Eine (kleine) Ergänzung / derzweitwichtigste Tag für die Ba (Allgemeines Forum)

bigbug21, Dienstag, 31.03.2009, 08:23 (vor 6311 Tagen) @ Dan_P

Hallo Dan_P,

Nun, ich war als Kunde in den letzten 12 Monaten gut 85.000 Kilometer mit der Bahn unterwegs und stehe dem Saftladen sicher nicht unkritisch gegenüber. Mehdorn nun jedoch aus nicht nachvollziehbaren Gründen über Nacht aus dem Job zu befördern scheint mir jedoch höchst fragwürdig.


Also, die Datenaffäre ist alles andere als nicht nachvollziehbar und durchaus ausreichend, dass Mehdorn zu gehen hatte. Denn entweder war er zu dämlich, um solche Umtriebe nicht mitzubekommen, oder aber er hing mit drin. Egal, was zutrifft, er war als Vorsitzender für die Bahn verantwortlich, so auch dafür, dass sich der Laden an geltende Gesetze hält.

Ich rätsle im Moment immer noch, was unter dem Strich tatsächlich passiert ist. Die Kurzfassung:

* Der Abgleich von Mitarbeiterstammdaten mit denen der Lieferanten und anderer Geschäftspartner ist ein übliches Verfahren und wird auch bei vielen anderen großen Unternehmen praktiziert, ohne das sich jemand darüber aufregen würde. Wie dem Zwischenbericht der DB entnommen werden kann, ergaben diese Abgleiche auch eine größere Zahl von Verdachtsfällen, von daher habe ich auch an der Effektivität dieser Maßnahme kaum ein Zweifel.

* Der automatische Abgleich von E-Mail-Adressen mit denen bestimmter Journalisten scheint mir ebenso ein probates Mittel, um wesentliche Lecks im Unternehmen zu identifizieren. Ich bin kein Fan des Saftladens, aber es wäre der Unternehmensführung meines Erachtens schon ein Vorworf zu machen, wenn solche und andere Maßnahmen nicht ergriffen würden, um zu verhindern, dass sensitives Material in schöner Regelmäßigkeit an die Öffentlichkeit gelangt, dort (bewusst oder unbewusst) aus dem Zusammenhang gerissen und fehlinterpretiert wird. Der Betriebsrat war, wie ich der gestrigen Rede von Herrn Mehdorn entnommen habe (ohne das dem widersprochen) wurde, hierüber informiert und eine Betriebsvereinbarung darüber abgeschlossen.

* Dutzende von Projekte, die die DB u. a. auch mit der ominösen "Network" durchführte, fußten auf konkreten Verdachtsmomenten und führten in der Mehrzahl der Fälle zu Konsequenzen, die wirtschaftlich schädliches Verhalten von dem Unternehmen (und damit nicht selten auch vor dem Steuerzahler) abwendeten. Dem wurde meines Wissens nach bislang nicht widersprochen.

* Wer über das (fragwürdige) "schnüffeln" hinaus dem Unternehmen "Stasi-Methoden" vorwirft, tut vielen tausend Menschen in höchstem Maße Unrecht, die eine ganz, ganz andere Qualität von systematischen (und in der Regel unbegründeten) Eingriffen in ihre innersten Persönlichkeitsrechte erlebt haben. Ich finde das abartig und eine Schande gegenüber den unzähligen Opfern eines Regimes, das weit mehr als Anschriften und Bankverbindungen seiner Bürger abgeglichen hat.

* Wären bislang derartig schwerwiegende, unbegründete Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte von DB-Mitarbeitern tatsächlich nachgewiesen, bestünde an der Ablösung des Vorstandsvorsitzenden auch für mich keinerlei Zweifel. Was mich sehr nachdenklich stimmt, ist -- und da muss ich Herrn Mehdorns Aussagen in seiner gestrigen Rede zustimmen --, dass unter dem Strich nichts strafrechtlich Relevantes belegt ist und allenfalls Ordnungswidrigkeiten vorliegen KÖNNTEN. Ich bin froh, dass wir in Europa in vielen Bereichen darüber hinweg sind, Menschen aus bloßem öffentlichem Druck Unrecht zu tun, sie quasi erst zu verurteilen und dann nüchtern zu gucken, was tatsächlich vorgefallen ist. Dieser Fall scheint mir -- auf Basis der im Moment vorliegenden Informationen -- leider eine Ausnahme.

* Versteht mich nicht falsch: Ich bin bei weitem nicht mit allem Einverstanden, was dieser Saftladen produziert. Bis vor kurzem war ich selbst noch tausende Kilometer Monat für Monat auf deutschen Schienen unterwegs und hatte letztlich die Schnauze voll, mir das weiter anzutun. Ich bin auch kein ausgesprochener Fan von Herrn Mehdorn und stehe einiger seiner Positionen durchaus kritisch gegenüber. Man kann sicher auch darüber diskutieren, ob eine Ablösung nicht beispielsweise allein schon deshalb sinnvoll ist, da er es sich mit seiner ruppigen direkten Art mit so vielen verscherzt hat, dass das Unternehmen nicht mehr steuerbar ist. In einer tiefen Krise nun aber Herrn Mehdorn und Herrn Sack aus den vorliegenden von Bord gehen zu lassen scheint mir nicht nachvollziehbar.

Viele Grüße aus Dresden
Peter

--
unterwegs für freie Eisenbahn-Geodaten


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