Die Verbindung Berlin – Wien im Wandel der Zeit (Teil 4) (Allgemeines Forum)

lokuloi, Mittwoch, 07.01.2026, 17:41 (vor 23 Tagen)

Die Bahnverbindung Berlin – Wien: Auf Schienen durch die Geschichte

Teil 1: Die Zeit vor dem 1. Weltkrieg am Beispiel 1914
Teil 2: Die Zwischenkriegszeit am Beispiel 1939
Teil 3: Die Wendejahre (1987 - 1998)
hier: Teil 4: Die Verbindung im 21. Jahrhundert

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Im Sommer 2006 wurde in Berlin der neue Hauptbahnhof fertiggestellt, 2007 war damit das erste vollständige Jahr, in dem die Züge nach Wien diesen nutzten. Der Vindobona nutzte dafür das Tiefgeschoss und fuhr nun über Berlin-Südkreuz in Richtung Dresden. Zwischen Prag und Brno wurde inzwischen wieder die „traditionelle“ Route über Pardubice auf der alten österreichischen „nördlichen Staatsbahn“ genommen, nachdem diese inzwischen ausgebaut und elektrifiziert worden war.

Zum Vindobona gesellte sich inzwischen ein zweiter EC 4 Stunden später in gleicher Taktlage. Die Fahrzeit der beiden liegt dank der neuen Strecken nun bei 9:15.

In Wien wird weiterhin der Ostteil des Südbahnhofs angefahren. Das sollte sich in den darauffolgenden Jahren mit dem Umbau des Wiener Hauptbahnhofs ändern, so fuhr der Vindobona mit Schließung des Südbahnhofs dann nach Wien-Meidling (und weiter in Richtung Graz), der EC 177 fuhr zum Bahnhof Praterstern.

Den Nachtzug gab es weiterhin, er verkehrte weiterhin über die Stadtbahn in Berlin und damit im neuen Hauptbahnhof, allerdings hat er inzwischen auf der Stadtbahn seine Fahrrichtung gewechselt und begann nun am Wannsee und verließ die Stadt in Richtung Osten. Im Weiteren verkehrte er weiterhin über Leipzig, Nürnberg und Linz zum Wiener Westbahnhof bei einer unveränderten Fahrzeit von ca. 12 Stunden.

Allerdings sollte das nur noch 1 gutes Jahr so bleiben. Nach 2008 war für den Nachtzug Berlin-Wien Schluss. Auch die Tagzüge Berlin – Wien wurden mit der Zeit zugunsten neuer vertakteter Konzepte, insbesondere zwischen Wien und Prag eingestellt. Der EC 177 verkehrte noch bis 2012, für den Vindobona war dann 2014 das letzte Jahr und somit war die Strecke 2015 zum ersten Mal seit fast 60 Jahren wieder frei von Direktzügen.

Den Fahrplan und die Routen von 2007 gibt es im Folgenden wieder in Tabellen- und Kartenform:

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Direktverbindungen zwischen Berlin und Wien gab es erst wieder Ende der 10er Jahre. So wurden 2019 wieder zwei Zugpaare zwischen den beiden Städten eingeführt:

ICE 93 nahm dabei eine völlig neue Route über die inzwischen fertiggestellten Neubaustrecken zwischen Halle und Bamberg und fuhr nun über Halle, Erfurt und Coburg nach Nürnberg, von wo aus er den traditionellen Weg über Regensburg und Linz nahm. Ab Linz konnte er die inzwischen ebenfalls fertiggestellte neue Westbahn nutzen und endet erstmals in Wien im neuen dortigen Hauptbahnhof. Erstmals verkehrte damit eine ICE zwischen Berlin und Wien und erreichte Geschwindigkeiten bis 230 km/h auf mehreren Abschnitten seines Laufwegs und nutzte zudem noch zwischen Nürnberg und Regensburg Neigetechnik. Trotz des weiteren Umwegs und der langen Strecke schaffte er die Strecke am Beispiel 2022 in bisher unerreichten 7:41.

