Die Grenzen des Wachstums (Allgemeines Forum)

Alphorn (CH), Freitag, 22.04.2011, 14:12 (vor 5470 Tagen) @ Oscar (NL)

Gründe für die Zunahme in CH:

3. in CH sind Bus und Bahn besser in der Fläche vertreten. Bei uns gibt es reichlich Gegende wo man nur mit dem Auto kommt.

Das ist vielleicht ein wichtiger Aspekt: Ein ÖV-Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Solange es Gegenden oder Zeiten gibt, die nicht erreichbar sind, werden die Leute nicht auf ihr Auto verzichten, und wenn sie erstmal ein Auto haben, werden sie es auch nutzen.

4. in CH kannst Du mit einem Billett von irgendwo nach irgendwo reisen.

Einfachheit ist vielleicht die Einstiegsdroge. Für uns Bahnfans sind die ganzen Tarife ja kein Problem, aber wer noch nie Bahn gefahren ist, für den kann das eine hohe Hürde sein. (Leider gibt es erste Überlegungen, zeitlich gebundene Tickets zu verkaufen, um die Leute aus den Stosszeiten zu kriegen)

6. in CH setzt die Regierung voll auf die Schiene; sie investiert weltweit pro Einwohner wohl am meisten in die Schiene. Unsere aktuelle Regierung setzt dagegen voll auf die Straße; so ist der Tempolimit von 120 auf 130 angehoben (faktisch 139) und sollen 2x5-spurige entstehen.

Bei uns ist alles 2x2, nur eine Strecke (Zürich-Bern) wird im Schneckentempo auf 2x3 ausgebaut.

Noch zwei weiter Punkte:

7. Die Raumplanung setzt auf ÖV. In der Schweiz (zumindest im Kanton Zürich) darf kein Einkaufszentrum gebaut werden, welches nicht per ÖV erreichbar ist. Die Zahl der Parkplätze wird beschränkt und die Parkplätze dürfen nicht gratis sein.

8. Car-Sharing ist in CH hervorragend ausgebaut, es gibt in CH gleich viele Car Sharer wie in ganz DE. Solche Leute haben in der Regel kein eigenes Auto und werden fast immer den ÖV benutzen.

Ein Problem hab ich allerdings doch noch: wenn das bisherige Wachstum anhält, ist irgendwann die Schmerzgrenze erreicht. Die doppelstöckigen Züge fahren dann in einem Abstand, der nicht mehr verkürzt werden kann von A nach B. Und dann?

Man kann wohl noch viel mehr Passagiere transportieren, aber soll man? Der wachsende Verkehr, auch wenn es öffentlicher ist, braucht viel Energie. Der gute ÖV in der Schweiz hat zwar 50% des Gesamtverkehrswachstums (inkl. Strasse) übernommen, aber wohl zum Preis, dass er einen signifikanten Teil des Wachstums selber generiert hat. D.h. nicht jeder zusätzliche Kilometer wäre sonst per Auto zurückgelegt worden.

Die Diskussion über dieses enorme Wachstum hat erst begonnen; im Wesentlichen wird sie wohl erstmal darauf hinauslaufen, dass Bahnfahren (und wohl auch Autofahren) teurer werden muss, besonders die mit 2500 EUR sehr günstige BC100.

Zu den technischen Problemen:

Es gibt im Moment noch reichlich "Luft". Die neu zu beschaffen Twindexx-Züge können mit 16-Wagen fahren; eine Komposition von 2x IR200 verfügt über 1.392 Sitzplätze. Damit belegen die Züge Rang 2 auf der Liste der kapazitätsstärksten Fernzüge; nur der JR-E4 Shinkansen ist da besser.

Die Komposition in der Spitzenstunde hat heute bereits 1248 Sitplätze, das wird also nur 11% mehr. Allerdings kann die SBB diesen Zug momentan nur einmal am Tag anbieten, mehr Wagen hat man nicht.

Auf der Achse Bern-Olten können die Züge in 2-Minutenfolge fahren. Ich stelle mich vor, es fahren jede 15 Minuten "Zugpakete" von jeweils 4 Fernzügen: 1x nach Zürich, 1x nach Basel, 1x nach Luzern und dann ein extra Zug nach Zürich für alle Leute die im ersten Zug nicht mehr reinpassen.

Schon die geplanten 4 Züge pro Stunde sind eine gewaltige Steigerung, die vermutlich ziemlich lange ausreichen wird. Vermutlich müsste man aber, um vier mal pro Stunde solche langen Pakete durchzukriegen, wieder weitere Ausbauten machen. Ich denke nicht, dass es dazu kommt - die Städte in CH sind einiges kleiner als in NL und DE.

Die billigste Lösung ist eine Verdichtung der Zugfolge auf 90 oder sogar 60 Sekunden. Es ist zu erwarten, dass ERTMS Raum dafür ergibt (und wenn nicht, dann wird Raum dafür geschafft).

60 Sekunden scheinen mir unmöglich. Aus Tempo 200 (=55 m/s) braucht bei 1 m/s² bereits 55 Sekunden. D.h. wenn der vorangegangene Zug einen Streckenabschnitt nicht freigibt, muss im nächsten Zug innerhalb von 5 Sekunden die Vollbremsung ausgelösten werden.

90 Sekunden werden gerade für einen kurzen Abschnitt gebaut, aber mit deutlich tieferem Tempo.

Denkbar sei ein 2. Hauensteintunnel und Olten-Basel sowie Bern-Zürich komplett viergleisig (Bern-Olten ist das schon, denn Regionalverkehr via Altstrecke über Herzogenbuchsee).

Der Plan wurde fallengelassen zugunsten eines teureren. Der zweite Hauensteintunnel müsste in Killwangen ins Vierspursystem einmünden, wo nur zwei Spuren für den Fernverkehr zur Verfügung stehen. Ganz neu wird daher über den Honeret-Tunnel nachgedacht, der bereits in Zürich Altstetten ansetzt, wodurch ein Sechsspursystem Richtung Westen entstehen würde. Fahrzeitgewinne gäbe es auch noch (wichtig, damit man Biel in einer Stunde erreicht). Hier übrigens noch der Gleisplan (PDF) des Ist-Zustands.

Die Strecken können also noch viel haben. Ich bin aber gespannt, wie es mit den Bahnhöfen aussieht. Denkbar wäre eine Trennung von Fernverkehr und Nahverkehr; der Übergang zwischen diese dauert dann schon länger als der Takt.

Die Bahnhöfe sind ein grosses Thema, schon allein wegen der Fussgängermassen. Im Kopfbahnhof Zürich wird gerade eine zweite Unterführung mit zwei Treppen gebaut, damit bestehen dann 6 Möglichkeiten zum Wechsel zwischen den Gleisen, was angesichts der ziemliche schmalen Bahnsteige auch nötig ist. Und ein Hauptgrund, warum die die Beschleunigungsmassnahmen fallen gelassen wurden, ist der eine Milliarde teure dringende Ausbau des Bahnhofs Lausanne.


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