Bei einer Svíčková nach Deutschland... (Teil 1, 8 Bilder) (Reiseberichte)

J-C, In meiner Welt, Montag, 26.08.2019, 21:52 (vor 2400 Tagen)
bearbeitet von J-C, Montag, 26.08.2019, 21:54

Vor einigen Tagen hatte ich ja gefragt, wie's zu meiner Verbindung über Kamenz steht.

Nun, auch den Grund habe ich verraten. Es ging mit meinem Cousin zu Wanderexerzitien - kurz gesagt einer Wanderung mit geistlichen Impulsen. Und zwar von der Oberlausitz - nahe Panschwitz-Kuckau in die Niederlausitz nach Neuzelle.

Das war eine sehr schöne Woche, die mich geistlich sehr gut erbaute. Da dies aber ein Forum für Freunde des (schnellen) Schienenverkehrs ist, werde ich meinen Fokus mehr auf die Hin- und Rückfahrt und auch kurz auf den Bahnverkehr, den ich während der Wanderung entdeckte, eingehen.

Die Reise begann in Breclav in der Lounge. Ursprünglich war ja geplant, dort den Hungaria zu nehmen und in Dresden einen Zug nach Kamenz zu nehmen.

Problem: Der Zug nach Kamenz wäre an jenem Tage aufgrund von Bauarbeiten erst ab Arnsdorf geführt worden.

Das wäre, wenn der Zug nicht überhaupt ausgefallen wäre, weil die Städtebahn Sachsen bekanntlich zuerst den Betrieb einstellte, und wenig später Insolvenz anmeldete. Natürlich war es mein "Glück", dass aus der Insolvenz heraus die SBS bis zur Notvergabe den Betrieb wieder aufnehmen konnte... aber erst 3 Tage nach meiner Hinfahrt.

Nungut, also kein Hungaria, stattdessen ein Metropolitan aus Budapest mit tschechischen Wagen 2 Stunden vorher mit Umstieg in Prag auf einen Berliner - so werden die Züge der EC-Prag - Berlin - Hamburg (- Kiel) seitens der ČD genannt.

Doch der Metropolitan war - wie so oft - aus dem Ausland verspätet übergeben worden. Heute sind's 10 Minuten Verspätung. Da in Prag der Übergang ca. 25 Minuten betrug, war das kein Grund zur Beunruhigung.

Doch hatte man nun mehr Zeit zum Totschlagen - zu wenig, um dem Bahnhofsrestaurant einen Besuch abzustatten (ob ich das jemals tun würde, ist fraglich...) und zu viel, um auf dem Bahnsteig, der ohnehin erst einige Minuten vor Ankunft angekündigt wird, zu verweilen.

Aber genau richtig, um der in diesem Jahr eingeweihten "Lounge" der ČD - man besaß ja ein Ticket der ersten Klasse - einen Besuch abzustatten.

Breclav ist nun wahrlich kein besonders großer Verkehrsknoten. Umstiege zwischen den internationalen Fernzügen vollziehen sich hier teils binnen 3 Minuten am selben Bahnsteig. Umso erstaunlicher ist es, dass selbst hier man Reisenden der ersten Klasse und jenen, die eine Reservierung besitzen, zumindest ein Stück Mehrwert bietet.

Wer also entweder ein Ticket der ersten Klasse hat, oder eine Reservierung besitzt, kann sich am Informationsschalter melden; nachdem die Fahrkarte besehen ist, wird die Tür entriegelt und man betritt die "Lounge".

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Die Ausstattung dieses mit Glaswänden vom Rest des Reisezentrums abgeschotteten Raumes ist freilich nicht mit der Ausstattung einer Lounge in Deutschland vergleichbar. Es hat Sitze, Steckdosen, WLAN, Zeitungen, einen Teppich, einen Abfahrtsmonitor und noch einen Monitor, der sein Demoprogramm - das vermutlich reizvollste Fernsehprogramm heutiger Zeit - abspielt.

Und natürlich ein annehmbares Ambiente. An der Tapete liest man die Namen vieler tschechischer und internationaler Destinationen, denen man vielleicht ja einstmals einem Besuch abstatten könnte ;-)

So konnte man die Wartezeit doch ganz gut verbringen, bis es an den Zug geht. Für den Metropolitan habe ich leider keine Bilder vom Hinweg für euch, Hier aber die Wagenreihung nach vagonweb.cz.

Wie man dort sehen kann, hat es genau einen Wagen erster Klasse. Im Vergleich zur zweiten Klasse lohnt sich da der Aufpreis schon durchaus. Zwar gab es bis Prag keinen Am-Platz-Service für uns in jenem Wagen, aber das war nicht so schlimm. Die Sitze haben einme gewissen Komfort - der Stoffbezug ist hier definitiv ein positives Qualitätsmerkmal.

