Reisebericht in Gegenrichtung (Reiseberichte)

AX-330, Freitag, 07.12.2012, 21:20 (vor 4853 Tagen) @ JumpUp

Auch wenns jetzt etwas zu spät ist, um für diesen Thread noch brandaktuell zu sein, möchte ich "for the record" und für die Suchfunktion meine Eindrücke einer Sprinterfahrt in gleicher und in umgekehrter Richtung zur jeweils anderen Tagesrandlage loswerden. Logisch? ;-)

Ziemlich genau vor einer Woche hatte ich das Glück, zu einem kurzen Arbeits-Intermezzo im Südwesten mit dem Sprinter abends von Berlin aus bis Karlsruhe an- und zwei Tage später von Frankfurt aus morgens wieder abreisen zu können.

Die Auslastung des 18-Uhr-Zugs Berlin-Frankfurt hat mich wirklich überrascht. Sie unterschied sich praktisch nicht von normalen ICEs dieser Relation, entsprechend war schon am Ostbahnhof die Auslastung recht hoch, und ab Hauptbahnhof war die erste Klasse geschätzt zu knapp 50 Prozent und die zweite Klasse zu knapp 80 Prozent ausgelastet, so man das beim Durchwandern des Zuges gefühlt erfassen kann.

Mich verwunderte, daß die sprinter-spezifische Durchsage, die auf das Durchfahren ohne Halt bis Frankfurt hinweist, erst kurz vor dem Halt in Spandau kam und nicht nach der üblichen Begrüßungsdurchsage im Hauptbahnhof. Richtig klug fand ich das nicht - aber in Spandau stieg für mich erkennbar niemand wieder aus. Die Ansage erfolgte gut und zweisprachig.

Das eigentliche Durchfahren ohne Halt empfand ich als grandios. Ab Stendal ging es nicht mehr mit 250 km/h voran, aber weiterhin mit gefühlt weit über 160 km/h. Vielleicht liegt da ein IC planmäßig voraus? Durch den Knoten Hannover ging es ohne Halt und sehr flüssig, unter Ausnutzung der Strecken-Vmax - davon träume ich als
Güterzuglokführer ;-)

Die Schnellfahrstrecke bis Fulda wurde zügig und ohne fühlbares Auflaufen auf andere Züge zurückgelegt. Auch ab Fulda bis Frankfurt lief es ausgesprochen gleitend. Vor dem Kollegen, der die Leistung gefahren ist, ziehe ich meinen Hut - man hat nur, wenn man entweder sehr genau darauf achtet und/oder Streckenkunde hat (was bei mir auf dem gesamten Laufweg der Fall war), ein Verzögern oder Beschleunigen des Zuges bemerkt. Einfach ein Genuß als Fahrgast! Und das Durchrollen in den bekannten Haltbahnhöfen empfand ich als Luxus - man fühlt, es geht so schnell wie möglich voran. Allein dafür (und für die stark verkürzte Fahrzeit) ist der Aufpreis gefühlt sein Geld wert, finde ich.

Der Service kam typisch berlinisch-rustikal, aber nicht unhöflich an. "Mit oder ohne?" - "Wie bitte?" - "Na, mit oder ohne Fleisch!" war der Dialog, als die belegten Brote in der 1. Klasse ausgegeben wurden :-) Müsliriegel, Smoothie und (einmal nachgeschenktes) Heißgetränk waren inklusive. Ich hätte mehr erwartet. Falls ich den Wikipedia-Eintrag zum Sprinter richtig deute, gab es mal ein Bausatzessen Marke Flugzeug mit mehr Umfang und Vielfalt - das hätte ich potentiell attraktiver gefunden. Für mich würde bei diesem Angebot das alkoholhaltige Getränk aufgrund der Arbeitsordnung meiner Firma selbst dann rausfallen, wenn ich in den Feierabend führe statt zur Arbeit, aber als Privatreisender hätte ich das Glas Wein als sehr angenehm empfunden. Das gibt es heute nicht mehr. Was geboten wurde, war akzeptabel, mehr nicht - ich habe schon bessere belegte Brote gegessen.

