Zählerleben. (Allgemeines Forum)

Der Blaschke, Bissendorf-Wissingen, Dienstag, 07.07.2026, 11:59 (vor 5 Tagen) @ JM
bearbeitet von Der Blaschke, Dienstag, 07.07.2026, 12:04

Hallo.

Wie läuft das als Fahrgastbefrager? Hast du eine BC100 und darfst in die Lounge?

Nein. Ich habe lediglich Fahrtberechtigungen für die Strecken, die ich erhebe. Dort darf ich bis zu 12 Std vorher und 12 Std nachher reisen.

Muss ich zur An- oder Abreise zur/von der Erhebung andere Strecken und Unternehmen nutzen, ist das meine persönliche Angelegenheit, mich um einen Fahrschein zu kümmern.

Früher fragte man regelmäßig die Schaffner und bat höflich um kostenlose Mitnahme. Das klappte auch stets. Ausnahmen waren Westfalenbahn und Metronom. Bei der Westfalenbahn bekamen die Personale Druck durch den damaligen Leiter Herrn Blüm (der heute beim Metronom dilettiert), der denen jegliche Kulanz verbot. Später unternahm eine Dame aus Rheine die Rolle. Bis heute hat sich da nichts geändert; man hält sich in dem Laden noch immer elitär. Ähnlich beim Metronom; da macht das Personal stets Zirkus und schreibt gnadenlos FN.

Ich mußte ne Zeitlang oft von Buchholz nach Harburg. Fix Tix zupfen und dann bin ich stets mit DB-Rucksack auffällig unauffällig in den Metronom eingestiegen und hab mich direkt auf WC eingeschlossen. Mehrfach stand, als ich dann kurz vor Harburg rauskam, der Schaffner vor mir. Siegerlächeln schon aufgesetzt: "Ihren Fahrschein möchte ich gerne mal sehen!". Die Enttäuschung war jedesmal groß ...

Witzig mal beim Nachtstern Hannover, als der noch DB war. Schaffner war weg; ich stand in Hannover draußen so am Zug. Kam einer von der Westfalenbahn. Ja, er wisse, seine Kollegen seien nicht immer freundlich zu uns (er hielt mich für einen DBler), ob er trotzdem bis Minden mitdürfe. Durfte er ...

Im RE 8 Hannover ==> Bremen sprach mich ne Metronomistin mal an, ob das in Ordnung sei, wenn sie bis Bremen zum Dienst mitdürfe. Durfte sie auch ...

Ich saß in Minden, spreche mit dem Lokführer der Westfalenbahn. "Fährste mit?" - "Nee, darf ich doch nicht!" - "Hä? ICH bin der Zugführer. Du fährst mit. Wenn der Mitarbeiter kommt, schickste den zu mir!". Zug kam, der Schaffner dann auch. Machte sofort Zirkus. Ich sag, er solle sich beim Zugchef melden. Er da rein; ich hörte lautes Getöse und dann kam er raus, schoß kommentarlos ab und ward nicht mehr gesehen.

Westfalenbahn und Metronom gehörten nie zur Eisenbahnerfamilie; die hielten (und halten) sich für was besseres.

Es gab auch Berechtigungen für Nutzung des Fernverkehrs. Es mußte sich offiziell aber um Erhebungen für DB-Züge handeln; FV und NV. Diese Berechtigung war offiziell durch die Einsatzverfügung nachzuweisen. 99,999999% der Schaffner akzeptierten aber auch eine Mitfahrt von/zur Privatbahnerhebung.

Offiziell war die Denkweise eben so: ich bin selbstständig; An- und Abreise sind meine private Sache - ich bin ja frei, den jeweiligen Erhebungsauftrag anzunehmen oder abzulehnen.

Der DB war die freie An- und Abfahrt stets ein Dorn im Auge. "Zählausweistourismus" nannte sie das. Bsp.: Unsere Zählfirma hatte die S-Bahn Nürnberg. Ich lasse mir da ne 30-Minuten-Tour geben. Dann darf ich kostenlos von Osnabrück nach Nürnberg fahren und wieder zurück. So konnte man gratis so mache Ecke Deutschlands erreichen.

Mittlerweile habe ich das Deutschlandticket privat. Da hat sich im Nahverkehr die Problematik erledigt. Manchmal frage ich, wenn ich die Umstände für günstig betrachte und der Zugchef sympathisch erscheint, am Fernzug und bitte um Mitfahrt. Dort gilt noch die "Eisenbahnerfamilie" - zu 99,9999999% wird mir die Mitfahrt ermöglicht. Das ist sehr schön, dass hier an der Basis zusammengehalten wird; lass die hohen Herren oben "Teile und herrsche" spielen - uns hier ganz unten interessiert das nicht. Da können sie oben Rundschreiben noch und nöcher verschicken. Außerdem brauchen sie uns ja - Schaffner sind wie Fahrgastbefrager knapp.

Mangels Tickets darf ich nicht in die Lounge. Ich will da aber auch gar nicht rein. Nicht meine Welt. Da fühle ich mich unwohl.

