GB: London - York und ein Besuch im NRM - Teil 1 / 17 Fotos (Reiseberichte)

maxiboy, IBNR: 7006966, Sonntag, 22.02.2015, 18:02 (vor 4160 Tagen)
bearbeitet von maxiboy, Sonntag, 22.02.2015, 18:05

Einen Ausflug im Fernverkehr mit der Staatsbahn in England unternehmen? Nur noch wenige Tage ist das möglich. Das Netz ICEC (InterCity East Coast) wurde neu vergeben, so dass ab 1. März Virgin East Coast von der staatlichen East Coast Main Line Company übernimmt. (ECMLCo wurde vor mehr als fünf Jahren gegründet, um das Teilnetz von National Express zu übernehmen, welche sich verkalkuliert hatten und nun vor enormen finanziellen Schwierigkeiten standen. So wurde etwa durch NXEC eine Gebühr für Reservierungen eingeführt, was ECMLCo schnell wieder abschaffte.)

Das Teilnetz East Coast erstreckt sich von London King’s Cross bis nach Aberdeen in Nordost-Schottland. Die Stammstrecke ist London – Peterborough – York – Newcastle – Edinburgh. Einzelne Züge fahren auch nach Leeds, Hull, Glasgow oder Inverness. East Coast betreibt nur Fernverkehrszüge und die Flotte besteht vornehmlich aus InterCity 125 (HST)-Dieseltriebzügen und InterCity 225-Elektrozügen, welche noch zu Zeiten von British Rail angeschafft wurden. Größter Konkurrent ist auf der Nahverkehrsrelation London-Peterborough wohl Govia Great Northern, während im Fernverkehr zwischen London und York sowie weiter nach Sunderland (bei Newcastle) der eigenwirtschaftliche Fernverkehr von Arriva Grand Central über den Preis viele Kunden anzieht. East Coast muss aufgrund der starken Regulierung der Eisenbahn in Großbritannien auch Fahrkarten von Grand Central verkaufen, ihr Personal diese auch aktiv vorschlagen, wenn z.B. eine besonders günstige Reise gesucht ist (sogenanntes „Impartial Retailing“ = neutraler Verkauf). Eine DB-Tochter im Ausland profitiert also davon, dass dort der Ordnungsrahmen herrscht, den es hierzulande (warum auch immer) nicht gibt.

Wie auch immer… Höchste Zeit, um sich auf den Weg zu machen! Wie es bei der britischen Bahn üblich ist, gab es günstige Sparpreise (Advance) für Frühbucher. Nach den Vergünstigungen 16-25 Railcard (34%) und EC Online (11%) kosteten Hin- und Rückfahrt von London nach York – immerhin rund zwei Stunden Fahrt und etwa 300 km Entfernung – in der 1. Klasse weniger als £43.

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Nach einem komfortablen Online-Buchungsprozess, in dem man auch die Wagenreihung einsehen und seinen Sitz auswählen konnte, wurde einem ein Abholcode zugesendet (ich hätte auch Print@Home wählen können). Rewards-Punkte in Höhe des 1,5fachen Buchungswertes wurden mir als registriertem Nutzer automatisch gutgeschrieben und konnten online eingelöst werden. Ich gab 50 Punkte für eine Lounge-Eintrittskarte aus, da die Lounge in London Kings Cross für Sparpreiskunden 1. Klasse sonst nur mit einer Zuzahlung von £5 offen ist.

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Die Abholung der Fahrkarten gestaltete sich unproblematisch. Es musste in den Fahrkartenautomaten lediglich die bei der Buchung verwendete Karte eingeschoben und der Abholcode eingegeben werden. Die Option „Collect“ ist an den FastTicket von Shere direkt auf dem Startbildschirm zu finden. Man muss sich nicht durch verschachtelte Menüs hangeln. Es bedarf nicht der Erwähnung, dass ich die bei und für East Coast gebuchten Fahrkarten auch an einem Automaten von Southern/Gatwick Express am Flughafen Gatwick abholen konnte. Die Verkehrsunternehmen verrechnen solche Leistungen untereinander ohne Zusatzaufwand für den Kunden.

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(Kleines Kuriosum: der Automat spricht immer noch von „NXEC train“, obwohl es NXEC schon seit Jahren nicht mehr gibt.)

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Mit der U-Bahn ging es morgens zum Bahnhof King’s Cross im nördlichen Zentrum Londons, der nicht nur Harry-Potter-Lesern ein Begriff sein dürfte. Seit einer Renovierung vor einigen Jahren ist er sehr ansehnlich geworden und bietet viele Möglichkeiten, sich zu verpflegen, was sowohl relativ günstig als auch frisch und schnell verfügbar ist (die üblichen Ketten wie giraffe, Wasabi, Boots und Waitrose). Einen „Bahnsteig 9 ¾“ gibt es dort übrigens tatsächlich, in Form eines Schildes an einer Wand und einem davor stehenden Trolley mit Koffer und Eulenkäfig, vor dem ständig Schlangen von Touristen stehen, um sich ablichten zu lassen.

