Nachtrag. (Fahrkarten und Angebote)

Blaschke, Donnerstag, 25.05.2017, 08:04 (vor 3271 Tagen) @ Blaschke

Ach ja,

und ganz wichtig ist in Deutschland immer: Erstmal mit dem Gesetzbuch wedeln! Und mit Vorschriften und Richtlinien.

Wenn die nicht auf meiner Seite sind, dann lamentiere ich natürlich groß und breit herum über den Vorschriftenwahnsinn und mache mich über die Aufwüchse lustig. Aber wehe, das Gesetz gibt mir Recht! Dann bin ich der Held! Jawohl, einmal im Leben habe ICH Recht! So, und das setze ich jetzt auch durch! Punkt! Zur Not dank der Rechtsschutzversicherung vor Gericht!

Und wenn in der EVO steht, dass ich auf dem Klappsitz sitzen bleiben darf, auch wenn der Zug halbleer ist und der Fahrradfahrer sonst keinen Stellplatz bekommt, dann bleibe ich auch sitzen! Darf ich! STEHT IM GESETZ! Gehirn, Verstand? Nein! Spielt keine Rolle. DENN ES STEHT IM GESETZ, DASS ICH RECHT HABE. Punkt. Ende. Der Radfahrer sieht es übrigens genau so. HIER IST DAS FAHRRADABTEIL! HIER DARF ICH HIN. Steht in den Beförderungsbedingen! Und schon entspannt sich ein herrlicher Kleinkrieg, wo ausgiebig geklärt wird, welche Regel welche übertrumpft und welche wichtiger ist. Wobei bei dem Kleinkrieg dann auch reichlich angeblich doch so ökofriedensbeseelte Mitbürger mit Herz und Wonne mitmischen! Schwachmaten, wohin das Auge reicht. Und jeder ist wichtiger als der andere und jeder ist immer mehr im Recht als alle anderen Unwissenden. Mich verwundert es nie, dass sich da jeder Schaffner möglichst weit aus dem Staube macht und die Feinde und ihrem Krieg sich selbst überläßt - da kann man als Dritter eh nur verlieren. Außerdem nimmt man den Leuten mit einer Entscheidung und einem beherzten Dazwischengehen ja dann noch den Spaß am Kriegspielen in der Eisenbahn. Und das geht mal gar nicht. Zumal dann noch die Gefahr besteht, schon wieder zu verlieren, wie so oft im Leben; schließlich gibt's fast immer noch einen, dem es besser geht und der mehr hat als ich. Da will ich wenigstens mal dem Radfahrer oder dem Klappsitzsitzer gezeigt haben, dass ich auch mal gewinnen kann!


Wie angenehm ist da doch das Vorgehen in anderen Kulturkreisen. Da hält man zusammen und regelt die Dinge gemeinsam. Und wer da trotzdem meint, berufsmäßig querulieren zu müssen, der wird kurzerhand abgeknallt; fertig. Da klagt keiner vor Gericht wegen zwei Euro fünfzig und weil da jemand 5 Zentimeter über meinem, MEINEM Grundstück läuft oder weil um 22:01:10 Uhr noch der Rasenmäher an war. Oder geht den Nachbarn und Kollegen und Freunden mit seinen ewigen Besserwissereien auf die Nerven. Wenn man sich da nicht mag und nicht schätzt, zack, Knarre raus, bumm, peng, Thema abgehakt.

Darum ist es auch meistens peinlich, wenn man auf Deutsche im Ausland trifft. Die erkennt man sofort. Weil sie alles besser wissen und alles bekritteln; denn die doofen Ausländer haben ja keine Ahnung. Warum man dann überhaupt erst ins Ausland fährt, habe ich noch nie verstanden. Komischerweise allerdings funktioniert im Ausland z.B. ein Ruheabteil - wie ich Quasselstrippe mal mitten in der Nacht in einem Kopenhagener Vorortzug erfahren mußte. In Deutschland funktioniert ein Ruheabteil nicht - weil das Grundgesetz es mir nicht verbietet, in einem Zug zu telefonieren und mein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrzunehmen. Und das Grundgesetz steht nunmal über den Beföderungsbestimmungen einer Bimmelbahn. Da kann mir das Genörgel eines Ruhebedürftigen also schnuppe sein. Basta.

Hoffnungslose Grüße von

jörg


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