Kapitel 2/3: Verrückter Plan ;-) Affen & Afrika (Reiseberichte)

Krümelmonster, München, Montag, 11.05.2020, 20:47 (vor 2142 Tagen) @ Krümelmonster

Bis Ende Oktober gab es keinen Eröffnungstermin für die erste Rennbahn Afrikas, es hieß bloß, im dritten Quartal solle es so weit sein. Irgendwann hieß es, Mitte November würde man die Strecke eröffnen. Dieser Termin fand tatsächlich wie geplant (naja, eigentlich war man schon einige Jahre in Verzug^^) in Anwesenheit von Emmanuelle Macron statt. Doch selbst danach zeigte die ONCF auf ihrer Webseite immer noch keinen Fahrplan an. Es folgte zunächst ein für Marokkaner kostenloser Probebetrieb. Erst Ende November wurde der kommerzielle Betrieb aufgenommen. Zur Not wären wir auch ohne Rennbahn gefahren, aber diese Entwicklung freute uns natürlich sehr.^^ Erst eine Woche nach Eröffnung spuckte oncf.ma auch mal einen Fahrplan aus – den aber auch gleich für die nächsten vier Monate.^^ Beworben wurde die nach der Eröffnung der Rennbahn kurze Reisezeit Tanger – Marrakesch von 4½ h, da war man schon etwas drüber, zudem wurden die 1½ h Wartezeit in Casablanca geflissentlich verschwiegen.^^
Man hat äußerst ambitionierte Pläne für den Bau neuer Strecken: konkrete Planungen bestehen für Strecken von Casablanca weiter über Marrakesch und durchs Atlasgebirge nach Agadir (die 900 km zwischen Tanger und Agadir sollen dann in 4 h zu schaffen sein), von Rabat plant man über Fès Richtung Oujda am Mittelmeer nahe der algerischen Grenze. Ferner ist gedacht, von Oujda über Algier bis Tunis oder gar Tripolis zu bauen, und ich wette, auch eine Strecke ins Gebiet der Westsahara wird gewünscht. ;-) Für noch weniger realistisch als all dies halte ich allerdings die Überlegung, einen Tunnel unter der Straße von Gibraltar zu bauen und die spanische Rennbahn bis Algeciras zu verlängern – denn dann könnte man Casablanca – Stockholm in 16 h fahren! :D :D :D (Fehmarnbelttunnel vorausgesetzt ;-) ). Wer’s nicht glaubt, kann hier nachlesen.