Ich habe eine Aversion dagegen, mein Essen vor dem Verzehr zu photographieren und im Internet zu veröffentlichen, daher habe ich es gelassen ;-) Absolut auf Zack war aber der Am-Platz-Service, bei dem ich zwei meiner Bahnbonus-Verzehrgutscheine einlösen konnte, und kurz vor Göttingen bekam ich ein großes Chili con Carne mit einem
alkoholfreien Weizen gebracht - das machte die Durchfahrt in Wilhelmshöhe um so schöner.

Nach dem Essen hatte ich kurz die Augen zugemacht und empfand die Durchsagenfreiheit als absolutes Plus - selbst mit guten Ohropax dringen Lautsprecherdurchsagen einfach durch und wecken den leicht dahindösenden Schläfer wieder auf. Im Sprinter konnte ich bis Frankfurt knapp zwei Stunden ungestört knacken.

Was mich sehr erstaunte: Trotz der gefühlt flotten Fahrt kamen wir auf die Minute genau an. Ein nennenswerter Puffer scheint gefühlt nicht im Sprinter-Fahrplan drin zu sein, also muß es offenbar richtig gut laufen, damit die Planankunft klappt.

---

Auf der Rückfahrt in Richtung Berlin um kurz nach sechs ab Frankfurt hatte ich nur eins im Sinn: Schlafen, und zwar bequem - ein ausgesprochen langer Arbeitstag lag hinter mir. Hier machte mir die wieder ausgesprochen hohe Auslastung einen Strich durch die Rechnung - mein Abteil, in dem ich mich quer zur Fahrtrichtung langgelegt hatte, wurde von zwei Dauertelephonierern mit Notebooks geentert. Naja, auch wenn ich Feierabend habe, kann ich anderen Leuten nicht das Arbeiten verbieten ;-)

Positiv fiel mir, wie auf der Hinfahrt, die sehr rasche Fahrscheinkontrolle auf, die schlafwünschenden Fahrgästen die Möglichkeit bietet, die Formalitäten schnell zu erledigen und dann den weiten Teil der Fahrt ungestört verbringen zu können. Als ich in Wülfel wieder aufwachte, lag der komplette Verpflegungssatz auf dem Abteiltisch für mich bereit, und kurz hinter Lehrte öffnete die Erste-Klasse-Betreuerin die Tür und fragte, ob ich nun meinen Kaffee mögen würde - welcher prompt gebracht wurde.

Wie auf der Hinfahrt rutschten wir glatt durch Hannover durch und kamen trotz (oder dank?) straffer Fahrt exakt plan in Spandau an. Auch hier gibts offenbar keine großen Fahrzeitreserven. Auch auf der Rückfahrt fuhr der Kollege wesentlich weicher, als ich das bei den meisten Regel-ICE beobachten kann.

---

Kann ich den Sprinter empfehlen? JA! Ohne Halt durchzuflitzen, ein kleiner Snack unterwegs dazu, und einfach in dieser kurzen Zeit von Berlin nach Frankfurt und zurück unterwegs zu sein - das ist der Aufpreis locker wert. Das Reisegefühl ist einfach klasse. Auf der Hinfahrt konnte ich ungestört im Abteil für mich essen, lesen, mich auf mein Notebook konzentrieren - auf der Rückfahrt konnte ich ebenso ungestört ausschlafen und wurde von einer Mahlzeit und einem Kaffee begrüßt.

Betrieblich hatte ich bisher sehr wenig Berührungsfläche mit den Sprintern, aber wenn es so kam, war es ausgesprochenes Anliegen der beteiligten Betriebszentralen und Fahrdienstleiter, die - flapsig als "Sprinter-Elite" bezeichneten - Züge keinesfalls zu verbiegen. Richtig so, offenbar muß es ja bei denen richtig laufen, und für den nicht ganz unwesentlichen Aufpreis erwarte ich als Fahrgast dann auch das Zustandekommen der beworbenen Leistung, sprich Pünktlichkeit.

In dem Sinne -
Andreas


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum