Bahn-"Erlebnis" in NL (Allgemeines Forum)

Oscar (NL), Eindhoven (NL), Donnerstag, 11.11.2010, 12:39 (vor 5649 Tagen) @ Alphorn (CH)

Warum allerdings in NL die Bahn nur mässig genutzt wird (sogar weniger als in DE), verstehe ich nicht. Hoher und konsequenter Takt, somit gute Umsteigeverbindungen, Pünktlichkeit auch recht gut (besser als DE jedenfalls).

Pünktlichkeit kann man absolut oder relativ betrachten. Die meisten Statistiken verwenden absolute Zahlen.
Es soll aber klar sein, dass 15 Minuten Verspätung auf einer Relation Hamburg-München 4% der Reisezeit entspricht, im Falle Amsterdam-Eindhoven 18%. Im letzten Fall wäre das sogar identisch mit Zugausfall, denn die Relation wird in 15-Minutentakt angeboten.

Mir fallen nur drei Dinge ein, die das ausmachen könnten:
1. Nicht sehr komfortables Rollmaterial,

Das geht eigentlich noch. Das einzige, dass Jan Normalniederländer wirklich vermisst, ist Internet im Zug. Aber weder in NL-Bahnforen noch im Zug noch in meinem Bekanntenkreis habe ich Klagen über das Fahrkomfort erfahren, zumindest nicht dermaßen, dass man wegen mangelnden Fahrkomforts auf die Bahn verzichtet.

2. schlechte Abstimmung mit dem Nahverkehr und vor allem 3. geringe Haltestellendichte.

Das kommt schon erheblich mehr in die Richtung. Der geringe Haltestellendichte ist an sich das Problem nicht, wenn es dafür aber auch einen guten Busverkehr gibt. Das ist aber nicht (mehr) der Fall.
In vielen Dörfern verkehren nur Mo-Fr tagsüber Busse, abends und Sa/So gar nicht.

Beispiel: Eindhoven-Venlo.
In den 50ern wurde 7x gehalten: Nuenen-Eeneind [x], Helmond, Deurne, Griendtsveen [x], America [x], Horst-Sevenum und Blerick.
Heute wird 7x gehalten: Helmond Brandevoort [o], Helmond 't Hout [o], Helmond, Helmond Brouwhuis [o], Deurne, Horst-Sevenum, Blerick.
Die mit [x] bezeichneten Halte lagen in der Pampa und wurden wegen der Automobilisierung aufgegeben.
Der stellvertretende Busverkehr wurde auf Dauer wegen fortschreitender Automobilisierung wegrationalisiert.
Die mit [o] bezeichneten Halte befinden sich alle innerhalb der Stadt Helmond. Für die Halte musste aber der Stadtverkehr weitgehend geopfert werden.

Der wichtigste Grund hast Du aber noch nicht genannt: 4. Publikums-Nichtakzeptanz vs. Mythos Auto.

A. Wenn man im Dorf wohnt und der Bus fährt nicht, kann man natürlich mit dem Auto zum Bahnhof fahren und dort die Reise fortsetzen.
In Frankreich funktioniert das, weil 1. der TGV schnell ist und 2. der Zielbahnhof meistens Paris oder eine sonstige Großstadt ist (mit reichlich Nahverkehr).
Bei uns funktioniert das nicht, weil unsere Bahn langsam ist (ich werde im IC Utrecht-Eindhoven meistens von den Autos auf der parallele Autobahn vorbeigefahren) und man am Zielort meistens noch Nahverkehr braucht, dass zum Auto nicht konkurrenzfähig ist.

B. Wenn man an der Uni studiert, hat man durch die Woche oder im Wochenende freies Reisen. Ist man kein Student mehr, entfällt das Angebot.
Geht man dann an die Arbeit, dann wird meistenfalls ein Geschäftsauto zur Verfügung gestellt. Dann gibt es kaum noch Anlass, Bus und Bahn zu fahren.

C. Wenn man in Auftrag des Arbeitgebers Reisekosten macht, wird beim Auto einen festen Kilometertarif bezahlt (etwa 22 Eurocent/km oder so). Wenn das Auto aber weniger pro km kostet, kann man so "Geld verdienen".
Mit Bus & Bahn spielt man bestenfalls break-even, weil man Fahrkarten vorzeigen muss und der Arbeitgeber nicht mehr bezahlt als was die Fahrkarten gekostet haben.

D. wegen A, B und C ist bei uns das Auto eine Art Statussymbol geworden.
Als Autoloser wird man bei uns kaum noch ernst genommen.
Eine Stunde Verspätung wegen Stau wird weitgehend akzeptiert, bei 15 Minuten Bahnverspätung heißt es "welcher &$%#&%&$# fährt ja auch Bahn wenn er eine Termin hat?"

E. demzufolge investiert unsere Regierung vermehrt in das Straßennetz (und erst recht die heutige Regierung "Rutte 1"). NS kann zwar stolz sagen, die Anzahl der Fahrgastkilometer sei N Prozent gestiegen, aber zugleich ist der Straßenverkehr mit etwa 2N-3N Prozent zugenommen.
Während man in den USA langsam aber sicher bewusst wird, dass all diese Fahrerei und Fliegerei irgendwann ein Ende hat, passiert bei uns also gerade das umgekehrte.

F. es gibt bei uns zahlreiche Mythen über das Auto:

1. ein Autofahrer würde Geld in die Staatskasse bringen, ein Bahnfahrer würde dem Staat nur Geld kosten;
2. der öffentliche Verkehr müsse massiv subventioniert werden, der Straßenverkehr könne eigenwirtschaftlich funktionieren wenn man möchte;
3. N km Autobahn koste nur ein Bruchteil von N km Eisenbahn, biete aber mehr Verkehrskapazität als N km Eisenbahn;
4. das Auto koste insgesamt weniger als die Bahn;
5. die gesamte Stressquote sei beim Auto geringer als beim System Bus & Bahn;
6. ein Bus sei umweltfreundlicher als die Bahn;
7. kein einziges öffentliches Verkehrsmittel biete die Freiheit eines Autos.

Auch wenn bestimmte Thesen wohl nicht stimmen, sind die bei uns mittlerweile so weit verbreitet, dass sie als wahr angenommen werden.


gruß,

Oscar (NL).

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Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!

Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!

Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.


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