Kapitel 2: Erste Erkundungen in der Stadt (m.20 B.) (Reiseberichte)

J-C, In meiner Welt, Donnerstag, 19.08.2021, 22:23 (vor 1676 Tagen) @ J-C
bearbeitet von J-C, Donnerstag, 19.08.2021, 22:27

In diesem Kapitel wird es weniger Bahnbezug geben, aber ich hoffe, es ist nicht weniger interessant.

Nun wird man sich fragen, in welchen Ort hat es mich bitteschön verschlagen?

Das kann ich gerne beantworten. Tatabánya, Namensgeber ist die ehemalige Kohlemine bei Tata (Die nächstgelegene Stadt), wurde zu Zeiten des sowjetischen Einflusses aus 4 Dörfern heraus gegründet. Es ist eine Planstadt, wo alles von Grund auf nach den Prinzipien sozialistisch geprägter Stadtplanung errichtet wurde. Das bedeutet, Plattenbauten, viel Grünraum drumrum (der aber meist nur als Abstandsgrün, also ohne aktive Nutzungsmöglichkeit, errichtet wurde), generell viel Wohndichte.

Die Kohlemine war der Brotgeber der Industriestadt, sie hat ihr eine ziemlich gute finanzielle Basis gesichert. Doch wurde sie in den 90ern stillgelegt. Stattdessen hat die Stadt eine Transformation in den Sekundären Sektor hingelegt, also in die herstellende Industrie. Unternehmen verschiedener Branchen aus aller Welt haben sich nun hier angesiedelt und produzieren verschiedenste Produkte. Klingt gut, aber in Ungarn bringt das nicht so viel, wenn die politische Konstellation nicht günstig ist.

Was aber nicht drin war sind viele Spielplätze, wie es eigentlich in Dörfern und Städten dieser Prägung ziemlich üblich wäre. Vielleicht sind sie in den Außenbezirken, die ich nicht besuchte, mir kam das aber generell etwas merkwürdig vor.

Meine Unterkunft liegt im Tatábanyiai Kollégium, einem ehemaligen Eisenbahnerhotel, welches vor einem Jahr in eine Unterkunft für Studierende umgebaut wurde.
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Es ist wohl eines der modernsten Gebäude der Stadt. Es liegt sehr nah an der Bahnstrecke, zunächst würde ich dort mein Gepäck abladen und auf Erkundungstour gehen.

Die Stadt hat schöne Plätze...
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... ein Stadtbussystem mit modernen Bussen in einem für eine solche Stadt typischen Takt, welches ich jedoch nie in Anspruch nahm...
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Wohnbebauung...

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...eine Parteizentrale der Fidesz (welche nicht der Stadtregierung angehört, Tatabánya wird von der Opposition regiert und ist damit in guter Gesellschaft mit anderen Städten Ungarns. Das gefällt Orbán Viktor nicht, er straft die Städte mit Kürzung von Mitteln, ein Grund, warum die Städte in Ungarn finanziell eher in Schwierigkeiten sind).
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...viel Begrünung an den Straßen....
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...eine Hauptstraße mit wenig Appeal (dafür aber ein Obi und ein Interspar)
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...ein Gymnasium...
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...EU-rechtswidrige Propagandaplakate des Landeskabinetts von Orbán Viktor...
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...ein Rathaus, welches an dem Ort liegt, was man mehr oder weniger als Zentrum bezeichnen kann...
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...in der Nähe auch eine Einkaufszone...
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(welches auch einen Spar-Szupermarket und ein Rossmann beherbergt)
...und Bushaltestellen, die schöner aussehen als in Wien.
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Ich war ein wenig enttäuscht, dass man viele potenzielle Zentren als Parkplatz ausgewiesen hat, aber dann habe ich einen Platz in dieser Gegend entdeckt, der doch ziemlich schön ist:
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Ich war auch mal kurz jenseits der Autobahn M1 spaziert.
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Da gibt es auch Wohnhäuser in an sich schöner Lage.

Allerdings ist der Lärm der M1 ziemlich penetrant, ich kann mir nicht vorstellen, dass man da allzu glücklich leben kann. Wobei, vielleicht gewöhnt man sich daran.

Nun zurück zur Bahn. Zunächst warf ich einen Blick auf die Bahnanlagen...
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...was man auf den ersten Blick nicht vermutet, diese Strecke hat ein ETCS-System installiert. Sie ist auch auf 160 km/h ausgebaut und die Schienen sind keine Billigware, eine Reise dort ist ziemlich angenehm (und ich habe Ansprüche!), obwohl die Anlagen es nicht vermuten lassen würden.

Hier noch eine Impression vom Bahnhofsvorplatz:
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Nach alledem, was man von der Stadt so gesehen hat merke ich, wie Bahnhöfe als Visitenkarte einen großen Eindruck hinterlassen können. Denn die Stadt ist doch ein wenig besser als das, was man beim ersten Eindruck beim Verlassen des Zuges mitkriegt und eigentlich sollte der Bahnhof die Stadt richtig repräsentieren.

Das Problem: Man wollte schon längst den Bahnhof modernisieren, aber ständig wurden die Mittel woanders hin allokiert, wo genau, das weiß man dann auch wieder nicht. Mich beschleicht der Eindruck, man findet da immer etwas, was vorher gemacht werden sollte und kommt aus dieser lächerlichen Schleife nicht raus. Es geht einfach nichts voran, das ist das Ergebnis.

Ich konnte jedenfalls mein Zimmer beziehen.
Vielleicht interessiert es wen: so sieht ein Zimmer dort aus, ich habe dann ein anderes bekommen, leider hab ich grad kein Foto davon zur Hand.
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Auf eigenen Wunsch bekam ich tatsächlich ein Zimmer auf der Seite der Bahn zugeteilt, das heißt, jede Nacht konnte ich vom offenen Fenster die Ansagen am Bahnhof und die vorbeifahrenden Züge hören. Ich habe nun eine Idee davon, wie es ist, wenn an einem ein Güterzug vorbeirauscht. Und für die eine Woche fand ich es gar nicht störend sondern richtig toll. Also wenn jemals jemand mir sagen würde "Versuch du doch mal, eine Woche an einer stark befahrenen Strecke zu wohnen", würde ich fragen "Wann kann ich einziehen? Und kann ich das noch etwas länger genießen?". Ich bin einfach hoffnungslos.

Mein größtes Problem war da eher der Straßenlärm, die Ungaren scheinen eine Vorliebe für's Auto zu haben und auch ein besonders hohes Vertrauen in die eigenen Fahrkünste zu haben. Noch nie zuvor habe ich so oft die Reifen quietschen gehört. Das ist schon ein Erlebnis, wo du weißt, du bist definitiv in einem Land, welches nicht den Standards deines Herkunftsortes entspricht.

Allerdings ist es zu Mitternacht eher ruhig. Allgemein konnte ich mich an das alles zumindest für die eine Woche durchaus gewöhnen. Wobei es an der Straßenseite sicher unangenehmer ist.

Das wäre die erste Einführung, im nächsten Kapitel wird es dann weitergehen.

--
Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky


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