Starre Fahrzeitreserven (Allgemeines Forum)

Alphorn (CH), Freitag, 09.12.2011, 11:32 (vor 5232 Tagen) @ Felix

In der NZZ war gestern ein Artikel über die Anstrengungen der SBB, die Pünktlichkeit zu verbessern. Darin steht:

Sehr interessant. Den angesprochenen Trick, dass in Olten die reale Abfahrtszeit eines Zuges eine Minute später die publizierte ist, kannte ich nicht. So kann man, wenn der eigentlich davor fahrende Zug verspätet ist, früher abfahren, um dahinter einen Slot freizumachen und dessen Verspätung nicht zu verschlimmern. (Die Züge fahren im Blockabstand)

"Im ersten Halbjahr 2010 waren 88,7 Prozent der Züge innerhalb der Toleranz von weniger als drei Minuten Verspätung unterwegs und im ersten Halbjahr 2011 gar 91,6 Prozent."

Hier hat sich die NZZ untypischerweise einen Fehler erlaubt. Die angesprochenen Zahlen sind Kundenpünktlichkeiten, nicht Zugspünktlichkeiten, siehe hier. Die Kundenpünktlichkeit ist tiefer, weil sie Züge zur schwierigen HVZ stärker viel gewichtet. Die Zugspünktlichkeit lag jeweils etwa 3% höher, siehe hier auf Seite 7.

Ist es wirklich eine gute Idee, die fahrplanmäßigen Fahrzeiten aller Züge um denselben (hohen) Anteil zu verlängern, ohne einen Unterschied zu machen, wieviele Zwischenhalte ein Zug hat, wie hoch das Fahrgastaufkommen ist und ob er eine dicht belegte Strecke befährt oder nicht? Wenn man weiß, wodurch Verspätungen entstehen, sollte man dann nicht zielgenauer vorgehen? Eine Zeitreserve von sieben Prozent kann für den einen Zug, der so gut wie nie verspätet ist, viel zu viel sein, aber für einen anderen Zug immer noch zu wenig.

Erstens bin ich nicht ganz sicher, ob deine Annahme stimmt, dass die Fahrzeitreserven wirklich überall gleich sind, eventuell wurde das von der NZZ vereinfacht dargestellt und die 7% sind nur ein Durchschnitt. Zweitens können in der Schweiz aber keine Unterscheidungen nach Zügen gemacht werden, weil bis zu 6 im Blockabstand hintereinander herfahren. Man könnte höchstens nach Strecken unterscheiden. Ich könnte mir denken, dass man an einigen Stellen etwas Reserve opfert, um einen Knoten noch zu erreichen, dafür hat man zum Ausgleich dann auf dem nächsten Teilstück mehr Reserve.

Es ist davon die Rede, daß Verzögerungen durch Baustellen abgefedert werden müssten. Ist es in der Schweiz nicht so, daß Auswirkungen durch Baustellen vorher in die Fahrpläne eingearbeitet werden? Oder handelt es sich um Baustellen, die kurzfristig eingerichtet werden mussten?

Baustellen führen in der Schweiz so gut wie nie zu Fahrplanänderungen - ausgenommen natürlich bei Sperrungen. Die gab's früher ausser bei Tunnelsanierungen so gut wie überhaupt nicht, in den nächsten Jahren kommen leider die ersten langfristigen Sperrungen.

In einem Artikel über die Pünktlichkeit der Eisenbahn in Japan steht, daß den Zügen dort nur eine Fahrzeitreserve von ca. 1,5 Prozent gegeben wird. Und die Züge sind trotzdem pünktlicher: In einem Beispieljahr lag die Dreiminutenpünktlichkeit bei 95 Prozent.

Die vergleichbare Zugspünktlichkeit in der Schweiz ist auch etwa 95%, aber bei mehr Fahrzeitreserven (die Zahl 1,5% Fahrzeitreserven habe ich allerdings im verlinkten Artikel nicht gefunden). Es spricht natürlich nichts gegen einen intelligten Einsatz von Fahrzeitreserven, aber wie der Artikel auf Seite 25 sagt: Japan hat auch viele andere technische (weniger Durchbindungen, eigene Gleise für Shinkansen, präventiver Gleis- und Rollmateiralunterhalt) und kulturelle (diszipliniertes Personal und Passagiere, weniger Bahnübergangsunfälle, weniger Selbstmorde) Vorteile, die nichts mit den Fahrzeitreserven zu tun haben.


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