Auf halber Strecke stehengeblieben... (Allgemeines Forum)
Hallo allerseits!
Und was ganz untergeht in der aufgeregten Debatte: Benzin ist eigentlich immer noch eher zu billig als zu teuer; der Preis deckt die Umwelt- und Klima-Schäden nicht, die durch den Autoverkehr entstehen.
Wenn wir schon so rechnen, dann aber bitte etwas genauer: Wenn ich von Staats wegen gezwungen werden, Arbeit in 2 Std. Entferung anzunehmen, dann belaste ich das Klima auch schon von Staats wegen. Ich könnte zwar umziehen - aber dann verliere ich ja vielleicht das Interesse an meiner Heimat und lege jeden Gedanken an Gemeinnützigkeit ad acta. Oder anders gesagt: Mir doch wurscht, ob meine Heimatstadt verkommt oder nicht. Warum soll ich aber, wenn ich dem Staat Sozialkosten erspare, dann noch für die Umweltkosten aufkommen?
Beim Freizeitverkehr geht's dann weiter: Wenn ich mit dem Auto zum Heidepark fahre, bin ich zwar ein Umweltsünder, aber dafür tue ich den Beschäftigten im Heidepark wieder Gutes. Und dem Eislieferanten, dessen dort hingekarrtes Eis ich mampfe. Nun in jedem Kaff einen Heidepark installieren, um die Fahrtwege zu ersparen, ist aber auch keine Lösung. Wird also schon schwierig, Kosten und Nutzen auseinander zu dividieren.
Bei den Lebensmitteln etc. müssen wir natürlich auf jedes einzelne Lebensmittel schauen: Was hat die Herstellung verkehrstechnisch gekostet? Die Krabben zum Pulen durch halb Europa zu fahren, müßte dann also die Krabben teurer machen, weil die Fahrt unnütz ist. Muß aber auch der Erdbeerlaster mehr bezahlen, wenn er im Februar Erdbeeren aus Südeuropa bringt? Oder müßte ich konsequenterweise im Februar auf Erdbeeren verzichten? Aber dann hat der Südeuropäer keine Arbeit und wandert womöglich aus; womöglich zu uns, und das ist auch keine Lösung.
Bestrafen muß man mich als Bürger aber, wenn ich nicht zum Supermarkt um die Ecke fahre, sondern zum Supermarkt 2 Ecken weiter. Das ist unter diesem Aspekt dann nämlich Unsinn. Fragt sich nur, wie wir das rausfinden, welche Fahrt zur Deckung meiner Bedürfnisse auch kürzer sein könnte und mit welchem Preis ich die unnötige Wegstrecke ansetze.
Und zum Schluß müssen wir dann natürlich noch schauen, welche Umweltschäden GENAU durch das Auto entstanden sind. Und welche z.B. von der Industrie. Oder welche Umweltveränderungen einfach der natürliche Lauf der Zeit sind - denn die Umwelt hat sich seit Entstehung der Erde immer verändert (zum Glück, sonst gäbe es uns nämlich nicht!) und wird das auch in Zukunft immer tun (womit sicher ist, dass wir die Erde auch irgendwann wieder verlassen).
Aber so kompliziert wollen wir es ja gar nicht machen. Einfach mal eben das Schlagwort "Benzinpreis deckt Umweltschäden nicht" in die Runde geworfen - irgendwann wird's der Bürger schon glauben.
Hab übrigens noch nie gehört, dass jemand fordert, dass Adidas-Turnschuhe teurer werden müssten, weil die Herstellung die Umwelt in der 3. Welt verseucht.
Höhere Preise senken den Verbrauch, weil man sich dann überlegt, wann, ob und mit welchem Verkehrsmittel man fährt.
Zum einen muß ich überhaupt erstmal die Möglichkeit haben, ein anderes Verkehrsmittel zu benutzen!
Zum anderen bringt das Ganze herzlich wenig, wenn das andere Verkehrsmittel seine Preise ebenfalls erhöht - eben aufgrund gestiegener Energiekosten.
Außerdem: Wenn ich dann meine Fahrten evtl. reduziere, weil wie geschrieben, die Alternativen auch teurer werden, dann schaffe ich damit aber neue "Probleme": Nämlich eine sinkende Nachfrage in anderen Bereichen. Kein Sonntagsausflug mehr. Mal eben zur Pommesbude ins Nachbardorf fahren - nö. Abends vom Dorf ins Großstadtkino - nein, wenn ein Baum dran glauben muß, dann doch lieber nicht. Oder sollte als Ausgleich tatsächlich noch um 23:16 Uhr neu ein Bus eingesetzt werden. Was dann auch wieder Umweltschützer kritisieren, weil der meist leer fährt.
