Erfahrungen mit dem 9-Euro-Ticket im Südpfalz-Netz (Reiseberichte)

Pfälzer, Samstag, 27.08.2022, 14:13 (vor 1300 Tagen) @ Administrator
bearbeitet von Pfälzer, Samstag, 27.08.2022, 14:13

Hallo liebe Forengemeinde,

dem Aufruf folgend hiermit auch meine persönlichen Erfahrungen mit dem 9ET.

Zunächst kurz der Hinweis: Ich habe den ÖPNV auch bereits vor dem Ticket für meine täglichen Wegstrecken genutzt und besitze trotz "ländlichem" Wohnort (mit Bahnanschluss) kein Auto. Was ich nicht mit dem ÖPNV erledige geht zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Während der 9-Euro-Zeit hat sich mein alltägliches Nutzerverhalten des ÖPNV daher nicht verändert. Ich bin weiterhin mit meinem Verbund-Abo zur Dienststelle und zurück gependelt. Dabei haben mich die zusätzlichen Reisenden durch das Ticket kaum gestört - überhaupt zeigte sich meinem Empfinden nach nur im Juni eine erhöhte Fahrgastnachfrage in den Nahverkehrszügen hier im Dieselnetz Südpfalz. Das mag insbesondere an folgenden Faktoren liegen:

- Die Linien RB51 und RE6 bilden in Karlsruhe seit jeher den "Wurmfortsatz" des Fernverkehrs für Reisende nach Landau. Gerade im Sommer waren die Züge daher schon immer gut gefüllt mit Fernreisenden auf der letzten Meile. Dadurch fallen die zusätzlichen 9-Euro-Reisenden nicht so stark ins Gewicht.

- Der BÜ-Unfall in Kandel am 21.07. mit drei Wochen BNV (kein SEV, sondern BNV ohne festen Fahrplan!), und zwar dem am schlechtesten organisierten Ersatzverkehr seit langem. Nicht selten musste man eine Stunde auf den Bus warten oder konnte bei der Anfahrt auf den Bahnhofsvorplatz dem ausfahrenden Zug hinterherwinken. Zwischenzeitig angekündigte Ersatzkonzepte wurden, sofern sie überhaupt kommuniziert wurden, schnell wieder für ungültig erklärt oder ohne Vorankündigung über Nacht geändert. In der letzten Woche des BNV waren unter den Fahrgästen jedenfalls nur noch die ganz harten übrig geblieben - vorher waren Aussprüche wie "Bald bin ich endlich 18, dann fahre ich Auto!" an der Tagesordnung (die Wortlaute der anderen Mitreisenden möchte ich wegen der Vorgaben der Forenregeln lieber nicht wiedergeben...).

- Seit 23.07. sind Sommerferien in Rheinland-Pfalz, wodurch sich gerade in der Frühspitze, bevor die 9ET-Klienteil zu ihren Reisen aufbricht, die Situation in den Zügen deutlich entspannt hat.

- In den letzten Wochen kommt es reihenweise zu personalbedingten Fahrtausfällen auf den Linien RB52, RB53, RB54 und S5. Manchmal wegen Unterbesetzungen im mechanischen Stellwerk Wörth, welches auf der Abschussliste ganz oben steht (die Lichtsignale stehen schon), manchmal aber auch wegen dem berüchtigten erhöhten Krankenstand beim Fahrpersonal.

Insgesamt hat das 9ET über die drei Monate also nicht die Zugwirkung erzielt, die vorher befürchtet wurde. Ich musste in diesem Zeitraum jedenfalls nur einmal für einen längeren Streckenabschnitt im Zug stehen. Sonst konnte man immer noch einen freien Sitzplatz bekommen, auch wenn nicht mehr jeder seinen eigenen Vierer hatte bzw. sich diagonal gegenüber einem Mitreisenden platzieren konnte. Man hat sich eben arrangiert. Richtig voll wurde es nur dann, wenn DB Regio mal wieder mit einem statt zwei Wagen vorgefahren war, in den sich die Sardinen (Reisenden) dann quetschen durften. Gerade in dieser Woche kam das mehrmals täglich vor. Die Direktverbindungen der RB51 von Karlsruhe nach Annweiler existieren derzeit leider nur auf dem Papier...

Darüber hinaus war ich mit dem 9ET nur einmal auf einer längeren Fahrt nach Sachsen unterwegs, bei der ich das Ticket auf der Rückfahrt Ende Juli als FV-Ersatz verwendet habe:

Dresden Hbf ab 7:50 mit RE3
Hof Hbf an 10:32

Hof Hbf ab 11:44 mit RE35
Bamberg an 13:12

Bamberg ab 13:26 mit RE54
Würzburg Hbf an 14:21

Würzburg Hbf ab 14:37 mit RE8
Heilbronn Hbf an 16:11

Heilbronn Hbf ab 16:37 mit S4
Karlsruhe Hbf an 17:39

Karlsruhe Hbf ab 18:05 mit RE6
Wörth/Rhein an 18:14

--> Weiterfahrt mit BNV ohne Fahrplan bis Winden

Winden ab 18:53
Landau Hbf an 19:01

Der RE3, eine Solo-Katze, war auf ganzer Strecke nie über 70% ausgelastet und besonders hinter Chemnitz nur spärlich besetzt. Dafür haben wir uns zwischen Chemnitz und Hohenstein wegen einer Infrastrukturstörung eine Verspätung von 15 Minuten eingehandelt, durch die der geplante Anschluss zum RE39 in Hof nichts mehr wurde.

