Mainzer Ausflüge (1/5): Neckar und Odenwald (m. 45 B.) (Reiseberichte)

TD ⌂ @, Samstag, 14.03.2020, 18:30 (vor 120 Tagen)

Hallo zusammen,

gibt es noch Interesse an alten Reiseberichten? Ich habe nämlich noch eine ganze Reihe an Reisen aus den Jahren 2018 und 2019 im Arbeitsvorrat. Nachdem wir zuletzt im Ausland unterwegs waren zwischen Achensee und Schafberg, will ich nun einen 5-teiligen Reisebericht aus dem Südwesten Deutschlands mit kleinen Abstechern nach Luxemburg und Frankreich beginnen.

Die Reisen fanden im Sommer 2018 statt, damals studierte mein Bruder noch in Mainz, so dass ich dort eine gute Ausgangsbasis in einem neuen Umkreis hatte. Aus aktueller Sicht ist das auch ein kleiner Blick in die Vergangenheit, als man noch unbeschwert reisen konnte, auch über Ländergrenzen.

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Im ersten Teil fahren wir vom Bodensee nach Mainz mit einem „kleinen Umweg“ durch den Odenwald. Im zweiten Teil widmen wir uns der Drachenfelsbahn und der Erfttalbahn. Teil drei beinhaltet einen Besuch bei der Brohltalbahn und der Hunsrückbahn. Der vierte Teil besteht aus einer Rundfahrt entlang der Mosel nach Luxemburg und zurück über Metz und die Nahetalbahn. Und im fünften Teil fahren wir durch das Elsass und den Schwarzwald zurück nach Konstanz.


Teil 1: Konstanz – Singen – Stuttgart – Osterburken – Hirschhorn – Eberbach – Michelstadt – Darmstadt - Mainz

Wenn man den Blick über die Streckenkarte schweifen lässt und nach Verbindungen zwischen Konstanz und Mainz schaut, kann durchaus der Odenwald ins Blickfeld geraten. Und da mir der Itino ohnehin noch in meiner Fahrzeugsammlung fehlt, steht damit die Idee für eine etwas unkonventionelle Anreise nach Mainz.

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Die erste Etappe führt uns von Konstanz nach Singen, mit dem seehas (Flirt der SBB) fahren wir am Ufer des Untersees entlang mit Blick hinüber zur Insel Reichenau.

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In Singen wechseln wir auf einen IC2 zur Fahrt auf der Gäubahn nach Stuttgart. Grundsätzlich mag ich den IC2, zumal zum Zeitpunkt der Reise noch die zuverlässigeren älteren Garnituren mit der BR 146 auf der Gäubahn verkehrten.

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Über die Hegaualb fahren wir nach Tuttlingen, wo die Gäubahn die noch junge Donau überquert. Weiter führt die Strecke entlang der östlichen Ausläufer des Schwarzwalds und durch das Neckartal. Dann geht es hinauf auf die Gäuebene.

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Ab Stuttgart steht ein Regional-Express zur Fahrt auf der Frankenbahn auf dem Reiseplan. Der Zug hat das Fahrtziel Würzburg, wir fahren aber nur bis Osterburken mit.

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Nachdem der Zug das Stadtgebiet von Stuttgart verlassen hat, trifft die Bahnstrecke bald auf den Neckar und folgt kurvenreich dem Neckartal. Vor dem Zugfenster ziehen die Weinlagen am Neckar vorbei, sie gehören zum Weinbaugebiet Württemberg.

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Eine andere Tradition hat Bad Friedrichshall, hier ist vom Zug aus das Salzbergwerk zu sehen. Der Schacht König Wilhelm II. wurde 1899 in Betrieb genommen, heute können Besucher in einem Schaubergwerk Geschichte und Technik der Salzgewinnung erkunden.

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Die Bahnstrecke verlässt im weiteren Verlauf das Neckartal und folgt anschließend dem ebenfalls kurvenreichen Tal der Jagst. Dabei fällt der Blick auf den Ort Duttenberg, weithin sichtbar sind das Kelterhaus und das Herrenhaus, die auf eine ehemalige Höhenburg aus dem Jahr 800 zurückgehen.

Der Zug hat mittlerweile über 10 Minuten Verspätung und ich mache mir Sorgen um den Anschluss auf die S 1 in Osterburken...

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...aber die S-Bahn wartet. Für ein Außenbild reicht die Zeit allerdings nicht mehr, hier sitzen wir schon in dem Zug der Baureihe 425. Osterburken ist einer der Endpunkt im Netz der S-Bahn RheinNeckar.

