Exkurs: Preisfindung und Kostenrechnung (Allgemeines Forum)

Avmz, Freitag, 07.01.2011, 15:03 (vor 5615 Tagen) @ ice_pendler

Moin zusammen,

na das ist ja mal ein Thema, bei dem es sich lohnt einen Account im Forum einzurichten. ;-)

Ich denke bei der BC100 kommen in Deutschland ein paar Faktoren zusammen.

Ich selber bin jahrelang zwischen Koblenz und Mainz gependelt. Zunächst hatte ich eine Streckenzeitkarte im Abo 2. Klasse, später 1. Klasse, weil nach der Eröffnung der NBS die Züge der Rheinstrecke zu den Pendlerzeiten unerträglich voll wurden. Ich habe immer wieder versucht, mir eine BC100 schön zu rechnen, ging aber nicht. Die reinen monatlichen Kosten für die BC100 wären erst bei der Distanz Koblenz-Frankfurt tragbar gewesen.
Da ich zudem mit meinem Weibe nicht verheiratet bin und wir keine Kinder haben, hätte ich bei der BC100 keine Partnerkarte bekommen. Mit der Streckenzeitkarte konnten wir aber Samstags zum shoppen nach Mainz fahren, ein echter Mehrwert.

Bei meinem nachfolgenden Arbeitgeber war ich dienstlich viel unterwegs, daher hatte ich eine BC100 statt Firmenwagen (erst 2. Klasse, später 1.). Ich habe mir aber manches mal gewünscht, doch einen Wagen statt der Karte zu haben, denn:
Geringe Flexibilität beim vereinbaren von Kundenterminen. Von Koblenz nach München, Berlin oder Hamburg bedeutete immer den frühestmöglichen Zug zu nehmen, und dann, je nach Stadt, frühestens zwischen 10:30-11:30 am Bahnhof(!) zu sein. Also kein Kundentermin vor 11:30-12:00 und immer hoffen, dass die Züge pünktlich sind (was ja ein Glücksspiel ist).
Dazu kommen Folgekosten. Gibt es ÖPNV Anbindung vom/zum Bahnhof? Bei den frühen Zügen von Koblenz nein, also Taxi. Bei Fahrten in Gewerbegebiete auch oft nicht, also Taxi. Bei Rückkehr spät in der Nacht oftmals auch nicht mehr, also Taxi. Zudem ist außerhalb der Großstädte nicht sicher, ob die BC100 überhaupt anerkannt wird (selbst in Berlin ja wohl nur in der Tarifzone A). Von Kunden die nicht gerade in zentraler Großstadtlage sitzen sondern Außerhalb oder richtig auf dem Dorf mal ganz zu schweigen.
Im dienstlichen Gebrauch stören mich die Zusatzkosten natürlich nicht wirklich. Allerdings hatte ich auch genug Kunden, die besonders frühe oder späte Termine wollen, da konnte ich dann auch gerne mal planmäßig zwei Stunden nachts auf einem Bahnhof verbringen oder noch die Kosten für eine Übernachtung dazurechnen.

Dazu kommen Fußwege und ÖPNV-Wege. Beladen mit Notebook, Unterlagen, mind. zwei Liter Wasser für die lange Reise, also Schlepperei.

Themen wie Zugverspätungen, Ausfälle, fehlende Wagen (inzwischen ja auch bei den A-Wagen Standard) kommen hinzu.

Momentan mache ich mich selbständig. Langfristig werde ich ich fragen müssen, ob ich bei meiner momentanen BC25 first bleibe (ein Auto hatte ich noch nie, aber eine Garage dafür), auf BC100 first gehe oder mir ein Auto anschaffe. Dabei spiele die Faktoren, Bequemlichkeit (vor der Hautür einsteigen, beim Kunden vor der Tür aussteigen, das Wetter kann mir weitestgehend egal sein) und (Zusatz)kosten eine Rolle. Ferner kann ich ohne Mehrkosten meine besser Hälfte zu Besuchen, shopping usw. mitnehmen. Auch brauche ich kein Carsharing mehr (in Koblenz eh sehr mager) wenn ich mal einen Großeinkauf plane.

Die Faktoren die ich immer bei der Bahn propagiere, entspanntes Reisen, man kann arbeiten usw, sehe ich inzwischen differenzierter.
Beides trifft nur zu wenn die Züge pünktlich sind, ich einen Sitzplatz habe, ich bei längeren Fahrten eine Steckdose habe. einen Tisch fürs Notebook, und über WLan brauchen wir eh kaum zu reden. Im IC sind die Sitze inzwischen überall durchgeritten, so das einem schnell der Hintern weh tut. Themen wie ausgefallene Klimaanlagen im Sommer oder WInter, kennen wir ja zur Genüge.

Was nützen mir DB Loungen, wenn sie nur auf einer Handvoll Bahnhöfe sind und spät öffnen und früh schließen (habe schon oft vor verschlossenen Türen gestanden bzw. wurde rausgeschmissen, weil eben Ende der Öffnungszeit war, egal ob mein Zug +90 hat oder nicht).

Diese Faktoren, plus der schlechten (bis gar keine) Werbung der Bahn für die Karte, dem teilweise miserablen lokalem ÖPNV und der Verliebtheit der Deutschen in Ihren Umweltverschmutzer sorgt nicht gerade für ein Erfolgsmodell BC100.

Das es besser geht zeigt die Schweiz mit den einfachen Grundfaktoren. Flächendeckender enger Takt, hohe Verlässlichkeit (ein Schweizer duldet eben keine Abweichungen vom Plan) und klares Tarifsystem (die GA gilt ja praktisch immer), verbunden mit dem politischen Willen, die Bahn zu bevorzugen.
In Deutschland bist du der Dumme bei der Pendlerpauschale wenn Du kein Auto hast (Betrag wird gedeckelt), in der Schweiz muss man beim Finanzamt begründen(!) warum man das Auto statt die Bahn benutzt.

Schönen Gruß
Avmz
(www.ihr-zugbeleiter.de)


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