Machen um so mehr Freude! (Allgemeines Forum)

AX-330, Samstag, 19.10.2013, 17:34 (vor 4568 Tagen) @ Bronnbach Bhf

Juhu, noch ein Freund der Achterbahn hier :-)

"Wir wollen heim. Das ist nichts Gefährliches aber schnell fliegen geht zu Lasten des Komforts. Das wird nicht angenehm, aber unvergesslich".

Was für eine epische Ansage - das verspricht was!

Wir stoppten ganz am Ende der Startbahn und die Triebwerke wurde bei angezogener Bremse voll hochgefahren. Das Flugzeug ächzte, begann zu hüpfen, dann wurden die Bremsen gelöst und man wurde einfach nur in die Sitze gepresst.

Das kann man bei einer Lz auch machen - heiliger Drehstrom, segensreicher! Direkte Bremse mit drei Bar anlegen, langsam und mit Gefühl aufschalten. Bald ist die Zugkraft größer als die Bremskraft, mit einem fiesen Iiiiiiek reißt die Lok an der Leine - dann die Direkte lösen und den Zugkraftsteller in Stellung T wie Tisch verlegen. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, verabschiedet sich spontan auf eine Reise zur Führerstandsrückwand. Es fehlt zwar das Turbinenfauchen wie im Flieger, aber das Gefühl ist erstmal das Gleiche. Whooopeee! :-)

In Karl-Gerhard Baurs Buch zur Baureihe 101 ist ein Wert von "leicht über 20 Sekunden von 0 auf 200 km/h" für eine fachkundig gestartete Lok genannt - schwer zu glauben, wenn man sich das Leistungsgewicht vor Augen führt (mehr als der erste Golf GTI), aber andererseits glaube ich das nach meiner Lz im gleichstarken Taurus und angesichts dessen, wie meine 185er von 120 auf 140 geht, sofort.

Im Automobilwesen heißt so was bei Automatikfahrzeugen "brake torqueing", ist eine schwerstens empfehlenswerte und von mir bevorzugte Fahrtechnik und sorgt ebenfalls für äußerst spektakuläre Resultate - einfach mal auf Youtube kucken :-)

Nach gefühlt 500m sind wir schon abgehoben [schnipp] Trotz vollbesetzem Flieger

Das Gewicht der Passagiere ist verhältnismäßig gering im Vergleich zu dem, was der mitgeführte Sprit wiegt. Wird wenig gebunkert, geht's auch mit voller Kabine richtig rund.

Während des ganzen Fluges liefen die Triebwerke auf vollen Schub (die Lautstärke verrät es)

Das kann täuschen. Zwischen 90 Prozent und 100 Prozent Drehzahl liegt ein kleiner Geräusch-, aber ein großer Leistungsunterschied.

So ging es immer weiter runter, und erst bei der Landung zog er die Nase gerade auf die Bahn.

Ne Seitenwindlandung fehlt im Eisenbahnwesen leider ;-) Ich hatte das mal in einem A320-Simulator mehrfach miterleben und dann selber machen dürfen - absolut beeindruckend und furchteinflößend zugleich. Ich hatte Puls und Blutdruck jenseits von Gut und Böse und höchstpersönlich das praktische Beispiel dafür erfahren, warum Piloten nicht überbezahlt sind.

Bei tüchtigem Seitenwind eine blitzsaubere Landung hinzulegen ist die hohe Kunst im Flugwesen, vergleichbar mit einer perfekten Zielbremsung. Beide Vorgänge, richtig ausgeführt, erfordern ein vergleichbares Maß an Arschgefühl, das nur wenige (ich nicht) Kollegen besitzen - nur fehlt der straffen Zielbremsung aus Fahrgast- und Führersicht einfach der gewisse Kick der Seitenwindlandung, das Gefühl und der Reiz, mit allen Gliedmaßen gleichzeitig Bedienelemente koordinieren zu müssen. Es ist weitaus unspektakulärer, mit 110 an einen Bahnsteig ranzuzischen, das Führerbremsventil in eine bestimmte Stellung zu verlegen, dort zu belassen, die Hände in den Schoß zu legen, dann das FbrV an einem bestimmten Punkt wieder in die Fahrstellung zu verlegen, zuzukucken und absolut ruckfrei auf den Meter genau zum Halten zu kommen - aber das erfordert genau dasselbe Maß an Arschgefühl wie eine perfekte Seitenwindlandung.

Ich hab das auf Gastfahrt einmal mitbekommen und noch unruhig zum Kollegen gesagt: "Ey, wir müssen aber halten in Braunschweig!" - das quittierte er mit einem lächelnden "Ich weiß" und dem oben beschriebenen Vorgang. Als Gütermensch hatte ich da richtig Herzschlag, ich sah uns irgendwo weit hinter dem Bahnsteig zum Stehen kommen. Tja - man muß sein Handwerk eben beherrschen. Höchst beeindruckend - das würde ich auch gerne so können!

Beim Rausfahren von Verspätung zeigt sich auch, wer es kann und wer nicht. Auf Gastfahrt bin ich mal mit dem Agilis von Ingolstadt nach Ulm unterwegs gewesen, vorne drauf ein blutjunger Kollege mit offensichtlich sehr viel Spaß am Fahren, der die Tür offenließ. Bei den ersten 1000-Hertz-Beeinflussungen (wegen zu erwartender Langsamfahrt) hatte ich halb den Kopf eingezogen, meine Wasserflasche festgehalten und jede Sekunde damit gerechnet, daß gleich entlüftet wird - dann aber schnell gemerkt, daß da jemand ganz genau weiß, was er tut. Jede der dutzenden Haltbremsungen auf der Fahrt war absolut (!!) ruckfrei, paßgenau und trotz höchster Eisenbahn zum Verspätungsabbau hochelegant und angenehm für den Fahrgast. Die Plusminuten schmolzen weg wie Eis in der Sonne. Nach Ankunft in Ulm blieb mir da nicht viel mehr übrig, als mich dem Kollegen gegenüber zu "outen" und ihm meine allerhöchste Anerkennung auszusprechen - der fuhr so, als ob er mit dem Coradia verwachsen wäre und das seit Jahrzehnten machen würde. Ich könnte das nicht.

Wenn man dann merkt, wie sich einige Kollegen auf Regios und Fernzügen anstellen beim Bremsen und Beschleunigen, dann kriegt man das kalte Grausen. Zum Job des Lokführers gehört schlicht und ergreifend Gefühl und Können, finde ich - das lassen einige vermissen. Der allergrößte Tolpatsch bin ich nun nicht, denke ich, aber meine Kessel können mir zum Glück keine Rückmeldung geben ;-)

Ich war von dem Flug so fasziniert, dass ich meine Sitznachbarin während des Fluges garnicht weiter beachtet hatte. Erst nach der Landung bemerkte ich ihren kreidebleichen Gesichtsausdruck.

Genial! Da wäre ich gerne mit draufgewesen :-)

Hält es mit Werner - "das muß kesseln" und "drücken im Gesicht",
Andreas


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