Gebt der Sache zumindest eine Start-Chance (Allgemeines Forum)

Alibizugpaar, Köln (im Herzen immer noch Göttinger), Mittwoch, 07.04.2021, 13:10 (vor 6 Tagen) @ idle2

Wartet doch die Buchungsmöglichkeiten und Preise ab. Vielleicht kann man ein Liegeabteil für sich und seine Begleitung zur Alleinnutzung buchen ähnlich wie beim Alpen-Sylt-Express, der übrigens auch lange Stunden, teilweise mit extra Zeitzuschlägen unterwegs ist.

Von einem Armutszeugnis würde ich schon vor der ersten Fahrt nicht sprechen. Schaut, welche Fahrzeiten der Berlin-Malmö-Express (teilweise bis Stockholm) hatte und doch war er nicht schlecht nachgefragt. Auch nur mit Liegewagen.

Der EuroSleeper will ein Angebot A zum Preis B mit Fahrzeiten C anbieten und es wird sich zeigen, welches Kundensegment die Sache wie annimmt. Wenn der neue Zug nicht nur, aber überwiegend für nachtreisende Teenager, junge Familien und Individualisten geeignet ist, ja warum nicht? Es geht auch nicht jeder ins Edelrestaurant 'Creme de la Moët & Chandon' oder ins zünftige Landgasthaus 'Zur alten Dorflinde' zum Grünkohl essen. Mc'Do, Döner & Co haben auch ihre Klientel gefunden.

Will sagen: Lasst die Sache anlaufen, schaut und horcht, probiert es aus wenn's passt und dann lasst uns bewerten. Ich bin mir sicher, daß jeder neue Nachtzug-Marktteilnehmer auch Optionen wie Schlafwagen und alternative/schnellere Trassenzeiten strategisch im Auge behält. Lieber klein anfangen und sich dann aufwärts voran tasten als wie beim EuHoTra mit seinen individuell bedufteten Talgo-Schlafwagen auf Europakreuzfahrt, wo Touristen aus den USA zwar eingeflogen, dann aber doch verarscht wurden und nur in Reisebussen saßen.

Oscar, ein Vergleich:

NightJet Hamburg 20:00 - 09:00 Wien = 13 Stunden, Luftlinie 743 Kilometer.

Der NJ ist gut nachgefragt. Seid also bitte nicht schon vorab zu streng mit dem ES, noch hat er keinem etwas Böses getan, "Armutszeugnis" finde ich nicht fair.

Zwei Punkte: Zum Billigzug Flix findet man glaube ich kein einziges böses oder lächerlich machendes Wort von mir. Ich lebe und lasse leben. Auch wenn ich dem DB Fernzug die Treue halte, so erfreut es mich, daß ein gewisses Preis-Klientel die Schiene für sich neu entdeckt hat. Das findet meine Zustimmung, solange keine Regio-Takttrassen für solche Einzelläufer kaputt gemacht werden und sogar Halte entfallen müssen. Egal welcher Fernzug in welcher Farbe da kommt.

Zum zweiten kann man natürlich Vergleiche mit Flieger+Hotel ./. Nachtzug anstellen und den Zeitvorteil herausarbeiten. Und wenn es im verzweifelten Einzelfall gar nicht anders darstellbar ist dann MUSS man wohl tatsächlich den Flieger nehmen. Die individuelle Verantwortung für Ökologie und Natur, also den Energie und Ressourcenverbrauch kann man aber nicht an Dritte weg delegieren. Diese individuelle Verantwortung muß jeder persönlich alleine tragen und im Grunde genommen sein Leben daran ehrlich ausrichten. Das kann man nicht immer, aber doch oft genug berücksichtigen. Aktionen wie die genannten "WWF Gold Standard Certificates (Ausgleich Umweltbelastung)" sind kein gelebter Umweltschutz, das ist allein ein Greenwashing zur Beruhigung oder Betäubung des eigenen Gewissens. Wie Warsteiner Bier saufen für den Wald: 2 Cent jeder Flasche werden Bäumen gestiftet. Da nimmt man doch gerne drei große Kisten mit nach Hause.

Diese Gedanken bringe ich zu Protokoll, weil es immer wieder Statements gibt, die da lauten "Wenn DIE mir keinen Zug bis 9 Uhr bieten, dann sind DIE Schuld, wenn ich das Flugzeug nehme." Ich kritisiere selber fehlende THA/ICE-Tagesrandverbindungen auf Paris - Brüssel - Köln - Frankfurt und daß sich die beteiligten Staatsbahnen zu schnell einen schmalen Fuß machen. Aber wenn die gebotenen Abfahrtzeiten für mich nicht optimal sind, dann passe ich mich persönlich den gegebenen Fahrplänen an und reklamiere dies schriftlich bei der Bahn, wie ich auch im Forum fruste. Aber ich nehme nicht das Flugzeug, wo es generell per Schiene möglich ist! Eher verzichte ich und wähle ein anderes, besser erreichbares Ziel oder plane wenn möglich ein, zwei Tage mehr ein.

Also begrüßen wir doch die generelle Entwicklung hin zu mehr Mut in Sachen Nachtzugverkehr. Wie wir erkennen ist von uns -also Deutschland- selber kaum bis nichts in Sachen Nachtzugverkehr zu erwarten. Diese Nachtzüge werden uns aus Nachbarländern -allen voran Österreich- zugetragen und ich wünsche mir wir können an diesem Mehrwert gut mit teilhaben.

Die Sache hat gerade erst angefangen, es wird vermutlich mehr kommen. Auch ohne Deutschland.

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Gruß, Olaf

"Die Reise gleicht einem Spiel; es ist immer Gewinn und Verlust dabei und meist von der unerwarteten Seite."
Goethe an Schiller 1797


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