"geht in Florenz auch, warum nicht in Stuttgart?" (not!) (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Donnerstag, 21.10.2010, 17:11 (vor 5689 Tagen) @ Mario

Unser alter Freund Breimeier mischt jetzt wie zu erwarten auch kräftig mit, wenn es drum geht, jetzt in aller Eile noch schnell irgendwelche Alternativen zu Stuttgart 21 in den Raum zu werfen:

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/bahnhof-in-der-vorstadt-der-kompromis...

Tatsächlich hatte ich auch mal eine solche Gedanke: also ein Fernbahnhof am Rande der Stadt, der den Kopfbahnhof entlasten soll und später für echten HGV vorbereitet ist.
Wenn ich das richtig verstanden habe, ist die Idee "unseres Freundes" von der Soll-Situation in Florenz geklaut. Auch dort wird der Bahnverkehr neu gestaltet:

1. im Kopfbahnhof (Santa Maria Novella) nur Regionalverkehr, Fernverkehr der dort endet (etwa Eurostar Italia Turin-Florenz) sowie Fernverkehr von/nach Mittelmeer (etwa Eurostar Italia Rom-Florenz-Genova).
2. Fernverkehr auf der Achse Rom-Mailand hält in einem Fernbahnhof an Rande der Stadt.
3. Fernverkehr, der dort nicht zu halten braucht, knallt mit 250-300 vorbei.

Leider funktioniert das nicht in Stuttgart:

1. Deutschland ist kein Italien:

a. dank der politischen Lage Italiens (HGV ist Staatssache) konnte stufenweise eine ununterbrochene Schienenautobahn Neapel-Turin gebaut werden. Dies wäre in Deutschland unmöglich (Kleinstaaterei), man hört sich die Meckereien von Mannheim und Darmstadt an;
b. Italien konnte von EU-Subventionen profitieren, welche teilweise von Deutschland bezahlt wurden.
c. die Autolobby in Italien ist kleiner als in Deutschland: Fiat und Lancia haben nunmal weniger Marktanteil als Opel, Ford, Mercedes, Audi, BMW und Volkswagen.
d. bei Italien war auch der Güterverkehr ein Argument für den Bau des HGV-Netzes, während Deutschland schon erheblich Güterstrecken hatte.

2. München-Köln ist kein Rom-Mailand:

a. demographisch: Rom und Mailand sind weitaus die größten Städte Italiens; damit verglichen sind Bologna und Florenz relativ klein;
b. verkehrstechnisch: Rom-Mailand ist die einzig wahre nationale Verkehrsachse Italiens mit einer für reinrassigen HGV prädestinierten Abstand. Hinzu kommen noch Turin-Genova, Mailand-Trieste und Bologna-Mestre aber die haben schon weniger Bedeutung.
In Deutschland gibt es zumindest 8 gleich wichtige Achsen, nämlich das Viereck B-HH-NRW-M, dessen Diagonalen, NRW-M auch via N statt S sowie die Achse Frankfurt-Basel. Es gibt also keine eindeutige Strecke M-K;
c. geologisch: die teuersten Kunstbauten befinden sich auf einer relativ kurzen Streckenabschnitt: Bologna-Florenz. Florenz-Rom hatte man schon; die restlichen Strecken liegen in Flachland.
Dagegen müßte in Deutschland zahlreiche Mittelgebirgen überbrückt und untertunnelt werden.

3. Stuttgart ist kein Florenz:

a. der Nahverkehrsaufkommen in Florenz ist wesentlich kleiner als in Stuttgart (so vermisst Florenz ein S-Bahn-System);
b. Florenz hat keinen Flughafen, der notwendig HGV-Anschluß braucht;
c. in Florenz ist das Taktsystem weniger wichtig, weil es echter HGV gibt das die Wartezeitverluste wettmachen kann (und auch in Italien gibt es schon ITF-Überlegungen, "Orario Cadenzato Integrato").


gruß,

Oscar (NL).

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Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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