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Der Weg zur Lounge, die im 1. Obergeschoss des Altbauteils versteckt ist, ist in der Haupthalle gut ausgeschildert. (Es gibt mehrere Zugänge, die zum Vorbereich der Lounge führen, einer über eine Brücke, die über alle Bahnsteige führt, ein anderer über die Haupthalle. Kann man sich schwer vorstellen? Stationspläne jeder SPFV- und SPNV-Station in Großbritannien gibt es auf nationalrail.co.uk, für King’s Cross hier.)

Öffnungszeiten sind Mo.-Fr. 7.00-21.25 Uhr, Sa. 8.00-20.15 und So. 9.00-20.15. Eine kurze Aufzugfahrt in den ersten Stock später befindet man sich in so einer Art Zwischenraum. Die außerhalb der Lounge befindliche Toilette ist zwar einem Aushang nach nur für 1.-Klasse-Kunden, aber ein Schlüssel wird nicht benötigt.

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Ein netter, ursprünglich aus Mauritius stammender älterer Herr ist Chef der Lounge. Der Selbstdruck-Gutschein wird nach kurzer Sichtkontrolle akzeptiert. Gefragt, ob er angesichts des baldigen Betreiberwechsels Angst um seinen Job habe, zuckte er nur mit den Schultern. Wer seine Arbeit gut mache, werde immer gebraucht. Darüber hinaus ist die Übernahme von Personal des bestehenden Betreibers Standard. Er meint noch, dass die Lounge nach der Übernahme von EC durch Virgin im kommenden Jahr umgebaut werden solle. Als ich mich als Bahnfan zu erkennen gebe, schlägt er mir vor, das NRM in York zu besuchen, welches auch einige historische Exponate in dieser Lounge beigesteuert hat. Genau das habe ich auch vor.

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Am Eingangsbereich vorbei eröffnet sich einem die Lounge, in angenehmen Grau- und Grüntönen gehalten und luftig und abwechslungsreich möbliert, unter anderem mit Teppichboden, Plastikwänden zur räumlichen Aufteilung und einer Mischung aus Bar-Tischen und Sesseln. Ein entfernter Verwandter der SBB Lounge in Zürich, mag man denken.

Den Reisenden erwartet eine Selbstbedienungs-Bar mit zwei Kaffeemaschinen (davon eine am Besuchstag leider defekt), Säften, Kühlschränken mit Cola und Wasser. Zu essen gibt es Bananen, Äpfel, Kekse und Croissants. Es ist ruhig, nicht allzu viel los – nur ein paar Geschäftsreisende und eine junge Mutter mit ihrem Sohn. Kein Vergleich zur Schnellimbiss-Atmosphäre so mancher anderer großstädtischer Eisenbahn-Lounges.

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Ein Drucker zum kabellosen Selbstdruck z.B. von Online-Tickets ist, in einer Ecke relativ weit hinten in der Lounge versteckt, ebenfalls verfügbar. Es wird neun Uhr und der Bahnsteig leuchtet auf den Anzeigebildschirmen endlich auf. Zeit, die Lounge zu verlassen.

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In Großbritannien ist es recht verbreitet, dass Hygiene-Bewertungsaufkleber an den Türen gastronomischer Einrichtungen angebracht werden. Auch online kann man auf den Seiten der Food Standards Agency die amtlichen Bewertungen von Gaststätten einsehen. Dort herrscht keine falsche Solidarität zugunsten von Schmuddelkindern.

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Über den zweiten Ausgang der Lounge geht es auf die Brücke und ab zu Bahnsteig 4, wo der Zug nach York schon wartet. Es fährt ein klassischer HST (InterCity 125) mit Mark-3-Wagen – diese Dieseltriebzüge fahren schon seit vier Jahrzehnten und werden wohl noch einige Jahre weiter auf britischen Schienen verkehren, bis die neuen Hitachi-Züge aus dem Intercity Express Programme endlich ausgeliefert werden!

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Diese Züge wirken heute mit ihren Schlagtüren, die nur von außen zu öffnen sind, etwas aus der Zeit gefallen. Möchte man die Tür von innen öffnen, hat man zuerst das Fenster in der Tür herunterzuschieben und den Türgriff von außen zu betätigen. Jedoch waren Klimaanlage und Luftfederung damals bereits üblich und mit einer Modernisierung vor rund zehn Jahren („Project Mallard“) bei Wabtec in Doncaster hielten WiFi und Steckdosen Einzug in die Züge der damaligen GNER. Die Sitze sind komfortabel, Steckdosen nicht tief unter den Sitzen angebracht, sondern seitlich an der Wand.

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Reservierungen werden traditionell per Fähnchen in die Sitze gesteckt (man beachte die EBEs, vor denen gewarnt wird).

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Frau Zugchefin hat schwer zu schleppen, denn das Avantix Mobile der britischen Eisenbahnen ist wegen der inbegriffenen Magnetstreifentechnik wesentlich dicker und schwerer als ein deutsches MT2.

In der nächsten Folge: Wie sieht das 1.-Klasse-Catering im Zug aus? Und was erwartet den bahnfaszinierten Reisenden in York?


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