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Die erste Etappe der Strecke führt durch das Bauland, bei der hochsommerlichen Fahrt über die Gäulandschaft im Nordosten Baden-Württembergs erschließt sich nicht unbedingt, warum die Region scherzhaft auch „Badisch Sibirien“ genannt wird. Tatsächlich ist es im Winter hier kälter als am Oberrhein, früher empfanden Beamte die Versetzung in die damals abgelegene Region zudem als „Verbannung“.
Die Bahnstrecke von Osterburken nach Neckerelz war früher Teil einer Fernverkehrsachse zwischen Würzburg und Heidelberg, hier waren Züge bzw. Kurswagen von Berlin nach Metz oder Karlsbad nach Paris unterwegs. Heute verkehren im Personenverkehr nur noch S-Bahnen auf der Strecke.

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Ab Mosbach befährt der Zug die Neckartalbahn – und wie man sieht ist der Name Programm. Nach Gäubahn und Frankenbahn begegnen wir dem Neckar nun zum dritten Mal bei dieser Fahrt und bis hier ist der Fluss schon beachtlich gewachsen. Der Blick fällt auf Burg Zwingenberg am rechten Hang des Neckars, wir sind hier im Durchbruchstal durch den Odenwald.

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Auch die Neckartalbahn hat keinen Fernverkehr mehr, hier gab es zuletzt noch ein Interregio-Zugpaar von Emden nach Stuttgart. 2019 kam es während der Bundesgartenschau in Heilbronn noch einmal zu einem Gastspiel mit Fernverkehrszügen im Neckartal, dazu wird es aber irgendwann einen eigenen Reisebericht geben.
In Eberbach zweigt die Odenwaldbahn ab. Wir fahren aber noch eine Station weiter...

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...bis nach Hirschhorn. Die Neckartalbahn führt hier für einige Kilometer durch Hessen, Hirschhorn ist einer von zwei hessischen Orten an der Strecke. Als die Strecke 1879 eröffnet wurde, war es nicht selbstverständlich, dass die topografisch einfachste Streckenführung entlang des Flusses gewählt wurde; zu der Zeit der Kleinstaaterei hatte man ursprünglich eine umständliche Alternativroute vorgesehen, nur um die Streckenführung durch die beiden hessischen Orte zu vermeiden.
Nur blöd, das Burg Hirschhorn gerade im Wolkenschatten verschwindet.

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Warum wir jetzt überhaupt in Hirschhorn sind, wenn wir doch in Eberbach hätten umsteigen sollen? Nun, es ist schönes Wetter, wir haben Zeit und die Bilder von Hirschhorn im Internet waren vielversprechend. Hirschhorn hat eine historische Altstadt mit zahlreichen Fachwerkhäusern.

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Als zwischen 1628 und 1630 eine neue Kirche in Hirschhorn erbaut wurde, verzichtete man auf den Bau eines neuen Kirchturms, stattdessen wurde ein wesentlich älterer Torturm der Stadtmauer, nämlich das Mitteltor von 1392, zum Kirchturm umgewidmet.

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In Hirschhorn gibt es eine Staustufe mit Brückenfunktion, und so queren wir den Neckar. Hirschhorn liegt in einer Doppelschleife des Flusses, der sich hier tief in die bewaldeten Höhen des Odenwalds eingegraben hat.

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Vom östlichen Neckarufer gibt es einen schönen Blick auf den historischen Ortskern und die Burg Hirschhorn – diesmal mit Sonne. Die mittelalterliche Burg wurde auf einem Bergsporn oberhalb der Stadt errichtet, um das Neckartal und zwei Quertäler zu kontrollieren.
Schließlich geht es durch die Altstadt zurück zum Bahnhof.

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Der Bahnhof Hirschhorn wurde am 24. Mai 1879 eröffnet, das klassizistische Empfangsgebäude steht heute unter Denkmalschutz. Wir fahren nun mit der S-Bahn eine Station am Neckar entlang zurück bis Eberbach.

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Nach 6 Minuten Fahrzeit sind wir in Eberbach angekommen. Am Bahnhof Eberbach trifft die Odenwaldbahn auf die Neckartalbahn. Da es auch im Badischen eine Odenwaldbahn gibt, wird die Strecke von Eberbach nach Darmstadt und Hanau auch Hessische Odenwaldbahn genannt.