Ebenfalls 2019 wurde auch wieder ein Nachtzug als Nightjet der ÖBB eingeführt. Dieser verkehrte auf der traditionellen Linie über Wroclaw (Breslau) und Bohumin (früher: Oderberg) durch Polen und Tschechien. Er konnte hier allerdings nicht mehr die nicht mehr existente Linie über Sagan nutzen, sondern verkehrte stattdessen über Glogow. Die Fahrzeit betrug wieder wie bei den meisten bisherigen Nachtzügen ca. 12 ¼ Stunden.

Ab 2020 gab es dann zwei weitere Züge zwischen Berlin und Wien: Der Vindobona kehrte auf dem traditionellen Laufweg über Dresden, Praha/Prag und Brno/Brünn als Railjet zurück. Dank Fahrzeitoptimierungen insbesondere zwischen Prag und Wien benötigte er nur noch 8:41 für die Strecke (Stand 2022). Auch dieser Zug verkehrte nun in Wien zum neuen Hauptbahnhof und dann weiter über Wien-Meidling in Richtung Graz.

Ebenfalls seit 2020 gab es den Nacht-IC 95, der Berlin mit Wien über den Laufweg Leipzig, Halle, Jena, Nürnberg, Regensburg und Linz verband. Dieser vor allem als Werksanbindung der in Wien gewarteten IC-Triebwagen dienende Verbindung benötigte ebenfalls ca. 12 ¼ Stunden.

Diese vielfältigen Züge zwischen Berlin und Wien werden am Beispiel 2022 im Folgenden wieder in Tabellen und einer Karte dargestellt:

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Mit der Systematisierung des Fernverkehrsfahrplans für das Jahr 2026 systematisierte sich auch der Fahrplan für Berlin – Wien wieder und verkehrte nur noch über zwei verschiedene Routen.

Auf der Route über Dresden, Prag und Brünn verkehren wieder 2 Tageszüge, beide als Railjet. Auch der Nachtzug kehrte wieder auf die traditionelle Route über Prag zurück und nimmt dieselben Strecken wie die Railjets tagsüber

Zudem wird auf dieser Route erstmals seit über 80 Jahren innerhalb Berlins wieder über die Dresdener Bahn gefahren und damit im Abschnitt Berlin – Dresden mit bisher nicht erreichten Fahrzeiten. RJ 177, der schnellste unter den Zügen über Prag, benötigt nur ca. 8:20 h.

Weiterhin die kürzesten Fahrzeiten erreichen die ICEs über Erfurt. Diese verkehren 2026 neu über Leipzig statt Halle und bieten damit auch der größten sächsischen Stadt Direktverbindungen nach Wien. Südlich Erfurts bleibt es beim bekannten Laufweg unter Einbeziehung Coburgs, was zu einer Fahrzeit von knapp 8 Stunden führt.

Der Fahrplan gilt nur für den Januar 2026, da dann durch die anstehenden Generalsanierungen zwischen Nürnberg und Passau die Züge entfallen. Auch RJ 251 wird vermutlich nicht das ganze Fahrplanjahr von Berlin nach Wien verkehren. Dennoch gibt der Fahrplan des Januars 2026 einen Eindruck über den Wunschfahrplan für die nächsten Jahre. Insbesondere auf der westlichen Route sollte dieser auch stabil bleiben, liegt hier doch nun eine nahezu durchgehend neue oder frisch sanierte Infrastruktur vor.

So sollten jeweils 2 Tageszüge über Nürnberg und über Prag das Grundgerüst für die mittelfristige Zukunft bilden. Eine weitere Verdichtung, z.B. durch ein weiteres Zugpaar über Nürnberg ist vorstellbar.

Die Route über Nürnberg entspricht damit weitgehend dem Zielzustand und es ist hier mit keinen weiteren großen Ausbauten mehr zu rechnen, die einen erheblichen Einfluss auf die Fahrzeit hätten. Einzig der Ausbau des Knoten Bambergs steht hier noch aus.

Auf der Route durch Tschechien sind hingegen weitere Ausbauten vorgesehen, so der Erzgebirgsbasis-Tunnel zwischen Dresden und Decin sowie anschließend eine Neubaustrecke nach Prag. Auch zwischen Prag und Brünn gibt es Planungen für den Neubau von Hochgeschwindigkeitsstrecken. Bis dahin wird allerdings noch etwas Zeit vergehen, bis dann wieder ein neues Kapitel für die Verbindung zwischen Berlin und Wien aufgeschlagen werden kann.

