Wahrnehmungen (Allgemeines Forum)

fbettker, Donnerstag, 16.11.2017, 14:28 (vor 3064 Tagen) @ Colaholiker

Nun ja, das hört sich ganz nach der alten "Höhere-Strafen-führen-zu-weniger-Straftaten"-Leier an. Allerdings natürlich nicht so krass, primitiv und polemisch wie sie AfD, CSU und Co. leider viel zu häufig präsentieren.
Außerdem nimmt das Prinzip "Aus subjektiv erlebten Einzelfall bilde ich mir eine Meinung zu einem ganzen Themenplex" nimmt leider immer mehr zu.

Nun, die belegbaren Zahlen sagen aber was anderes aus, wenn es um das Thema "Rückfallquote" geht, und das ist für mich das Hauptkriterium (neben der Tat selbst natürlich), ob und wie lange jemand eine Haftstrafe antreten sollte:

1.) Auch wenn es viele nicht glauben (ich hab's zuerst auch nicht geglaubt): Kriminelle Jugendliche mit Bewährungsstrafen werden deutlich seltener rückfällig als solche, die tatsächlich hinter Gitter müssen:

https://www.welt.de/welt_print/article1661860/Nach-Jugendhaft-78-Prozent-Rueckfallquote...

2.) Generell (über alle Altersklassen): "Nur 34 Prozent, also in etwa jeder dritte Straftäter, wird innerhalb von drei Jahren nach Verurteilung oder Entlassung aus der Haft erneut straffällig, innerhalb von sechs Jahren sind es 44 Prozent." Der Spruch "Einmal Straftäter, immer Straftäter!" trifft also in der Mehrzahl der Fälle (zumindest innerhalb der ersten sechs Jahre) nicht zu.

https://www.strafakte.de/forensik/bewaehrung-straftaeter-rueckfallquote/

Dazu kommt noch, dass sich die Zahl der Straften in Deutschland in den letzten 20 Jahren nicht nennenswert geändert hat.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung einen großen Unterschied zwischen der subjektiven Wahrnehmung auf diesem Themengebiet (immer mehr Gewalt, immer niedrigere Strafen, besonders Jugendliche und Ausländer werden immer gewaltbereiter) und den objektiven Zahlen (s.o.) zu geben scheint. Und die Richter kennen sowohl Zahlen als auch Wahrnehmung - und lassen sich Glück meist von ersterem und nicht zweiterem leiten.

Für den Boulevard (BILD und Co.) ist aber nur zweiteres maßgebend, denn für die zählt nur die Auflage (was ich nicht kritisiere sondern nur feststelle) - und dadurch diese Wahrnehmung sich noch verfestigt.


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