Bekommst du Entschädigung bei Zugverspätung?

Mangels Ticket: nein.

Bei Erhebungen bekomme ich i.d.R. ab einer Verspätung von 10 Minuten die "Überstunden" minutengenau honoriert.

Zugausfälle des Betreibers bekomme ich in den meisten Projekten voll honoriert. Aufträge darf ich bis zu 72 Std vorher absagen; der Auftraggeber bis zu 24 Std. Die Regelungen sind bei allen Erhebungsunternehmen ziemlich ähnlich. Pausen und Wendezeiten, die bei Erhebungspaketen (also mehrere Fahrten verknüpft) bekomme ich je nach Projekt honoriert - bei DB RES allerdings nie! Das Honorar ist je Projekt immer etwas individuell geregelt. Prinzipiell liegt es etwas über Mindestlohn. Gilt aber eben nur für reine Erhebungszeiten - An- und Abreise ist Privatsache. Allerdings haben die Erhebungsfirmen die Möglichkeit, Sonderkosten zu erstatten bzw Sonderzahlungen zu leisten. Das Thema kommt stets bei notwendigen Übernachtungen auf. Das ist dann immer Verhandlungssache. Hängt davon ab, wie wichtig die Erhebung ist, wieviel Geld ist im Topf beim Auftraggeber und wie leistungsbereit ist der Erheber (Stichwort: Anzahl der geführten Interviews). I.d.R. muss anschließend kein Nachweis der tatsächlichen Aufwendungen erbracht werden. Man läßt sich Hotelkosten vergüten, sitzt die Nacht aber bei McDonalds ab. Oder fährt am Wochenende z.B. in Bremen mit dem Nachtbus spazieren ;-) (der Kollege saß in Bremen im "Gleis 11" die paar Std ab). Ein Kollege legte sich gern in einem innerstädtischen ehemaligen Friedhof zum Schlafen. Die vergüteten Sonderkosten sind dann halt eine nette Zusatzeinnahme.

Generell: zum Reich werden ist der Job ungeeignet. Als Nebenjob gut, wenn Geld verdienen nicht die einzige Triebfeder ist. Nur selten gibt's ausreichend Aufträge direkt vor der Tür (wobei ich in Osnabrück da nicht klagen kann: Westfalenprojekte; Nordwestbahn im Weser-Ems-Netz, DB-Expresskreuz Niedersachsen). Wer also gern unterwegs ist, kann rumkommen. Und man muss Menschen lieben. Das schöne auf dem Zug ist, dass man alle Schichten, Nationalitäten etc trifft - im Gegensatz zur Vereinsmeierei und Freundschaften, wo man ja meist eher in seinem Milieu verweilt. Ich genieße bei Befragungen vor allem die Frage nach dem Grund der Fahrt - da sind viele doch sehr auskunftsfreudig. Man erfährt viel über Menschen und was sie so umtreibt. Da givts viele tolle kurze Unterhaltungen. Und im Gegensatz zur medialen öffentlichen Darstellung gibt es mit 99,999999999999999999999% der Fahrgäste überhaupt gar keine Probleme!!!! Auch im größten Chaos nicht. In der Regel machen so um die 95% der Fahrgäste die Befragungen auch mit. Das ist alles völlig easy. Kann ich jedem nur empfehlen. Bahnfans sowieso - denn natürlich bekommt man auch über Eisenbahn so manches mit. Die meisten Personale sind uns wohlgesonnen - wenn sich die Fahrgäste bei mir auslassen über das Chaos, haben sie ihre Ruhe ;-). Einige wenige betrachten uns als Konkurrenz - sie wollen Chef im Zug sein. Bei Lokführern sind wir allerdings eher unbeliebt; i.d.R. sehen die Vorgaben vor, den Fahrgastwechsel vom Bahnsteig aus zu beobachten. Und da braucht man halt Feeling und Zeitgefühl, um nicht zu kurz am Bahnsteig zu stehen (dann rümpft mein Kontrolleur die Nase) und vor allem nicht zu lange - da gibt's, insbesondere im S-Bahn-Verkehr, schnell Mecker vom Lokführer. Da muss man Feingefühl haben.

So, das sollte das wesentliche gewesen sein. Ich mache das jetzt insgesamt seit 16 Jahren und genieße es noch immer.

Wie sagte mal einer der in anderem Beitrag beschriebenen "Arrogantis" ziemlich herablassend: "Ach guck, in meiner Jugend hab ich das beim Studium auch mal gemacht." Seine Frau guckte etwas fragend. Ich verstand aber und meinte nur fröhlich: "Guck, Sie haben dann Karriere gemacht, während ich hier unten stehen geblieben bin." Der Frau war seine Aussage dann etwas peinlich; er schaute drein wie die Ente im China-Restaurant: süß-sauer.


Schöne Grüße von jörg

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"Zu Lebzeiten will ich gerne bescheiden sein; doch wenn ich tot bin, soll man natürlich anerkennen, dass ich ein Genie war." (Michel Audiard)


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