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Die Hessische Odenwaldbahn ist nicht elektrifiziert, auf der Strecke verkehrt die VIAS mit Itino-Triebwagen. Die Itino-Triebwagen wurden ursprünglich von Adtranz entwickelt und wurden dann von Bombardier übernommen. Mit nur 57 Fahrzeugen konnte sich dieser Fahrzeugtyp nicht recht durchsetzen. 30 Itinos wurden nach Schweden geliefert, 26 sind bei der VIAS unterwegs und 1 Exemplar ging an die Erfurter Bahn. Die zweiteiligen Dieseltriebzüge haben eine Höchstgeschwindigkeit von 140 Stundenkilometern.

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Die Hessische Odenwaldbahn ist größtenteils eingleisig, sie wurde 1882 eröffnet. Da der Endpunkt in Baden liegt, war vor dem Bau auch hier ein Staatsvertrag zwischen den Großherzogtümern Hessen und Baden erforderlich. Nach gut 7 Kilometern erreicht der Zug die Landesgrenze, hier blicken wir aus Hessen hinüber auf das badische Friedrichsdorf.

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Im südlichen Teil ist die Hessische Odenwaldbahn landschaftlich äußerst reizvoll, es handelt sich hier um eine Gebirgsstrecke durch den Odenwald mit zahlreichen Kunstbauten. Mit Himbächelviadukt und Haintalviadukt gibt es zwei bekannte und eindrucksvolle Viadukte, zudem durchfährt der Zug mit dem Krähbergtunnel den längsten eingleisigen Regelspurtunnel in Deutschland, er ist über drei Kilometer lang. Die Strecke folgt dem Tal der Mümling und wird deshalb auch Mümlingbahn genannt. Die Strecke ist heute als Kulturdenkmal anerkannt.

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In Michelstadt legen wir den nächsten Zwischenstopp ein – auch in Michelstadt lockt eine reizvolle Altstadt mit vielen Fachwerkhäusern. Hier blicken wir auf das Alte Rathaus, es wurde 1484 erbaut und zählt zu den wichtigsten spätmittelalterlichen Fachwerkbauten Deutschlands. Das Rathaus steht auch als Modell auf so mancher Modelleisenbahnanlage.

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Eine weitere bekannte Sehenswürdigkeit ist die Burg Michelstadt, hier stehen wir im Burghof der ehemaligen Stadtburg.

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Schließlich kehren wir an den Bahnhof von Michelstadt zurück. Seit 1870 ist der Ort auf der Schiene von Darmstadt aus zu erreichen. Der Bahnanschluss brachte der einstigen Ackerbürgerstadt einen starken wirtschaftlichen Aufschwung.
Auf der Strecke fahren verschiedene überlagernde RE und RB-Linien, wir fahren nun weiter nach Darmstadt, auch hier treffen wir wieder auf einen Itino.

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Die Strecke führt weiter durch den Vorderen Odenwald. Der Zug erreicht dann denn Trennungsbahnhof mit dem etwas sperrigen Namen „Groß-Umstadt Wiebelsbach“. Hier verzweigt sich die Odenwaldbahn in zwei Streckenäste nach Darmstadt und Hanau. Als auf der Strecke noch D-Züge von Frankfurt nach Stuttgart verkehrten, galt der Bahnhof unter dem damaligen Namen Wiebelsbach-Heubach als „einsamste Schnellzugstation Deutschlands“, da der Bahnhof weit abgelegen von den beiden Dörfern lag.

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Unser Zug befährt nun den Darmstadter Ast, durch das Reinheimer Hügelland fahren wir vom Odenwald hinab in die Oberrheinische Tiefebene. Natürlich gibt es zwischen Stuttgart und Frankfurt schnellere Verbindungen, wer aber Gefallen an landschaftlich reizvollen Landpartien hat, dem sei die Odenwaldbahn ans Herz gelegt.

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Der Rest ist nun schnell erzählt, mit der RB 75 geht es anschließend von Darmstadt hinüber nach Mainz. Die Fahrt quer durch das hessische Ried ist nun nicht mehr besonders spannend.

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Pünktlich erreichen wir schließlich Mainz. Ich habe erst hinterher bemerkt, dass ich von Mainz selbst diesmal gar keine Bilder habe, da ich die Zeit dort dann bei meinem Bruder verbracht habe.

In den nächsten Tagen folgt Teil 2, dann starten wir von Mainz aus rheinabwärts nach Koblenz zur Rheinseilbahn, zur Drachenfelsbahn und zur Erfttalbahn.

Viele Grüße und ein gesundes Wochenende

Tobias

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www.bahnreisefuehrer.de - Deutschland aus der Fahrgastperspektive
Der Weg ist das Ziel: Meine Bahnreiseberichte.


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