Sammelantwort (Allgemeines Forum)

Eingleisigkeit, Dienstag, 23.04.2013, 12:34 (vor 4740 Tagen) @ BR101 Pendler

Hallo zusammen,

ohje, hier wird ja schon wieder viel gemutmaßt und vorverurteilt.

Zunächst einmal: Auch die Bahn gibt hierüber recht klare Antwort:
DB Umweltzentrum

Grundsätzlich ist bei Bahnstrom zu beachten, dass er eine andere Frequenz hat als herkömmlicher Hausstrom. D.h. es muss entweder eigene Bahnstromkraftwerke geben (z.B. ein Block des Atomkraftwerks Neckarwestheim) oder Umformer, die den herkömmlich erzeugten Strom in "Bahnstrom" umwandeln, also die Frequenz auf 16,7 Hz transformieren.

Wenn das geschehen ist, kann der Strom an bestimmten Stellen (Unterwerke) ins Bahnnetz eingespeist werden. Zur Verteilung des Stromes von den Kraftwerke an die Unterwerke werden Hochspannungsleitungen genutzt (entweder bahneigene - zu erkennen an jeweils 2 gepaarten Leitungen - oder die "normalen" Stromleitungen - mit je 3 gepaarten Leitungen (+ Erdungskabel)). Am Ende muss natürlich noch die Spannung wieder auf 15 kV runtergeregelt werden, aber das ist ja nichts besonderes (-> Umspannwerk).

Wie ist das jetzt mit dem Ökostrom?
Da die Bahn also eine eigene Frequenz hat, kann der Bahnstrommix gut vom Bundesmix (was zuhause aus der Steckdose kommt) entkoppelt werden. Es ist also durchaus vorstellbar, dass die Bahn auf die Energiewende sche*** und die nächsten 100 Jahre ausschließlich Verträge mit Kohlekraftwerken abschließt. Macht sie aber nicht, denn das wäre spätestens 2080 der teurere Strom...
Sie zieht also nach bzw. versucht jetzt sogar voranzugehen und schließt zunehmend Verträge mit Ökostrom-Kraftwerken. Hier gibt es auch wieder verschiedene Möglichkeiten. Um es aber vorweg zu sagen: Die Bahn zahlt (noch) keine EEG-Umlage und darf deshalb auch keinen Ökostrom beziehen, der per EEG gefördert wurde. Was häufig als unfairer Preisvorteil gewertet wird, kann also auch ein Nachteil sein.

Möglichkeit 1: Die Bahn baut selbst Kraftwerke, die direkt 16,7 Hz Strom produzieren. Davon gibt es z.B. bei Bad Reichenhall ein Wasserkraftwerk. Ist aber sehr selten, denn DB Energie möchte eigentlich nur Strom verteilen und keinen produzieren. Soweit ich weiß, gibt es aber trotzdem ein paar kleine Projekte, in denen die DB mittlerweile (aus Kostengründen) selbst Bauherr und Betreiber des Kraftwerks ist.

Möglichkeit 2: Ich kaufe bei RWE, e.on oder einem privaten, kleinen Kraftwerksbetreiber Ökostrom. Das geht gut und macht die DB auch in größerem Umfang. Die Windräder an der A24 sind z.B. so ein Fall. Die werden nicht von der DB betrieben, sondern die DB kauft nur den kompletten Strom ab. Da aber (s.o.) die EEG-Förderung wegfällt, muss die DB dem Kraftwerksbetreiber zum Ausgleich mind. dieselbe Summe aus eigener Tasche anbieten. Sonst wäre es ja besser, ins staatliche Netz einzuspeisen und die Einspeisevergütung abzugreifen. In diesem Fall passiert es also tatsächlich, dass die von der Bahn eingekaufte Strommenge im Haushaltsnetz wegfällt, der Strom dort also "brauner" wird :)

Möglichkeit 3: Zertifikatehandel (RECS-GoO). Hier kaufe ich (meist in Skandinavien) nur die Eigenschaft des grünen Stroms ein, während ich in Deutschland weiter Kohlestrom ins Netz pumpe. Vorteil ist, dass ich nicht aus Norwegen z.B. zig GWh Ökostrom nach Deutschland schicken muss, von denen am Ende nur noch ein Bruchteil übrig bleibt (Wirkungsgrad...). Nachteil ist, dass sich eigentlich nichts ändert und die Kohlekraftwerke in Deutschland weiter qualmen. Diese Variante wurde unter Mehdorn noch häufig durchgeführt, ist aber mittlerweile unter Fachleuten verpöhnt und wird (fast) nicht weiter verfolgt.

Möglichkeit 4: Ich kaufe den Strom physisch aus dem Ausland. Im Gegensatz zu den Zertifikaten wird hier der Strom tatsächlich nach Deutschland transportiert und eingespeist. Er verdrängt also wirklich "dreckigen" Strom im deutschen Netz. Der Vorteil am Kauf im Ausland ist, dass ich steuerliche Vorteile habe und die EEG umgehen kann, denn der österreichische Kraftwerksbetreiber würde ja eh keine EEG-Zulage für seinen Strom bekommen. Ich kann also einfach Geld sparen. Diese Variante wird nun häufig benutzt, kommt aber in Mode und die Preise hierfür steigen natürlich auch. Außerdem ist der Stromexport auch begrenzt.

Mehr Möglichkeiten fallen mir im Moment nicht ein.

Am Ende ist vielleicht noch wichtig, dass der Strom in der Oberleitung am Ende natürlich immer derselbe ist. BahnCard-Kunden bekommen also keinen anderen Strommix auf ihrer Fahrt als ihr unrabattierter Sitznachbar ;) Aber sie sorgen eben dafür, dass im gesamten Land prozentual mehr Ökostrom im Netz ist, der Kohle- und Atomstrom verdrängt und sich dadurch (für alle) etwas ändert.

Ich hoffe, ich konnte hier für ein bisschen Klarheit sorgen.

Grüße,
Eingleisigkeit


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