Die Preissystemkritik ist aber etwas weltfremd ... (Fahrkarten und Angebote)

agw, NRW, Dienstag, 13.07.2021, 16:49 (vor 1701 Tagen) @ Der Blaschke

Huhu.

Nichts ist kontraproduktiver als ein Einheitspreis(-system). Wenn sich Kunden mal über den Preis beschweren bei mir, dann sind das Kunden mit Verbundfahrscheinen. Also in einem Bereich, wo für sich betrachtet, das Preissystem meist sehr einfach ist. Zonen 1 bis 3: Preis X, Zonen 4 bis 7: Preis Y. Usw. Dazu ne Tages- und ne Monatskarte. Fertig. Schön simpel. Aber eben nicht verlockend.

Warum nicht verlockend? Weil schon zu kompliziert oder weil nur zu teuer?

Im VRR gibt/gab es ja für die kleinste Preisstufe A drei unterschiedliche Vierfahrten-Karten (A1, A2, A3), alle zum gleichen Preis, aber nicht alle überall gültig. Kann man auch keinem erklären.


Denn der Denkfehler ist derselbe, dem auch der bekannte Herr Lammpe im Nachbarforum immer unterliegt: Preispolitik ist nie rational, sondern immer emotional. In der Regel weiß der Kunde ja gar nicht, was der günstigste Preis gewesen wäre. Im Niedersachsentarif z.B. zahlt fast jeder Kunde bei einer Einzelfahrt zuviel, weil er das - erlaubte! - Stückeln aus Sparticket und Ticket für Einfache Fahrt nicht kennt. Da er das aber nicht weiß, ist er mit dem aufgerufenen Preis zufrieden. Der Sparfuchs dagegen freut sich, wenn er sowas nutzt und denkt sich: hey, ich bin clever und die anderen alle dümmer. Andererseits streichelt es beim anderen das Ego, nicht nach Sonderangeboten suchen zu müssen, sondern es im Leben geschafft zu haben - und da zahlt man doch gerne Preis Y, obwohl es auch günstiger gehen würde. Aber da stundenlang suchen? Nö, dafür ist das Leben zu schön.

Der Denkfehler: Dass der Status Quo bleiben kann. Das darf er aber nicht.
Man will die Fahrgastzahlen verdoppeln und ich nehme an, auch durch Neukundengewinnung.
Der Neukunde (sprich: Autofahrer) guckt eine Minute im Internet nach einem Preis für die Alternative per Bahn, wird fündig und denkt sich: "das ist zu teuer" und ist mit der Suche fertig. Dass er vermutlich eher den teuersten Preis als die günstigste Möglichkeit gefunden hat, weiß er nicht, das ist richtig. Aber er wird eben auch kein Bahnkunde. Dass diese Menschen es "im Leben geschafft haben" drückt sich dann durch die Autofahrt im neuen Mittelklasseauto aus.

Und so ist für jeden was dabei. Und jeder ist zufrieden. Selbst, wenn unsereins das Wort 'Supersparpreis' auf manchem Ticket angesichts des tatsächlichen Preises für etwas arg geschönt hält. Aber auch da hat noch nie wer über den Preis genörgelt.

Jeder der aktuellen Bahnfahrer ist zufrieden oder hat keine aktuelle Alternative. Das stimmt. Aber alle die keine regelmäßigen Bahnfahrer sind (80% der Bevölkerung?) sind eben nicht mit den Angeboten zufrieden, die sie finden können. Auch, weil sie eben nicht immer das günstigste finden. Das ist das Problem.


Das Preissystem ist also so, wie es ist, völlig in Ordnung. Ich würde sogar noch viel weiter gehen und auch im Nahverkehr viel mehr Möglichkeiten einführen. Warum z.B. keine Verbundfahrscheine mit Zugbindung?

Wie gesagt, wenn es völlig in Ordnung wäre, würden ja viel mehr Bahn fahren.
Ich sage auch gar nicht, dass es keine Sparpreise mit Zugbindung geben sollte. Aber vielleicht nur einen und nicht über das Jahr 10 verschiedene mit unterschiedlichen Bedingungen, die sich keiner merken kann und Tarife die man teilweise nur für eine Woche kaufen kann.

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