Tschechiens Radinfrastruktur hätte so Ansätze (Reiseberichte)

J-C, In meiner Welt, Freitag, 21.10.2022, 13:27 (vor 1247 Tagen) @ Oscar (NL)

Es ist vermutlich so, dass die nicht so gute Verfügbarkeit von Autos ein paar Dinge nach dem Fall des eisernen Vorhanges hervorrief:

1. Wer auch immer das Geld dafür hat, schafft sich ein Auto an. Wie in der Schweiz wird der MIV in Tschechien öfters von Leuten von Außerhalb unterschätzt. Natürlich ist der Besitz eines Autos etwas, was mit Prestige zu tun hat. In Ländern wie Polen vermutlich sogar noch mehr.

Nicht ohne Grund war es ja ein tschechischer Milliardär, der in Deutschland für Aufsehen mit seiner kleinen Spritztour sorgte.

2. Wer auch immer das Auto nicht nehmen kann oder will, kriegt Alternativen, die sich immer weiter verbessern:

Breclav kenne ich als eine Stadt, welche abseits des Bahnhofsviertels ziemlich trist ist. Hier findet viel Durchzugsverkehr statt, weil man bis dato auf eine Umgehungsstraße verzichtet hat. Damit tut man den Anwohnern an der Hauptstraße keinen Gefallen.

Anderseits hat es durchaus ein gewisses Stadtbusnetz, vor allem aber eines: Radinfrastruktur. Und das nicht zu knapp. Auf meinem Spaziergang durch die Stadt war ich positiv überrascht über die oft großzügigen Radwege, wo man definitiv ziemlich gut mit einem Lastenrad fahren könnte (hab so eins noch nicht dort gesehen) oder eben auch andere Radler überholen kann. Ebenso hat man wie immer öfter in Tschechien einen Biketower aufgestellt. Also eine wettergeschützte, sichere Abstellmöglichkeit, wo ich auch ein E-Bike gerne abstellen kann. Anstelle von Park&Ride setzt Tschechien also eher auf Bike&Ride.

3. Busfahren in Tschechien ist scheinbar beliebter als anderswo

Wenn ich morgens oder Nachmittags auf dem Land den Bus nehme, kriege ich nicht immer einen Platz, manchmal wird es sogar ziemlich dicht. Der Busverkehr wird grundsätzlich angenommen und man muss sich definitiv nicht dafür schämen, wenn man diesen nimmt. Generell fühlt sich Busfahren in Tschechien wie etwas an, was ein wenig mehr Wert kriegt. Aus alten Zeiten hat man je nach Ort durchaus auch Busbahnhöfe mit beheizten Warteräumen geerbt, Fernbusse gab es dort schon, bevor sie in Deutschland cool geworden sind - was daran liegen kann, dass man mit diesen an so einigen Orten derzeit schneller ans Ziel kommt als per Bahn.

4. Man verdient einfach weniger in Tschechien, also kann man sich weniger leisten.

Wer glaubt, dass Tschechien ein Bahnland aus Überzeugung ist... naja, das kann man gerne glauben wenn man will. Ich bin aber der Meinung, dass der Grund ziemlich banal ist: man verdient oft einfach nicht genug, als dass man sich einfach so ein Auto mit all seinen Kosten leisten kann. Die Teuerung macht es nicht besser. Wie schon gesagt, es ist viel billiger, den ÖV zu nutzen, als das Auto. Selbst mit Fernverkehrszügen über dem Ryhlik, die ja meist nicht zum Verbundstarif genutzt werden können. Es hat seine Gründe, dass der Modal Split so liegt, wie er es eben ist.

Dabei wird es Umsteigern vom Auto nicht unbedingt leicht gemacht. Will man Fahrpläne sehen, kriegt man sie nicht alle auf der App des nationalen Betreibers CD, dafür braucht man IDOS. Warum auch immer. Das ist so, als ob der DB Navigator nur die Bahnverbindungen der DB und der regionalen Betreiber kennen und bepreisen kann und weder Busse noch Mitbewerber aufscheinen würden.

Und stattdessen bräuchte man eine extra App, die auf einem Server eines Nachrichtenportals gehostet ist, um alle Verbindungen überhaupt zu kriegen. Das ist die Realität in Tschechien.

Es gab eine lange Zeit, da kannte die CD App nichtmal den bestellten Regionalverkehr anderer Bahnen.

Und nein, die Ansprüche des Tschechen von heute sollten nicht weniger sein als das, was man in Deutschland erwartet von einem ÖPNV. Also gut gepflegte, saubere Stationen, moderne, klimatisierte Züge ohne Barrieren... das ist etwas, was nach wie vor oft fehlt. Meine Relation ist auf der Seite der Bahn vollständig durch den Fernvekehr erreichbar (Nein, ein Ryhlik ist kein Regionalexpress, sondern Fernverkehr!). Wenn ich mir die Personenzüge anschaue, fahren da nach wie vor lokbespannte Züge. Eine Weile müsste ich da mit alten quietschenden Abteilwagen, die 8 Sitze pro Abteil haben, wo die Beinfreiheit jedoch ein Witz ist, Vorlieb nehmen. Das müssen all jene, die das Pech haben, zwischen den Fernverkehrsstationen einsteigen zu wollen. Auf den Kurzläufern werden erst jetzt die sonst eingesetzten Dieseltriebwagen (auf vollständig elektrifizierter Strecke) durch neue Elektrotriebwagen ersetzt. Es war eine Überraschung für mich, als ich an einem Samstag plötzlich einen Regiopanter in Breclav sah.

Und solche und noch schlimmere Dinge gibt es eben sehr oft in Tschechien. Und wenn die Strecke nicht modernisiert wurde und es eine Nebenbahn ist... naja, da hilft auch ein Regiopanter nicht, das ist ungemütlich.

All das sind Dinge, die in Angriff genommen werden, aber was ich damit verdeutlichen will ist, dass man nicht unbedingt den ÖPNV in Tschechien nimmt, weil er so angenehm ist, sondern eher, weil man keine Alternativen hat.

Das kann man zum Vorteil nutzen, um damit den Bedarf für weitere Ausbauten zu finden und dann irgendwann eine hohe Qualität zu behalten.

Wenn man das nicht tut, wird das Auto halt früher oder später für mehr Leute leistbar. Dann werden die Leute vielleicht eher darauf umsteigen.

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Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky


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