Alterspyramide (Allgemeines Forum)

ICE 1517, Sonntag, 03.03.2024, 13:02 (vor 923 Tagen) @ Barzahlung

Genau und die lauten, wer gute Arbeitsbedingungen und ein hohes Gehalt bietet, der findet auch Leute, die die Arbeit machen wollen.


Wenn es nur so einfach wäre.

Das Statistische Bundesamt zeigt auf seiner Internetseite auch die Alterspyramide:
https://service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/index.html#!y=2023

Wenn man jetzt mal bei der magischen Altersgrenze von 65 schaut, rutschen da jedes Jahr etwa 1,1 Mio Menschen in den Rentenbereich rein. Und gleichzeitig haben wir unten bei den 20jährigen nur etwa 0,8 Mio Menschen, die nachkommen. Grob gesagt brechen uns jedes Jahr 300.000 Arbeitskräfte weg, einfach so.
Und das sind nicht nur diese 300.000 Arbeitskräfte, die uns da fehlen. Die Altersstruktur sorgt natürlich auch dafür, dass wir in gewissen Sektoren sogar mehr Arbeitskräfte brauchen, beispielsweise im Bereich Medizin und Pflege.

Der Arbeitsmarkt funktioniert natürlich über Angebot und Nachfrage und daraus entsteht dann der Preis für eine Arbeitskraft. Die Aussage von dir, dass gute Arbeitsbedingungen und hohe Gehälter dafür sorgen, dass man auch Arbeitskräfte findet, ist unter dem Gesichtspunkt absolut richtig. Allerdings verschieben wir das Problem dann einfach nur an eine andere Stelle: Irgendwer muss das ja trotzdem bezahlen und Mobilität ist einfach ein Grundbedürfnis, insofern zahlen wir alle das und haben somit auch Inflation.

Gleichzeitig ziehen wir natürlich die Arbeitskräfte auch aus anderen Branchen rüber und sorgen damit dort für einen Mangel.

Wenn man wirklich aus diesem Teufelskreislauf ausbrechen will, gibt's ein paar andere Möglichkeiten:

1. Wir bräuchten mehr Geburten (da haben wir jetzt allerdings 20 Jahre Verspätung...) oder Zuwanderung.
2. Und wir sollten uns auch mal darüber unterhalten, wo Basisleistungen für unsere Gesellschaft erbracht werden oder wo wir über Komfortleistungen sprechen. Ein Beispiel: Während Corona haben Lebensmittellieferdienste enorm an Popularität gewonnen. Jetzt kurvt also 20 Minuten lang ein Fahrer zu mir und bringt mir meinen Einkauf, was ich eigentlich genauso gut selbst erledigen könnte, wenn ich in den Supermarkt gehe. Das sind natürlich auch Jobs, die Arbeitskräfte binden.
3. Können wir es uns in so einer Situation wirklich leisten, in diversen Branchen die Wochenarbeitszeit zu reduzieren und den Mangel weiter zu verschärfen? Das Problem wird uns an ganz anderen Stellen wieder einholen. Wir werden mit der gewonnenen Zeit ja irgendwas machen, also vermehrt den Freizeit- und Tourismussektor (und wohl auch Verkehrssektor) in Anspruch nehmen und somit dort für einen Mehrbedarf an Arbeitskräften sorgen. Desweiteren gehen dem Staat ja auch Einnahmen verloren und die Haushaltsverhandlungen zuletzt haben ja auch gezeigt, dass uns hier ohnehin schon einiges fehlt.

Persönlich stößt die Idee, die Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich zu reduzieren, bei mir auf wenig Gegenliebe. Sicherlich schön für jeden, der davon profitieren kann. Aber wenn wir das als Gesellschaft einmal so komplett durchziehen, kriegen wir ein gewaltiges Problem.

Wer jetzt wirklich das Bedürfnis hat, seine Wochenarbeitszeit reduzieren zu wollen, kann das auch jetzt schon tun - nur eben ohne Lohnausgleich. Gesetzlich gibt's dazu im Teilzeit- und Befristungsgesetz entsprechende Passagen, dass der Arbeitgeber entsprechende Wünsche nur gut begründet ablehnen kann. Zudem sind wir gerade in einer Situation, in der der Arbeitgeber wohl eher einem Teilzeitwunsch zustimmen wird, anstatt eine Arbeitskraft komplett zu verlieren.
Das halte ich persönlich momentan für den gesünderen Weg, anstatt per Tarifvertrag das für alle durchzusetzen.


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