Der Großraumwagen erster Klasse ist in Fahrtrichtung Prag direkt hinter der Lok, sodass man sehr gut die Fahrgeräusche der ČD 380 (Das Ding, das in Deutschland als Baureihe 102 zwischen München und Nürnberg einst zum Einsatz kommen soll, was ist eigentlich dort grade die Situation?) hören konnte. Für mich war das Musik in meinen Ohren. Ebenso die zweisprachigen Ansagen auf tschechisch und englisch vom Band. Den Zugbegleiter hat man an 2 Stationen gehört - einmal in Pardubice, als ein Personenzug als Anschluss angesagt wurde und in Praha hl.n., wo unser EC nach Kiel als Anschluss angesagt wurde. Ich habe in manch einem Regionalexpress schon öfter den Zugbegleiter gehört. Vielleicht wird der werte Herr Blaschke mal rüberkommen. Coke wird er aber von daheim nehmen müssen, in Tschechien ist eher Pepsi und Kofola an der Macht. Und Bier natürlich.

Wie auch immer. Man kommt also gegen 12 in Prag an. Die Verspätung konnte kaum aufgeholt werden, aber das war ja kein Problem. Man stieg also in den Berliner mit Fahrtrichtung Kiel ein. Hier herrscht eine gänzlich andere Klasse. Hier hat es 2 Großraumwagen erster Klasse mit Ledersitzen, die Ansagen sind auch auf deutsch. Dass ich die Reservierung auf just diese Verbindung umbuchte, war definitiv eine gute Idee - im Berliner war die erste Klasse durchaus gut ausgelastet.

Hier merkt man, dass hier die DB durchaus ein Wörtchen mitzureden hatte. An sich war es aber ein wenig frischer vom Ambiente her. Ist auch klar, der Metropolitan besteht aus Schnellzugwagen, der Berliner hingegen eben aus Reisezugwagen, die für diese Linie optimiert wurden.

Um mal ehrlich zu sein, in einem DB-Zug wäre es im Sitzwagen wohl irgendwie angenehmer gewesen. Wobei die Laufruhe doch ganz angenehm ist.


Wäre ich im Wagen geblieben, wäre die Bestellung des Essens erst ab der Grenze zu Deutschland aufgenommen worden, wie ich später feststellte. So kam ich direkt in den Speisewagen. Er ist ja öfters eines der Dinge, anhand derer die tschechische Bahn so großartig empfinden wird - wieder und wieder.

Und ja, es ist so, wie man es so oft liest. Ein durchaus gepflegtes Ambiente bei roten Ledersitzen und fein gedeckten Tischen - im Gegensatz zum weher kühlen Ambiente des Speisewagens im Metropolitan. Bei einer durchaus starken Auslastung. Da brauchte es seine Zeit, bis ich dort mein Essen bestellen konnte und noch etwas, bis ich es bekam. Tatsächlich erlebte ich schon lange keinen derart stark ausgelasteten Speisewagen.

Da schaut man sich halt erstmal die Landschaft an...

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...und kriegt irgendwann dann auch seine Mahlzeit.

Wie der Titel es sagt, wurde es eine Svičková:

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Als Nachtisch - das hat bei mir eine gewisse Tradition - gibt es eine Palačinka:

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Beides hat großartig gemundet - wie immer.

Auf ein Bier verzichtete ich an jenem Tag. Wie in jedem entwickelten Land lief die Zahlung mit Debitkarte schon lange problemlos. Ich dachte, ich erwähne das halt mal.

Es ging zurück an den Platz, man reist an der Elbe entlang...

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...und überquert die Grenze nach Deutschland. In Bad Schandau enden auch die automatischen Ansagen. Die Zugbegleiterin mit einer charmanten Stimme verkündet bald schon die Ankunft in Dresden.

Die Situation, dass ich einen anderen Zug nahm, als die nun aufgehobene Zugbindung es besagt hätte, war völlig unproblematisch; besagte Zugbegleiterin ließ sich bei uns gar nicht blicken bis Dresden Neustadt.

Wie dem auch sei, kommt man nach einer Fahrt durch das malerische Elbtal in Dresden-Neustadt an:

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Und bestaunt dann erst einmal die Bahnhofshalle:

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...die definitiv ein Hingucker ist. Überhaupt war ich von der Fahrt auf deutscher Seite völlig begeistert. Während bei der S-Bahn in Wien die Infrastruktur oft auf Kante genäht ist, hat man extra Gleise für die Dresdener S-Bahn bis ins Umland. Der Bahnhof von Bad Schandau könnte gewiss etwas mehr Liebe vertragen, aber das war soweit eigentlich doch ganz annehmbar.

Zumindest bis jetzt.

In Dresden Neustadt nämlich musste man auf den Bus. Der fuhr über die Autobahn und dann weiter über die Landstraße direkt bis Kamenz. Von der entbehrlichen Abfahrtsverspätung von 2 Minuten abgesehen war die Fahrt recht unproblematisch und angenehm.

Der Anschluss - ein anderer Bus der Linie 102 wurde natürlich erreicht, aber auch hier so eine doofe Verspätung von 2 Minuten. Muss nicht sein.

Und dann kam man nach einer Wanderung on 2,3km ans Ziel an, womit man recht geschmeidig in die achttägige Wanderung sich einführen konnte.

Und damit endet der erste Teil, doch der zweite wird auch noch folgen ;-)

Cheers.

--
Umwege erweitern die Ortskenntnis ~ Kurt Tucholsky


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