DB in Schweden: Laut Managermagazin Fehlstart (Allgemeines Forum)

Sören Heise, Region Hannover, Mittwoch, 20.10.2010, 10:12 (vor 5690 Tagen)

Guten Morgen,

das Managermagazin hat in seinem Internetauftritt einen nicht gerade freundlichen Bericht über den Start der Verkehre der DB in Schweden. Ihr findet ihn hier. Ein paar kommentierte Zitate hier.

Zug verspätet, Zug kommt gar nicht, der Ersatz mit Bussen ist nicht organisiert - seit der Einweihung Ende August erleben die Fahrgäste eine Enttäuschung nach der anderen.

Korrekt. Aktuell ist der Zug kaputt. Einen Reservezug gibt es nicht.

"Wir kämpfen immer noch mit Signalfehlern", sagt Michael Almenäs, der Chef von BotniatågNorrtåg und DB Regio Sverige ist. Die Pannenserie sei allerdings einem unausgereiften neuen Signalsystem geschuldet, für das die schwedische Gleisbehörde Trafikverket zuständig sei. Ob dieser Hinweis allerdings das Image der Deutsche-Bahn-Tochter in Schweden verbessern kann?

BotniatågNorrtåg ist Unsinn. Botniatåg ist das Verkehrsunternehmen (60 % DB, 40 % SJ). Norrtåg ist der Aufgabenträger.
ERTMS funktioniert nicht wie es soll, das stimmt. Im schwedischen Forum wird auf SJ und auf Norrtåg geschimpft, nicht auf die DB.

Auf der Suche nach den Ursachen für die seit 2009 gestiegenen Ausfälle dreht die Kritik immer deutlicher in eine Richtung. Viele Fahrgäste machen dafür die Liberalisierung des schwedischen Bahnmarkts verantwortlich, und seit dem 1. Oktober des Jahres ist der schwedische Markt auch noch uneingeschränkt für private Zugbetreiber geöffnet. Zuvor galt dies lediglich für den Güterverkehr und seit 2009 für den Lokal- und Regionalverkehr sowie Nacht- und Wochenendfahrten.

Die Fakten sind korrekt, Veolia bietet ein tägliches Zugpaar Stockholm - Malmö an und einige Wochenendverkehre. Tågkompaniet fährt zwei Wochenendzüge Gävle - Stockholm.
Ob nun die Liberalisierung verantwortlich ist für den Winter und für Probleme mit der Stromversorgung, mag ich bezweifeln. Für den Winter kann niemand etwas - bei einem Fahrzeugeinsatz nahezu ohne Reserven kommt es allerdings zu Ausfällen. Die Infrastrukturbehörde klagt über Unterfinanzierung.

Dabei sollte doch eigentlich die Marktöffnung für private Anbieter eine Verbesserung bewirken. Der Markt sollte richten, was das staatliche Monopol nicht fertig gebracht hat: billigere Tickets, mehr Komfort für die Fahrgäste, mehr Pünktlichkeit, mehr Wahlfreiheit. Und vor allem sollte die Beteiligung privater Bahnoperateure der Staatskasse fehlende Mittel für dringend benötigte Investitionen liefern.

War das nicht auch die Hoffnung in Deutschland? Was draus geworden ist, sehen wir ja: Die DB fährt fast alle Fernzüge, es gibt drei Nischenprodukte (Interconnex, Vogtlandexpress und Berlin-Night-Express). Daneben gibt es große Worte, die schnell wie ein Kartenhaus zusammengefallen sind. Ein Unternehmen allerdings kündigt neue Verkehre an, bloß verschiebt das Datum.

Auch Fernverbindungen seien auf dem unbegrenzt geöffneten schwedischen Markt interessant, meint Almenäs, denn durch die großen Ressourcen des Arriva-Konzerns, sei das alles günstiger umzusetzen. "Wir hoffen auf den Ausbau eines Hochgeschwindigkeitsnetzes in Schweden. Das würde sehr gut mit der Fehmarnbeltbrücke zusammenpassen", sagt Almenäs. Die 19 Kilometer lange Brücke, die die deutsche Ostseeinsel Fehmarn mit Dänemark verbinden soll, wird voraussichtlich 2018 fertig gestellt. Eine Schnellzug-Direktverbindung Stockholm-Hamburg würde in greifbare Nähe rücken. Aber solche Pläne brauchen ihre Zeit. "Die Rahmenbedingungen vom Trafikverket sind noch nicht so sicher", sagt Almenäs.

Die Dänen als Bauherr der Fehmarnbeltverbindung sind gerade dabei, von einer Brücke zum Tunnel umzuschwenken, da dieser einfacher zu bauen wäre. Im Gegensatz zu Deutschland wird in der dänischen Presse berichtet, hier ein Link zu Ingeniøren. Ich zweifele ja noch immer, daß bei pünktlicher Fertigstellung der Verbindung die deutsche Seite mit ihren kümmerlichen Ausbauten im Schienenbereich fertig ist.
Das schwedische Hochgeschwindigkeitsnetz soll aus einem Y bestehen. Das eine Ende in Stockholm, die Verzweigung bei Jönköping. Von hier ist ein Ast nach Göteborg geplant und ein zweiter nach Helsingborg zum Anschluß an eine zweite Querung des Sundes.

Dennoch scheint eine Expansion auf schwedischen Schienen zumindest jetzt noch sehr lohnenswert zu sein, wie Håkan Jansson vom Wirtschaftsministerium erklärt: "Wir haben in Schweden zurzeit die niedrigsten Trassengebühren. Sie werden aber in den nächsten Jahren steigen, wenn nicht gar doppelt so hoch werden - je nachdem wie ausgelastet eine Strecke zu bestimmten Uhrzeiten ist."

Und die Auslastung ist durchaus ein Problem. Die Zulaufstrecken auf die drei großen Städte weisen einen dichten Personenverkehr auf. Die Gleise teilen sie sich teilweise mit dem Güterverkehr. Im schwedischen Forum gibt es die Befürchtung, daß der Regionalverkehr zugunsten des Fern- und Güterverkehrs benachteiligt wird.

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Meiner Meinung nach beschreibt der Bericht die Situation der Eisenbahn in Schweden recht gut, hinsichtlich des Fehlstarts der DB jedoch ist Bahnbashing das richtige Wort - hier gilt leider: Die neue Ware wurde unreif ausgeliefert und reift beim Kunden nach. Sprich: Der (reduzierte) Alltagsbetrieb offenbart erhebliche Macken von ERTMS.

Viele Grüße, Sören

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