Russenerlebnisse, Kap. 2: Das Russenblubber (Reiseberichte)

Krümelmonster @, München, Donnerstag, 26.03.2020, 17:47 (vor 108 Tagen) @ Krümelmonster

Im Sommer begann nach zwei Tagen Aufenthalt die Schifffahrt, zunächst die Newa hinauf. Pro Tag gab es immer einen Stopp, der jeweils mehrere Stunden dauerte.
Dank Anwenderfehler sind leider nicht mehr allzu viele Fotos erhalten. Dementsprechend knapp wird der Bericht, zumal es ja doch etwas OT ist.

Der erste Stopp war in Mandrogi. Anfang der 90er Jahre kaufte ein reicher Russe das Gebiet und lud die besten Holzbaukünstler ein, hier ein Museum zu bauen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen! Mit besonders großer Freude erfüllte mich (im wahrsten Sinne des Wortes) das Wodka-Museum. Die Wahl fiel leicht: entweder eine Flasche zum Mitnehmen oder 5 kurze vor Ort (die gar nicht so kurz waren^^). Die Flasche kaufte ich später woanders. ;-)
Am nächsten Tag hielten wir in Kizhi, einer Insel in Karelien mit schönen alten Holzkirchen, ebenfalls Museumsdorf. Es liegt bereits weiter nördlich als Bergen (NO). Die Fahrt dorthin war arg langweilig, denn der Onega-See ist riesig (die 16-fache Fläche des Bodensees), und so ein Flusskreuzfahrtschiff bietet kaum Möglichkeiten der Unterhaltung. Zeitweise war auf keiner der beiden Seiten das Ufer zu sehen (dabei wurde der See längst nicht mittig durchquert), dementsprechend bot das Handy auch keine Ablenkung mangels Netz. Uns fiel auf, dass eigentlich alle Worte viel lustiger klingen, wenn man Russen- davor setzt. Das trifft sogar auf ganz banale Worte zu, z. B. Russenteller, Russenmesser oder Russengabel. ;-) Den Ladogasee, den größten See Europas, hatten wir zum Glück im Laufe der Nacht am Südrand passiert. In diesem Gewässer könnte man flächenmäßig mehr als halb Belgien versenken – so könnten die Belgier doch ihre Probleme mit der jeweils anderen Landeshälfte lösen. ;-) Und selbst danach würde immer noch komplett Luxemburg reinpassen. :D Positiv in Erinnerung geblieben sind mir die nie enden wollenden Wasser-Weiten des wilden Kareliens (obwohl es dort natürlich auch meist kein Netz gab^^) im Abendlicht, wo es ob der geographischen Lage gar nicht richtig dunkel wurde. =)
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95 Russenschleuse. Links unten sind in weiß noch Hammer & Sichel erkennbar, die hat man offenbar dort vergessen…
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96 Wodka-Museum in Mandrogi *‿*
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97 Diese Bahnstrecke unterquerten wir keine 5 min, bevor der Zug aus Murmansk kommen sollte -.-
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98 „Lenin lebt für immer“. Naja, zumindest in der karelischen Wildnis ;-)
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99 Die endlosen Weiten Kareliens
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100 Auf Kizhi
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101 So schauen die Schiffe aus
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102 Die Kommandobrücke. Vielleicht interessiert sich jemand für die Technik. ;-)
Weiter ging die Fahrt über den Wolga-Ostsee-Kanal und die Scheksna in die Wolga, den größten Fluss Europas (irgendwie sind alle größten Sachen Europas in Russland :D). Der nächste Stopp war am Kloster von Goritsy. Das liegt nicht direkt am Fluss, sodass wir mit Bussen dorthin gebracht wurden. Mangels Dörfern auf dem Weg gab es aber keine Möglichkeit, das „wahre“ russische Dorfleben zu sehen. Tags darauf hielten wir in der größten Stadt auf dem Weg: Jaroslawl, der östlichste Ort, an dem ich bis dahin unterwegs war. Uglitsch hat mir von den Stopps irgendwie am wenigsten gefallen.
Interessant fand ich ja, dass uns in erster Linie Sakralbauten gezeigt wurden. Diese waren immer aktiv und gut in Schuss. Selbst in Russland hat die jahrzehntelange Sowjetzeit nicht ausgereicht, um die Menschen von der Religion abzubringen. ;-)
Teilweise verliefen Bahnstrecken entlang der Flussufer, über die manchmal kilometerlange Güterzüge ratterten – sehr imposant!
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103 Nahe Goritsy
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104 Güterzug am Abend ist erquickend und labend
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105 – 106 Sonnenuntergang überm Wasser
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107 Such den Zug^^
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108 Rybinsk war gar kein Anlaufpunkt, das Bild war eher ein Zufallstreffer morgens beim Aufwachen^^
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109 Eine Art Wasser-Marschrutka auf der oberen Wolga: Das Schiff hielt offenbar wahllos, wahrscheinlich auf Zuruf an verschiedenen Punkten ohne jegliche Infrastruktur am Ufer.
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110 Es passte halt immer nur ein Bruchteil der Züge ins Bild
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111 Die Elias-Kirche in Jaroslawl
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112 Und ihr Inneres
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113 Die Skyline von Uglitsch
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114 Brückenbauer am Werk
Einige Worte noch zum Schiff: Alle Schiffe, die dort verkehren, sind zumindest äußerlich baugleich. Das Personal im Schichtdienst hat immer vier Stunden Arbeit und dann acht Stunden Pause. So geht das ohne Ruhetag von April bis Oktober. Im Winter haben sie dafür frei. Ob sie im Winter dann auch reguläres Gehalt erhielten, halte ich zumindest für fraglich. Die Kellner und Mitarbeiter an der Rezeption sprachen etwas Englisch oder Deutsch (zumindest das, was sie für ihre Arbeit brauchten), sonst standen für die Reisenden eigens studierte Dolmetscher zur Verfügung. Während der Ausflüge gab es jeweils örtliche Fremdenführer. Die meisten von ihnen waren fortgeschrittenen Alters und wollten sich damit die karge russische Rente etwas aufzubessern. Übrigens hießen gleich zwei von ihnen Ljudmilla. :D Wo kein deutschsprachiger Fremdenführer zur Verfügung stand, übernahmen die Dolmetscherinnen vom Schiff die Übersetzung. Das Schiff war gut gebucht. Knapp die Hälfte der Kunden waren Deutsche, knapp ein Drittel Österreicher. Vom restlichen Viertel waren etwas mehr Schweden als Norweger – diese beiden Gruppen wurden nicht in ihrer Muttersprache betreut, sondern auf Englisch. Standesgemäß waren außer mir alle Ü50 – meine Mutter fällt ja mittlerweile auch in diese Kategorie. :D
Am Ende führte die Route durch den Wolga-Moskau-Kanal, der offensichtlich nicht mehr im besten Zustand ist, im Schneckentempo in die Hauptstadt. Während wir auf dem Deck das Vorankommen des Russenrentnerruderers im Scheckentempo beobachteten, meinte eine Rentnerin: „Und es bewegt sich doch!“ :D
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115 Bereits im Raum Moskau eine Elektritschka
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116 Russenrailjet ;-)
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117 Ist das Beibehalten der alten Namen („Karl Marx“) traditionalistisch oder einfach pragmatisch? :-s
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118 Äußerst vertrauenserweckender Kran :D

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Meine Reiseberichte, die vor Mai 2020 veröffentlicht wurden, am besten in Firefox oder Edge öffnen - dort sollten keine Bilder auf der Seite liegen ;-)


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