Wann darf ich meine Fahrt wirklich(!) abbrechen? (Fahrkarten, Angebote und Tarife)

Knochendochen, Samstag, 17.10.2020, 14:00 (vor 3 Tagen) @ ICE619

Eigentlich ist es doch ganz einfach:

Wenn vernünftigerweise davon ausgegangen werden muss, dass der Zielbahnhof mit einer Verspätung von über 60 Minuten erreicht wird, darf man die Fahrt abbrechen und sich den nicht durchgeführten Anteil erstatten lassen oder zum Ausgangsbahnhof zurückkehren und sich den vollen Fahrpreis erstatten lassen.

Das steht in Punkt A.9.1.3 der Beförderungsbedingungen:

Muss vernünftigerweise davon ausgegangen werden, dass der Reisende am Zielbahnhof gemäß Beförderungsvertrag mehr als 60 Minuten verspätet ankommen wird, kann er auch die Reise abbrechen oder gar nicht erst antreten. Er hat dann anstelle der Ansprüche nach den Nummern 9.1.1 oder 9.1.2 Anspruch auf Erstattung des von ihm bezahlten Fahrpreises für die nicht durchgeführten Teile der Fahrt und für die bereits durchgeführten Teile, wenn die Fahrt für ihn sinnlos geworden ist, gegebenenfalls zusammen mit einer Rückfahrt zum ersten Ausgangspunkt bei nächster Gelegenheit. Für die Erstattung gilt Nr. 9.3.

Im nächsten Abschnitt wird dann definiert, welche Kriterien für die Ermittlung der zu erwartenden Verspätung am Zielbahnhof anzuwenden sind:

Der Reisende kann insbesondere dann vernünftigerweise mit einer Verspätung nach den Nummern 9.1.1 bis Nr. 9.1.3 am Zielbahnhof rechnen, wenn diese über mindestens einen der nachfolgenden Informationskanäle bekanntgemacht wurde: (i) Aushangfahrpläne und ausgehängte Informationen über Fahrplanänderungen in Bahnhöfen, (ii) elektronische Anzeigen und Lautsprecheransagen in Zügen und auf Bahnhöfen, (iii) Fahrplaninformationen aus Buchungssystemen personalbedienter Verkaufsstellen sowie (iv) verfügbare Fahrplaninformations- und Reisendeninformationsmedien, insbesondere das Fahrplanauskunftssystem im Internet unter www.bahn.de. Die Übergangszeiten für planmäßige Umstiege (Umsteigezeiten) orientieren sich an der elektronischen Fahrplanauskunft unter www.bahn.de. Das Gleiche gilt, wenn der Reisende eine vom Beförderer oder vom Bahnhofsbetreiber ausgestellte Bestätigung vorlegen kann, aus der sich eine Verspätung nach den Nummern 9.1.1 bis Nr. 9.1.3 ergibt.

Wenn also im DB Navigator eine Verspätung über 60 Minuten prognostiziert wird, darf man die Fahrt sofort abbrechen. Bei Umstiegen wurde ich es so deuten, dass dann vernünftigerweise von einem Anschlussverlust ausgegangen werden kann, wenn laut Prognose die Mindestumsteigezeit unterschritten wird. Ob vernünftigerweise davon ausgegangen werden kann, dass ein Anschlusszug wartet, darüber kann man sich streiten, ich würde aber eher sagen nein, und außerdem wäre es für einen Fahrgast auch überhaupt nicht zumutbar, abzuschätzen, ob ein Anschlusszug wartet oder nicht. Wenn im DB Navigator steht "Anschluss vsl. nicht erreichbar" oder "Anschluss wartet nicht", ist es ganz eindeutig, weil da ja da die DB ganz offiziell bestätigt, dass davon auszugehen ist, dass der Anschlusszug erreicht wird.

Im oben zitierten Abschnitt ist ja davon die rede, dass insbesondere dann vernünftigerweise mit einer Verspätung nach
den Nummern 9.1.1 bis Nr. 9.1.3 am Zielbahnhof rechnen, wenn diese über mindestens einen
der nachfolgenden Informationskanäle bekanntgemacht wurde.

Wichtig ist das Wort insbesondere. Ich würde das so auslegen, dass die in den Beförderungsbedingungen genannten Kriterien nicht die einzigen Kriterien sind, die zur Rate gezogen werden dürfen. Wenn ein Zug beispielsweise schon Seit einer Stunde auf freier Strecke steht, er aber im DB Navigator immer noch pünktlich fährt, kann auch vernünftigerweise von einer Verspätung größer 60 Minuten ausgegangen werden.

Generell würde ich immer einen Screenshot von den entsprechenden Prognosen im DB Navigator machen, um im Zweifelsfall belegen zu können, dass die zu erwartende Verspätung am Zielbahnhof wirklich über einer Stunde lag.


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