Kapitel 1: Auf Zeitreise nach Ungarn (m.16 B.) (Reiseberichte)

J-C, In meiner Welt, Donnerstag, 19.08.2021, 20:58 (vor 1674 Tagen) @ J-C
bearbeitet von J-C, Donnerstag, 19.08.2021, 21:03

Im Ohrensessel nach Wien und weiter...

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Tadaaa! Die erste Etappe führt mich von Breclav aus in einem Wagen, der dem einen oder anderen vertraut sein könnte, allerdings unter anderer Farbgebung, ohne Umstieg über Wien bis nach Györ.

Es war, wie ich es erwartet habe, eine Verspätung zunächst abzuwarten. Als erfahrener Grenzpendler sind mir die verlässlich auftretenden Verspätungen wohlbekannt, ich habe deswegen auf einen Kauf einer Fahrkarte von Györ nach Tatabánya verzichtet, das werde ich kurz vor Ankunft erledigen.

Der Sitz ist sehr komfortabel, nur die Steckdosen fehlen, bzw. sind zugeschraubt. Das wusste ich, weswegen ich natürlich eine Powerbank dabei hab. Der Wagen ist schon besonders, von der Fensterreihung, von den Sitzen, welche den Begriff "Ohrensessel" wirklich verdient haben. Ob man damals erahnt hätte, dass diese Wagen erster Klasse einmal einer Privatbahn gehören würde, die dieselben Wagen als LowCost-Klasse vermarktet? Wer sich daran erinnert weiß, dass zuvor in der Klasse ex SBB-Wagen mit der Bestuhlung eines Regionalzuges verwendet wurden. Immerhin, ein gratis Wasser gibt es so oder so, wobei ich im Kiosk am Bahnhof mit Proviant mich bereits versorgt. Stellte sich als eine gute Idee heraus.

Das Abenteuer beginnt also, die Geräusche dieses alten, ehrwürdigen Wagens sind ziemlich markant, man hört einfach deren Alter heraus, es bringt immer so eine besondere Stimmung.

Auf Österreichischer Seite setzte man alles daran, dass der Zug durchkommt, man leitet den Zug auf's Gegengleis um den pünktlichen REX überholen zu können. Ein paar Minuten konnte man so rausholen, zumal es ja einen großzügigeren Puffer gibt zwischen Breclav und Wien als bei den Zügen der ÖBB, was wiederum aufgrund der Trassenlagen zurückzuführen ist.

Sodann erreicht man den Hauptbahnhof zu Wien und erlebt ein Rendezvous mit einem neueren Fernverkehrszug deutscher Herkunft.

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Es geht sodann über Meidling und Oberlaa in Richtung Hegyeshalom. Ob es vor der Zeit von Regiojet schon ein Ohrensesselwagen bis nach Budapest schaffte über Wien? Es gab ja vor 20 Jahren noch ECs mit DB-Wagen über München und Wien bis Budapest, allerdings nicht mit den Ohrensessel-Apmz, soweit ich es sah.

Was aber noch spannender ist, es ist das erste Mal, dass ich Österreich ohne Umstieg im Transit durchquere. Von der tschechischen Grenze zur ungarischen Grenze über Wien sind es ja ca. 2 Stunden. Das gibt der Fahrt über dem Hauptbahnhof einen neuen Geschmack.

Die Reise geht jedenfalls in Richtung Ungarn, als es nicht mehr weit bis zur Grenze heißt, dass es wegen eines Polizeieinsatzes einen außerplanmäßigen Halt in Parndorf geben würde. Ich zählte 1+1 zusammen und hab instinktiv gedacht, dass der Polizeieinsatz unseren Zug betrifft.

ZACK!

Vollbremsung, die Bremsen quietschen, man kommt abrupt am Bahnsteig zum stehen, man steht in Parndorf Ort.
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Punktlandung des Lokführers, volle Punktzahl! Doch was jetzt?

Es dauert nicht lange, da betritt die Polizei unseren Wagen. Meine Schlussfolgerungen waren also korrekt. Ergebnis: Der Zug hat nun einen Fahrgast weniger. Details werde ich hier mal ersparen, man muss ja einzelne Schicksale nicht übermäßig ausbreiten.

Es geht mit gehörig Verspätung weiter. Man überquert die Grenze, erleidet einen Kulturschock ob der völlig hässlichen und desolaten Bahnhöfe, denen man begegnet, Hegyeshalom, Mosonmagyarovar... deren Visitenkarte hat Flecken. Aber nicht nur dort...

In Hegyeshalom konnte man gerade einen EC mit Kurswagen aus Kiew bestaunen:
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Und dann auch, dass in der Fallblattanzeige man den Regiojet als Marke besonders würdigt:
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Tatsächlich vertraut man in Ungarn weitestgehend noch auf Fallblattanzeigen und Bahnhöfen mit nicht barrierefreier Einstiegshöhe von vermutlich 38cm, selbst auf dieser Hauptmagistrale.

Regiojet hält leider nicht in Tatabánya, sonst hätte ich auf meiner Reise keinen Umstieg gehabt. So steigt man in Györ aus, nachdem ich extra aufpasste, nichts zu vergessen. Hier ist es das letzte Mal, dass man ein Wort Tschechisch hören würde... bis man am Ziel mit den anderen Kollegen ist.

