten wir auch über telefonierende Lokführer spreche und über rauchende Lokführer. Über welche, die essen während der Fahrt. Oder die sich einen Tee aus der Thermoskanne genehmigen. Und durch diese "Tätigkeiten" ebenfalls in gewisser Weise abgelenkt werden.


Wir sollten also doch die Kirche im Dorf lassen. Aus gutem Grunde ist es selbstredend verboten, Fremde auf dem Führerstand zu lassen. Aus nachvollziehbarem Grunde wird davon aber manchmal abgewichen - ohne dass die Beteiligten zu Schaden kommen. Und passieren kann auch dann was, wenn sich der Lokführer allein auf seiner Lok befindet.

Ich erinnere mich an einen "interessanten" Fall: DB Autozug hatte im Rahmen einer Aktion Tickets für eine internationale Autozugrelation wirklich verramscht; was allerdings nur Insidern bekannt war. Für 15 Euro für Hin- und Rückfahrt konnte man knapp 40 Stunden Zugfahren. Der Zug war voll mit Bahnverrückten und Bahnmitarbeitern, die das Angebot nutzten. Im Zug lernten wir auf der Rückfahrt dann einen Fahrgast samt Familie kennen, der den regulären Preis bezahlt hatte - mehrere hundert Euro; okay, allerdings mit Auto. Der war natürlich leicht angefaßt, als er von unserem Preis hörte. Wir bekamen dann später zufällig mit, dass der Gute sich höflich (!) an das Zugteam gewandt hatte; man hatte dann für seinen Jungen eine Führerstandsmitfahrt auf einem landschaftlich sehr schönen Teil der Strecke organisiert. Der Junge war total happy und der Familienvater schlußendlich versöhnt mit der Bahn. Wir alle haben die Fahrt unbeschadet überstanden, auch an Zwangsbremsungen etc. erinnere ich mich nicht. Nur die Paragraphenreiter hätten vermutlich einen Infarkt bekommen.


Schöne Grüße aus der Friedensstadt Osnabrück vom

blaschke


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