Zum Abschluss stellen im Folgenden die Tabellen und die Karte den Zustand der Verbindung im Januar 2026 dar:

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Nachtzug nach 2008

Julian, Wien, Mittwoch, 07.01.2026, 21:26 (vor 22 Tagen) @ lokuloi

Auch nach 2008 gab es eine direkte Nachtverbindung Berlin-Wien. Bloß ohne eigene Zugnummer als Kurswagengruppe im EN 477 Metropol. Im Fahrplanjahr 2009 mit ÖBB-Wagen, danach mit ungarischen und tschechischen Wagen. Je ein Sitz-, Liege- und Schlafwagen, spätestens ab Prag war eigentlich immer alles voll.

Die Verbindung Berlin – Wien im Wandel der Zeit (Teil 4)

Destear, Berlin, Donnerstag, 08.01.2026, 14:22 (vor 22 Tagen) @ lokuloi
bearbeitet von Destear, Donnerstag, 08.01.2026, 14:22

Hi,

danke für diese wirklich interessante und konzeptionell klug zusammengestellte Chronik. Gibt dem Forum hier eine schöne inhaltliche Tiefe. Für mich ist vor allem interessant, wie im Spiel der Zeit der Halt in den verschiedenen Prager Bahnhöfen eine Rolle gespielt hat und wieder spielt. Die Darstellung war da sehr hilfreich.

Die Verbindung Berlin – Wien im Wandel der Zeit (Teil 4)

lokuloi, Samstag, 10.01.2026, 11:13 (vor 20 Tagen) @ Destear

Hi,

danke für diese wirklich interessante und konzeptionell klug zusammengestellte Chronik. Gibt dem Forum hier eine schöne inhaltliche Tiefe.

Vielen Dank für die positive Rückmeldung!

Für mich ist vor allem interessant, wie im Spiel der Zeit der Halt in den verschiedenen Prager Bahnhöfen eine Rolle gespielt hat und wieder spielt. Die Darstellung war da sehr hilfreich.

Wobei ich auf die Anbindung der Prager Bahnhöfe nur am Rande geachtet habe, und damit mit 2022 und 2026 zwei untypsiche Jahre erwischt habe. Denn überwiegend fuhren die Fernzüge aus Richtung Dresden weiter in Richtung Brno seit eröffnugn der "Neuen Verbindung" 2010 über den Hauptbahnhof - auch die nach Wien, nicht nur die nach Budapest. Warum in diesen beiden Jahren nicht, kann ich nicht sagen. Vermutlich Bauarbeiten?

Wobei die allgemeine Verkehrsführung in Prag sowieso noch ein Thema für sich wäre. Immerhin sind es nur 3 verschiedene Bahnhöfe, die von den Zügen Berlin-Wien angefahren wurden. Dafür hatte der heutige Prager Hauptbahnhof auch schon 3 verschiedene Namen, und ist damit gleichauf mit dem heutigen Berliner Ostbahnhof.

Ciao,
Uli

2022: Bauarbeiten

Sören Heise, Region Hannover, Sonntag, 11.01.2026, 09:01 (vor 19 Tagen) @ lokuloi

Moin.

Besten Dank für diesen Überblick!

Wobei ich auf die Anbindung der Prager Bahnhöfe nur am Rande geachtet habe, und damit mit 2022 und 2026 zwei untypsiche Jahre erwischt habe. Denn überwiegend fuhren die Fernzüge aus Richtung Dresden weiter in Richtung Brno seit eröffnugn der "Neuen Verbindung" 2010 über den Hauptbahnhof - auch die nach Wien, nicht nur die nach Budapest. Warum in diesen beiden Jahren nicht, kann ich nicht sagen. Vermutlich Bauarbeiten?

Für das aktuell Fahrplanjahr kenne ich den Grund nicht (und wusste bislang auch nichts davon ;-)), 2022 war die Strecke zwischen Česká Třebová und Brno wegen Bauarbeiten voll gesperrt. Die Züge wurden zwischen Kolín und Brno via Havlíčkův Brod umgeleitet. Da die Strecke langsamer, weil kurviger, ist, wurde zur Aufrechterhaltung der Verbindung Praha hl.n. nicht angefahren. Das galt auch für den EC von/nach Budapest.

Viele Grüße
Sören

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