Jede Fahrt müßte also unter Umweltgesichtspunkten erstmal auf ihre zwingende Notwendigkeit überprüft werden. Dabei würden wir feststellen, dass zum Überleben sicherlich praktisch gar keine Fahrt notwendig ist. Schlußendlich müßten wir also alle wieder vor unserer Höhle sitzen und per pedes dem Getier hinterherjagen oder am Grünzeug zupfen, was vor der Höhlentür wächst.
Mittelfristig beschleunigen moderat steigende Treibstoffkosten auch den überfälligen Ausstieg aus den zur Neige gehenden fossilen Brennstoffen und den Wandel zu umwelt- und klimafreundlicherer Mobilität.
Warum das? Das Gegenteil ist doch wohl der Fall! Wenn die Hersteller (oder auch der Staat anteilig) für ihre fossilen Brennstoffe in Zukunft beim Verkauf noch mehr Geld bekommen als jetzt, die Förderkosten allerdings gleich bleiben, dann werden sie doch wohl alles daran setzten, die Vorräte bis zum letzten auszubeuten und möglichst lange das System aufrecht zu erhalten. Sie müssen dann nur ihre Macht erhalten, Neuentwicklungen effektiv zu blockieren. Die Macht haben sie allerdings dann auch - weil sie das Geld haben!
Und was ist eigentlich klimafreundlichere Mobilität? Elektroautos mit Atomstrom? Oder haben wir bald eine Raps-Monokultur für Ökosprit? Oder hoffen wir auf weitere Stürme und bewegen uns per Windkraft vorwärts. Apropos: Gegen die ganzen Windräder laufen unsere Ökos dann ja auch Sturm. Landschaftsbildverschandelung und so. Wasserkraftwerke wie in China oder der Türkei dürfen natürlich auch nicht sein, verändert ja den Flußlauf und damit das Klima und läßt Städte und Kulturgüter absaufen. Kohle geht sowieso nicht. Und Atom ist tabu. Bliebe höchstens noch, die Welt mit Sonnenkollektoren vollzupflastern, aber ich erinnere mich, dass die Ökos gegen die Sahara-Pläne ja auch schon was zu quengeln hatten.
Ist es wirklich so schwer, das den Menschen zu erklären?
Das kapieren die Menschen auch so. Allerdings sehen sie eben auch, dass das nur die halbe Wahrheit ist und eigentlich nur verschleiert dazu dient, die Spritpreiserhöhungen schön zu reden. Wenn ich dann lese: Maut, Spritpreis, okay, aber bei der Steuer entlasten wir euch. Höhö. Wo bleiben denn all die "Entlastungen", die "uns" versprochen wurden? Gut, jeder der aufgeklärt ist, schaut sich mittlerweile das Polit-Spektakel nur noch aus der Zuschauerperspektive an und macht ansonsten weitgehend sein eigenes Ding - nichts stört die hohen Herren mehr, als das man sie einfach ignoriert. Und so weiß der aufgeklärte Bürger natürlich auch, dass das meiste nur dummes Gelaber ist; da hat der Autor mit seiner Kritik allerdings zu 100% Recht. Und man einfach testet, wie weit der Bürger noch abzuzocken ist. Um mal die Eisenbahn ins Spiel zu bringen: Die bewährte Salamitaktik! Hier noch ein kleines Steuerchen obendrauf, da mal eben 8 Euro Krankenkassengebühr: Wir schauen mal, was noch so geht. Dazu ein wenig Hartz-IV-Bezieher-Beschimpfungen, so dass noch im Tretboot Steckende gar nicht auf die Idee kommen, aufzuhören und sich aus der Leistungsgesellschaft zu verabschieden um genauso abzuzocken wie es ein paar Etagen höher auch gemacht wird.
Und so wird dem Bürger auch beim Sprit ein schönes Schauspiel geboten: Die Konzerne erhöhen, ein paar Politiker schimpfen und erhoffen sich Pluspunkte dadurch; dem Bürger wird derweil erzählt, dass aus Umweltgründen die Preise noch höher sein müßten - womit er ein schlechtes Gewissen bekommt was das Schimpfen auf die Konzerne dämpft, während er gleichzeitig Politiker für ihren Einsatz lobt. Und die Politiker bedanken sich bei BILD, dass die quasi stellvertretend ein wenig den Druck aus dem Kessel nimmt. So sind dann alle zufrieden: Die Konzerne sahnen ab, die Politiker sind Gutmenschen, BILD hat Auflage, der Bürger hat sich kurz ausgetobt, hat aber ein schlechtes Gewissen und zahlt artig den geforderten Preis, weil das ja auch irgendwie sein Gutes hat.