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Dieser Bahnhof ist nach denen in Budapest das beste, was die gesamte Strecke zu bieten hat vom Zustand her. Ich habe diese Stadt schonmal besucht. Und ich wette das haben schon andere.

Nun heißt es warten. Ich habe vor Ankunft schon beschlossen, meinen Anschluss zu buchen. Der RJX wurde als pünktlich in der MÁV-App angegeben und mein Zug war eben so 20 Minuten und mehr verspätet, also habe ich im Irrglauben, den Zug nicht mehr erreichen zu können, den IC aus Sopron gebucht. Zwischen Györ und Budapest gibt es ja einen halbstündlichen Fernverkehr, ein Stundentakt aus RJX und ECs nur mit Halt in Tatabánya und ein Stundentakt aus ICs auch noch in Komárom und Tata. Und 2 Züge von Regiojet, die dazwischen Platz finden. Seit Fahrplanwechsel wurden die Lücken im schnellen Stundentakt mit ECs geschlossen.

Darüber hinaus gibt es in der Woche einen Halbstundentakt der S10 Budapest - Györ, am Wochenende ist es ein Stundentakt. Für ungarische Verhältnisse definitiv ein sehr gutes Angebot.

Und davon würde ich an jenem Tag profitieren. Der RJX kam jedenfalls verspätet an, doch da ich ja bei der MÁV immer eine verpflichtende Reservierung brauche, konnte ich den Zug nicht mehr nehmen.
So musste ich ob der schnellen Option leider passen...
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Ich musste den IC "Sopron Bank", der kurz darauf ankommt, nehmen.
Derweil warf ich noch einen Blick auf den Betrieb, da wartet ein Flirt der GySEV...[image]
...und da kam mein Zug dann schon.
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Die obligatorische Reservierung setzte mich in ein volles Abteil eines 4-Wagen-ICs der GySEV, welcher aus Sopron kommend den beschriebenen "langsamen" IC-Takt erfüllt.

Der Zug besteht ausschließlich aus Abteilwagen, allesamt ex ÖBB. Somit würde ich an jenem Tag in deutschen und österreichischen Wagen reisen, jedoch jeweils unter neuer Farbgebung und Besitzverhältnissen. Was bleibt ist das Reisegefühl von damals.

Was neu ist, sind bei den GySEV-Wagen die Außenanzeigen und die Monitore, die an jedem Abteil angebracht sind.
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Sie informieren über den aktuellen Standort, die nächsten fahrplanmäßige Halte, aktuelle Hinweise etc. - meist auf Ungarisch, leider habe ich keine Sprachkenntnisse in dieser durchaus spannenden Sprache erworben, dementsprechend lässt mich das staunend zurück.

Das gute ist, dass die Bahnhöfe hier in der alten Schule noch stehen, alle Fernzüge, ob national oder international werden auf Ungarisch, Englisch und Deutsch angesagt, da wird man nicht im Stich gelassen ;-)

Im Zug selbst erfolgen aber alle Ansagen auf Ungarisch, man kommt dennoch zurecht, ich wusste ja, wo ich aussteigen sollte und wenn dank der Monitore habe ich ja immer den Überblick, wo man grad ist.

Eine Fahrkartenkontrolle erfolgte zwischen Györ und Tatabánya jedenfalls nicht. Ok?

Ich steige also dann aus.
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Und betrete einen Bahnhof, der seit 30 Jahren so gut wie keine Erneuerung gesehen hat, außer vielleicht der Desinfektionsspender in der klimatisierten Wartehalle. Und der Klimatisierung der Wartehalle vielleicht.

Am Wochenende wird die Stichstrecke Tatabánya - Oroszlany im Pendelverkehr alle 2 Stunden von einem Stumpfgleis aus bedient. Hier ist der Flirt, der die Nebenbahn bedient:
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Den habe ich bis zu den letzten Tagen meines Aufenthalts aber noch nicht von innen gesehen.

Und nun nochmal der Bahnsteig, in seiner vollen "Pracht"
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Es gibt da ein kleines Detail am Bahnhof, welches ich erst später entdeckte. Es ist jedoch nicht ein besonders erfreuliches Detail. In einem anderen Kapitel werde ich das mal beleuchten.

Aber jetzt erstmal...

Herzlich willkommen im Jahre 1990!

Denn in jenem Jahr wurde der ungarischen Wikipedia nach der Bahnhof mit den Bahnsteigen vollständig umgebaut.
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So kam ich an, in einem völlig vernachlässigten Bahnhof mit unebenem Boden, ohne Lift (was mit Koffer schon "spaßig" ist, aber immerhin habe ich später gelernt, dass der Stationswärter Fahrgästen mit oder ohne besonderen Bedürftnissen es ermöglicht, die Hauptgleise zu überqueren und dann ohne Treppen zu besteigen den Bahnhof zu verlassen) und dem Gefühl, versehentlich Dr. Who's Telefonzelle betreten zu haben und in einer völlig anderen Zeit gelandet zu sein.

Das wäre nun das erste Kapitel. Im nächsten Kapitel werde ich ein wenig die Bahn verlassen und ein paar Eindrücke aus einem ersten Stadtbesuch mitbringen.

--
Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky


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