Am Neujahrsmorgen halb zehn gingen wir also das kurze Stück zum Bahnhof. Gepäckkontrollen gab es hier keine. Man wartete zunächst in einem Wartesaal im Bahnhofsgebäude, gerade als wir kamen, ca. 20 min vor Abfahrt, wurden die Türen geöffnet, und man konnte auf den Bahnsteig und in den Zug steigen. Wir hatten sogar zwei Fensterplätze am Tisch oben bekommen, Richtung Westen, da war der Atlantik und vormittags kein Gegenlicht – besser ging nicht! =) Sowohl am Bahnhof als auch in den Zügen war alles zweisprachig Arabisch & Französisch, aber nichts auf Englisch. Die Auslastung lag ab Tanger bei ca. 70 %, unseren Tisch behielten wir für uns. Der Zug war ein stinknormaler TGV Duplex, selbst die Piktogramme waren dieselben wie bei der SNCF. :D Die automatischen Ansagen waren sehr ausführlich, obwohl es nur zwei Sprachen waren, dauerten sie länger als die viersprachigen in Spanien (und die waren schon nervig^^). Nach Abfahrt in Tanger brauchte es eine ganze Weile, bis der Zug seine Geschwindigkeit erreichen konnte. Dafür wurde dann mit durchgehend min. 300 km/h gefahren, lange wurde tatsächlich die Vmax von 320 ausgefahren. Bald wurde ein Fluss namens Oued Mharhar überquert – das klingt doch regelrecht wie das hinterhältige Lachen des Coronavirus, nachdem man Reisepläne geschmiedet hat. -.- Die Fahrt führte durch eine interessante Hügellandschaft, dafür, dass die Strecke parallel zum Meer verläuft, sahen wir es relativ selten. Es gab keinen einzigen Tunnel und nur wenige Brücken. Nach gerade einmal 40 min war etwas nördlich von Kénitra die Rennbahn schon wieder zu Ende, die Strecke mündete höhenfrei in die Bestandsstrecke ein. Die Rennbahn ist mit 25 kV elektrifiziert, die Bestandsstrecken anders als in Frankreich mit 3 kV. Das war bisher der stärkste Beweis, dass der Zug wohl doch kein Gebrauchtfahrzeug aus Frankreich sein konnte. ;-) Jeden Bahnhof erreichten wir mehrere min vor Plan. Schon in Kénitra sank die Auslastung beträchtlich, nun ging es ja auf der Altstrecke weiter. Da der Zug danach nur in Rabat hielt, war er immer noch etwas schneller, aber die anderen Züge sind halt günstiger und verkehren viel öfter. Die Rennzüge verkehren zwischen Tanger und Kénitra (also auf dem Abschnitt über die Rennbahn) im Stundentakt, alle 2 h werden sie Richtung Süden bis Casablanca verlängert (dann teils ohne Halt in Kénitra). Außer in Tanger hatte unser Zug so gut wie keine Zusteiger. Südlich von Kénitra liegt eine dreigleisige Strecke für meist 160 km/h. Zwischen Salé und Rabat weist sie eine aufwändige kurvige Trassierung im Bereich der Flussmündung auf, dort war die Königsresidenz zu sehen (leider gelang mir kein gutes Foto). Künftig soll eine bereits in Bau befindliche NBS Kénitra – Casablanca die Fahrzeit nochmal um 35 min verkürzen auf dann nur noch 45 min. 2020 soll es wohl soweit sein, aber es ist Marokko. ;-) Südlich von Rabat sank die Auslastung auf nur noch 25 %. Dabei war die Landschaft hier deutlich dichter besiedelt als in Spanien. In den Dörfern lebten die Leute zum Teil in ärmlichen Verhältnissen und hantierten noch mit Eselskarren, während wir im modernsten Schnellzug der Welt vorbeiglitten… :-/ Bereits weit vor der Einfahrt machte sich der 4,3-Mio.-EW-Moloch Casablanca bemerkbar: Man sah schon den Smog. Planfahrzeit für die 340 km war 2:10 h, wir erreichten Casa-Voyageurs mit – 4.
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81 – 82 Der heftige Bahnhof Tanger-Ville/طنجة المدينة am Silvesterabend
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83 Oder hier am Morgen
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84 Die Bahnhofshalle
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85 – 86 Bessere Bilder waren nicht drin, denn wir wollten nicht ausprobieren, ob das Fotografieren hier legal war. ;-)
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87 Ausfahrt aus dem Bahnhof
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88 – 89 Gleich dahinter befindet sich ein Betriebswerk zur Wartung der neuen Rennzüge
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90 Am Stadtrand von Tanger wird die Altstrecke überquert
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91 Marokkanische Hügel
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92 – 93 Geschwindigkeitsrausch. Wären wir 2 h später gefahren, hätten wir passenderweise den Zug 2019 bekommen. ;-)
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94 – 95 Impressionen der Fahrt
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96 Nicht so nobel wie im Zug geht es neben der Strecke zu
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97 – 98 Etwas nördlich von Kénitra/القنيطرة fädelt die Rennbahn in die Bestandsstrecke ein
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99 Der nördliche Teil der Straßenbrücke zwischen den Nachbarstädten Salé und Rabat
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100 Die Baustelle des Grand Théâtre national de Rabat, links dahinter wäre die Residenz
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101 Kommunikationspalme
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102 Bahnhof Rabat Agdal/الرباط أكدال in der Hauptstadt
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103 Südlich von dort war die Auslastung gering
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104 Blick auf den Atlantik
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105 – 106 In Mohammedia wurde nicht gehalten
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107 Marokkanische Architektur
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108 Kurz vor dem Bahnhof Casa-Voyageurs/الدار البيضاء المسافرين befindet sich ein weiteres Betriebswerk
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109 – 111 Angekommen!

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