Aber jetzt ist gut, das ist natürlich alles viel zu lang für einen kurzen Kommentar in einer Regionalzeitung. Drum kurz zusammengefaßt: Ein höherer Spritpreis würde nicht dazu führen, dass die Leute massenhaft auf Bus & Bahn umsteigen. Denn diese würden ebenfalls entsprechend ihre Preise erhöhen oder das Angebot kürzen. Womit es für den Bürger auf's Gleiche rauskommt - nur dass er weniger Geld in der Tasche hat.
Aber wer weiß, vielleicht bekommen es die Industrie und solche Kommentaroren wie der von Dir genannte ja als Steigerung noch hin, dass wir dummen Bürger noch selbst rufen werden: Jawohl, der Spritpreis muß höher werden! Und wir demnächst noch bei jeder Benzinpreissenkung ein schlechtes Gewissen haben werden.
Schöne Grüße aus der Friedensstadt Osnabrück vom
blaschke
Um die Leute auf andere Verkehrsmittel umzulenken, gibt es ein ganz einfaches Rezept: Diese müssen einfach nur besser sein! Was auch beinhaltet, dass sie billiger sein können. Nun kann aber die Ölindustrie nix dafür, wenn wir Wettbewerb rufen und dann zig Eisenbahnunternehmen mit zig Plüschetagen gründen, unter dem Deckmantel des Wettbewerbs zig Busunternehmen, Verkehrsverbünde rumwerkeln lassen und zwischen Staat/Bundesland als Auftraggeber und EVU als Durchführer noch eine Behörde namens Bestellorganisation schaffen. Wo dann ein Großteil des im Betrieb eingesparten Geldes gleich wieder rausgeworfen wird (gut, das schafft dann wieder Arbeitsplätze). Und wenn wir einen Marktführer haben, dessen "Normalpreis" genaugenommen rezeptpflichtig ist.
Übrigens, ich würde für meine Mobilität ja durchaus mehr bezahlen (wollen). Wenn ich nicht gleichzeitig für zig andere Dinge des Lebens immer mehr zur Kasse gebeten würde und mir mein Chef nicht tendenziell weniger denn mehr zahlen würde, dann ließe sich über einen "Ökozuschlag" gerne nachdenken...
gesamter Thread:
- Sehr schöner Kommentar in den Nürnberger Nachrichten! -
Frank Augsburg,
30.03.2010, 21:23
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
Blaschke,
31.03.2010, 01:20
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
ICE-T-Fan,
31.03.2010, 01:39
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
Uniqum,
31.03.2010, 04:30
- Wozu Auto fahren ... -
ktmb,
31.03.2010, 07:48
- Wozu Auto fahren ... - Dan_P, 31.03.2010, 09:14
- deswegen Auto fahren ... - Oscar (NL), 31.03.2010, 09:43
- Wozu Auto fahren ... -
Rudi,
31.03.2010, 10:02
- Wozu Auto fahren ... -
cyberle,
31.03.2010, 11:32
- Sternnetz S-Bahn M -
Oscar (NL),
31.03.2010, 11:37
- Sternnetz S-Bahn M - cyberle, 31.03.2010, 11:43
- Wozu Auto fahren ... - Rudi, 31.03.2010, 12:13
- Sternnetz S-Bahn M -
Oscar (NL),
31.03.2010, 11:37
- Wozu Auto fahren ... -
cyberle,
31.03.2010, 11:32
- Wozu Auto fahren ... -
ktmb,
31.03.2010, 07:48
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
Uniqum,
31.03.2010, 04:30
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
cyberle,
31.03.2010, 11:42
- Auf halber Strecke stehengeblieben... - Uniqum, 31.03.2010, 12:54
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
Jogi,
31.03.2010, 12:57
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
Uniqum,
31.03.2010, 13:03
- Bus zum Heidepark - Sören Heise, 31.03.2010, 14:17
- nur mit Auto + Bahn ist man schnell - ICE 79, 31.03.2010, 15:51
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
Uniqum,
31.03.2010, 13:03
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
Blaschke,
31.03.2010, 14:28
- Auf halber Strecke stehengeblieben... - Oscar (NL), 31.03.2010, 16:37
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
brandenburger,
31.03.2010, 16:42
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
Blaschke,
31.03.2010, 18:02
- Flexibilität / innovativer ÖV - Oscar (NL), 31.03.2010, 22:40
- Auf halber Strecke stehengeblieben... - safe go, 31.03.2010, 18:10
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
Blaschke,
31.03.2010, 18:02
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
ICE-T-Fan,
31.03.2010, 01:39
- Auf halber Strecke stehengeblieben... -
Blaschke,
31.03.2010, 01:20