Das hatte ich aber schon vorher mit eingerechnet und ein Taktintervall Puffer eingebaut, sodass es in Hof nach einer Stunde mit dem RE35 nach Bamberg weiter ging. Dieser Zug war, da er dann zwei Takte des RE3 abgenommen hatte, bis auf den letzten Platz gefüllt. Trotzdem mussten nur wenige Fahrgäste stehen.

In Bamberg gab es bei der Ankunft kurzerhand eine Gleisänderung, durch die der Anschluss zum RE54 nach Würzburg am selben Bahnsteig statt fand. In diesem Zug warnte die KiN auch sogleich per Lautsprecher vor apokalyptischen Zuständen und bat um die Freigabe aller Sitzplätze, die mit Gepäck oder dergleichen verstellt wurden. Tatsächlich war die Situation im Zug bis Würzburg zwar gut ausgelastet, aber noch angenehm. Wovor die KiN jedoch warnte konnte man bei der Einfahrt in Würzburg gut sehen: Der Bahnsteig war von vorne bis hinten voll mit Reisenden aus Richtung Stuttgart und Nürnberg, die den Twindex-Vierteiler stürmten. Gut das ich da nicht mehr dabei sein musste ;)

Es ging in einem 6-teiligen FLIRT weiter nach Heilbronn, in dem auch noch vereinzelte Sitzplätze zu haben waren. Bei diesem Zug war mir aufgefallen, dass wir an allen Zwischenhalten zu früh angekommen waren und Zeit abstehen mussten, obwohl der Tf recht entspannt gefahren ist. Selbst nachdem wir in Osterburken noch kurz eine S1 abgewartet hatten war die kleine Verspätung bis Bad Friedrichshall wieder ins Gegenteil verkehrt. Zugegeben sind die FLIRT von Go-Ahead aber auch sehr spurstarke Fahrzeuge im Vergleich zu den n-Wagen-Garnituren, die da vor ein paar Jahren noch eingesetzt wurden.

Der Kraichgau-Sprinter nach Karlsruhe wurde von einem GT8-100D/2S-M gefahren, der nicht ganz so muffig daherkommt wie die alten Wagen mit hohem Einstieg, die derzeit einige Sprinter-Leistungen fahren. Hier bewährte sich der Trick, in der Innenstadt schon einige Haltestellen vor dem Bahnhofsvorplatz einzusteigen, um sich einen Sitzplatz zu sichern. Aber auch dieser Zug war weit entfernt von einer Überfüllung. In Eppingen wunderte mich die geringe Anzahl der Zusteiger, da der Sprinter für die Heimfahrt von der Gartenschau nach Karlsruhe eigentlich in einer perfekten Zeitlage liegt. Aber hier spielte uns in die Karten, dass wir einen langsameren Zug überholt haben, der anscheinend die wartenden Fahrgäste schon aufgenommen hatte.

Schließlich war ich nach 10 Stunden mit knapp 8 Minuten Verspätung (ein Go-Ahead mit Fahrzeugstörung war in Durlach noch im Weg) in Karlsruhe angekommen. Das letzte Stück in die Pfalz ging dann wie schon in den Tagen zuvor mit dem BNV zwischen Wörth und Winden. Dabei hatte ich Glück, denn es kam gleich ein Bus, wodurch in Winden die RB53 um 18:53 noch geschafft wurde.

Insgesamt also eine planmäßige und nicht unkomfortable Tour (wenn man von den Sitzen im AVG-Mittelflurwagen einmal absieht), ganz im Gegensatz zur Anreise mit dem Fernverkehr, bei der ich mit 6 Stunden meinen bisherigen Verspätungsrekord einstellen konnte. Ein kleines Gewitterchen legte den Knoten in Bebra am 25.07. lahm, sodass unser 1653 nach 4 Stunden Wartezeit über Kassel - Nordhausen umgeleitet wurde. Ankunft in Dresden statt planmäßig um 19:37 dann um 1:39. Dagegen war die 9-Euro-Tour dann wirklich entspannt.

Freundliche Grüße aus dem Süden!

Ach ja, um diese Möglichkeit noch zu klären: Ich hätte natürlich auch ohne BNV ab Osterburken mit der S1 über Mannheim und Neustadt fahren können, aber diese Verbindung meide ich aus einem besonderen Grund. Wer sich schon immer gefragt hat, wofür das "S" in "S-Bahn" wohl steht, findet die Antwort in den Quietschies der S-Bahn-Rhein-Neckar. Die kann man im Sommer nämlich nicht anders als "Stinke-Bahn" bezeichnen. Was auch immer an der Klima das Problem ist, seit Jahren ist die Luft im Sommer in den Fahrzeugen so schlecht, dass ich die schon lange nicht mehr von innen gesehen habe.


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