NL: Staus vs. Wert ÖV-System. (Reiseberichte)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Montag, 24.10.2022, 14:38 (vor 1247 Tagen) @ G5E5J8

Hallo G5E5J8,

Nun ja, so gut ist das ÖPNV-System in den Niederlanden auch nicht, wenn man sieht, wieviel Stau es dort gibt.

Ich kann auch sagen: Jan und Petra lieben Staus, finden sie schön. Sonst würden die beiden ja nicht mitmachen. Egal wieviele Öffis verkehren.

Gut, mal ernst.

Es gibt viele Gründe warum Jan und Petra das Auto bevorzugen. Vermutlich sogar dieselbe wie die Gründe von Otto und Bärbel. Dazu gehören nebst materielle Gründe (schneller, billiger) auch immaterielle Gründe die system-inherent sind und man also nicht ändern kann. Die bekanntesten: 1. man braucht keine Fahrkarte zu kaufen, 2. das Auto hat bei Abfahrt niemals Verspätung, und 3. man braucht nicht umzusteigen.
Und auch im Stau hat man einen reservierten Sitzplatz, sogar ohne zusätzlich dafür zahlen zu müssen und ohne von Anderen belästigt zu werden. Man kann eine Zigarette anzünden, die Stereoanlage voll hoch drehen, den Vorfahrer komplett verfluchen und beschimpfen. Das ist alles im Zug nicht erwünscht.

Und wenn Jan und Petra dann doch meckern über die vielen Staus, dann finden sie eher dass es zu wenig Strassen und Parkhäuser gibt als dass es zu wenig Öffis gibt.

Mein Eindruck ist, dass Jan und Petra viel individualistischer sind als Otto und Bärbel (und dass der aktuelle Neoliberalismus das ganze noch verstärkt). Die zwei Deutschen wären bereit zusammen ein Auto zu teilen, während die beiden Niederländer unbedingt ihr eigenes Auto vor der Tür haben müssen.

Offenbar ist der ÖPNV in den Niederlanden auch nicht wirklich eine Alternative...

Nicht für jede*, dennn eine 100%ige Alternative ist systembedingt nicht möglich. Dafür ist er dann eine Alternative für einen signifikanten Teil der Bevölkerung. Zumindest genug für 15-Minutentakte auf Hauptstrecken.

...wird es in Teilen sogar immer weniger.

Das ganze ÖV-System kostet Geld, und man muss bereit sein, es auszugeben. Wenn man pro Einwohner nur ein Drittel der schweizer Quote ausgibt, muss man auch nicht erwarten, dass das NL-System CH-Qualität hat.
Was bei uns vor allem passiert: dort wo Öffis zu viel sind, wird gespart; dort wo es zu wenig gibt, wird investiert. Netto investiert man aber eher nicht, man verschiebt nur Moneten.

So war z.B. die Verbindung von Het Gooi nach Amsterdam Süd / Schiphol (eine klassische Pendelstrecke) für diejenigen, die nicht in Hilversum leben, um 2010 wesentlich besser als heutzutage.

Ich weiss. Bevor der R-NET Zeit gab es in der HVZ umsteigefreie Schnellbusse nach Amsterdam via die Autobahn A1. Ab Kortenhoef, Loosdrecht, Laren, Blaricum, Huizen, Naarden, Bussum. Dann war man der Meinung, Bus und Bahn sollten einander nicht im Wege stehen, also keine Parallelverkehre. Zudem standen die Schnellbusse vermehrt im Stau.
Also wurden die Schnellbusse verkürzt oder wegrationalisiert; die Fahrgäste sollten stattdessen zum Bahnhof Naarden-Bussum fahren und mit der Bahn weiterreisen. In Weesp war jede 15 Minuten eine Korrespondenz Hilversum/Almere - Weesp - AMS Centraal/AMS Zuid, mit "Sprinter".

Nur schade, dass:

1. weder in Naarden-Bussum noch in Weesp der "IC" hält;
2. aus einer ehemaligen Direktreise eine Zwei-Umstieg-Reise wurde.

Also stiegen Jan und Petra auf das Auto um, erhielten die Autobahnen neue Fahrspuren um den Staus vorzubeugen während das Bahnangebot auf der Gooistrecke nur geringfügig besser wurde.


gruß,

Oscar (NL).

--
Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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