Gedanken zur neuen Woche (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Montag, 18.01.2010, 21:37 (vor 6026 Tagen) @ moonglum

Hallo ICE-Fans,


es ist heutzutage offenbar keine schöne Zeit, weder für Bahner noch für Bahnkunden. Das ist allerdings nicht nur in Deutschland so, sondern auch bei uns in NL.
Seit 17.12.09 haben die Züge auch bei uns nicht mehr laut Plan gefahren. Linien wurden zuerst geschwächt, danach wurden Züge gestrichen, dann ganze Linien und am 21.12.09 wurde mit der Mitteilung "auf Bahn fahren zu verzichten" der komplette Inlandsfernverkehr bei uns eingestellt.
Langsam aber sicher kamen die Züge wieder zurück; die letzten Tage des Jahres war wieder landesweit ein IC-Halbstundentakt möglich; im Moment verkehren die meisten Züge wieder und habe ich rundum Utrecht wieder 15-Minutentakt. Nur die Direktverbindungen nach Leeuwarden, Heerlen und Rotterdam fallen aus; es fahren stattdessen Pendelzüge und der Kunde muss öfter umsteigen. Auch ICE International brauchte Ersatzzüge, diese fahren immer noch Amsterdam-Emmerich v.v. Also fast laut Plan aber nicht ganz.

Und das ist gerade der Unterschied: das Glas ist halb voll oder halb leer.
Man kann sich ärgern an einige ausgefallene Züge oder das Uternehmen loben, weil es trotz der Umstände noch einen akzeptablen Fahrplan dargestellt hat.

Viele Deutsche, und s.i.w. auch manche ICE-Fans hier, würden sich ein Bahnsystem wie das unsere erwünschen, zumindest was der Regionalverkehr betrifft. Ich kann jede 15 Minuten mit einem "IC" von Eindhoven nach Amsterdam reisen. 122 km, 3 Zwischenhalte, Fahrzeit 1:21. Halbstündlich direkt, und 15 Minuten versetzt mit Umstieg in Utrecht am gleichen Bahnsteig. Sollte ich in Utrecht meinen Anschluß verpassen: 15 Minuten später kommt der nächste, gleichwertige "IC".

Eigentlich sollte man als Niederländer bezüglich Bahnsystem kaum einen Grund zum Klagen haben. Na ja, schön wäre es. Unsere Zeitungen, Newsgruppen, Sozialnetzwerke und Internetforen stehen tagtäglich voll mit bahnbezogenem "Gemecker". Und bei uns ist es nicht anders als in Deutschland (man beachte das Wort "wieder"):

- Mein Zug ist wieder verspätet! (lediglich 5 Minuten)
- Mein Zug ist wieder ausgefallen! (nur 15 Minuten später kommt wieder einer)
- Mein Anschlußzug ist wieder weg! (nur 15 Minuten später kommt wieder einer)
- Mein Zug ist wieder zu kurz! (aber der Zug fuhr also bist Du trotzdem ans Ziel gekommen)
- Ich muss schon wieder stehen! (diese Klage auch wenn tatsächlich jede 15 Minuten ein 12-Wagen-IC-Dostozug verkehrt)
- Ich verliere wieder eine halbe Stunde, weil ich Bus fahren muss! (auch wenn NS die Baustellen bereits vor 2 Wochen gemeldet hat)

Wohl demzufolge gilt ein Bahnreisender bei uns eher als "unvernünftig" oder sogar "unerwachsen". Nehmen wir als Beispiel das Verpassen einer Termin.
Auto: Ah, Sie haben Stau / Fahrzeugpanne gehabt, kann jeder passieren.
Flieger: Ah, Ihr Flug war annulliert worden, schade, kann jeder passieren.
Bus/Bahn: Was? Sind Sie verrückt? Das passiert immer, wenn man Bus/Bahn fährt!
In Wirklichkeit haben Staus und Verspätungen den gleichen Auswirkung: Fahrzeitverlängerung. Nur ist es so, dass der Autofahrer etwas besitzt und selber etwas chauffiert. Der Bus-/Bahnfahrer dagegen wird chauffiert und hat also kaum Einfluß auf der Fahrt. Zugleich hat er auch etwas als Sündebock wenn es mal nicht abläuft wie geplant.

Noch einige Unterschiede zwischen Autofahrer und Bus-/Bahnfahrer:

1. Der Autofahrer kann seine Frust mal ordentlich ablassen. Er raucht einige Cigaretten, er läßt die Stereoanlage in voller Kriegsstärke knallen oder schimpft laut auf der Autofahrer vor ihm. Versuche das ganze doch mal als Bus-/Bahnfahrer...
2. Bei einem Straßenunfall macht der Autofahrer eine kleinen Umweg; der Bahnfahrer muss beim Bahnunfall zuerst mal abwarten, ob die Bahn weiterfährt, und wenn ja, wann und wie, und wenn nicht, muss er mehr als eine Stunde warten bevor die SEV-Busse kommmen.
3. Von fast allen im RIS angezeigten Verspätungsursachen (Oberleitungsstörung, Signalstörung, Weichenstörung, verspätete Übergabe aus dem Ausland) ist ein Autofahrer niemals betroffen. Umgekehrt gibt es typische Autostörungen auch bei den Triebfahrzeugen der Bahn.

Zum Schluß möchte ich noch darauf hinweisen, dass der Bahnfahrer einiges an Erwartungen vom Bahnsystem hat. Klar, er möchte natürlich möglichst bequem von A nach B chauffiert werden. Aber es soll doch nicht sein, dass man auseinander platzt, wenn mal im Bistrowagen das favorisierte Hauptgericht fehlt. Und auch die Klage, es verkehrt im IC ein Bimz statt eines Bpmz oder Bvmz, ist eher ein Argument eines Bahnfans, zumal Otto Normalbahnfahrer sogar den Unterschied zwischen diesen IC-Wagenbauarten nicht kennt.


gruß,

Oscar (NL).

--
Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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