Auf der Ligne des Horlogers durch den Jura - Fortsetzung 1 (Reiseberichte)
Für Pendler und normale Reisende mögen planmäßige schlanke 2-Minuten-Übergänge praktisch und zeitsparend sein, ein Reiseberichtsautor kommt hier jedoch an seine Grenzen. Da bleibt nicht viel Zeit, um auf unbekanntem Terrain einen Fotostandort zu suchen und nebenbei auch noch die Linse von Schneeflocken frei zu halten.
Die Bahnstrecke von Glovelier nach Saignelégier war ursprünglich in Normalspur ausgeführt, sie wurde 1904 von der Eisenbahngesellschaft Régional Saignelégier–Glovelier (RSG) in Betrieb genommen. Durch eine Fusion wurde sie Bestandteil der Chemins de fer du Jura (CJ) und in der Folge auf Meterspur umgebaut. Heute verkehren die Züge der CJ über Saignelégier hinaus durchgehend bis La Chaux-de-Fonds.
Nach knapp 10 Minuten erreicht die Bahnstrecke an der Station Combe-Tabeillon eine Spitzkehre, durch eine Kehrschleife und mehrere Tunnel führt sie anschließend hinauf zum Kreuzungsbahnhof Bollement, bis dorthin überwindet die Bahn bereits 300 Höhenmeter.
Ach schade, die ältere Garnitur hätte gerne einen Kurs früher fahren dürfen und etwas Abwechslung in den Reisebericht bringen können, denn die neueren GTW kenne ich schon von der letzten Tour bei der CJ.
Die Strecke verläuft anschließend über die offene Jurahochfläche und gewinnt dabei weiter an Höhe. In Saignelégier endet die knapp 25 Kilometer lange Strecke der ehemaligen Régional Saignelégier–Glovelier. Von dort geht es weiter auf der Strecke der ehemaligen Chemin de fer Saignelégier–La Chaux-de-Fonds (SC).
Die Bahnstrecke der SC wurde 1892 in Betrieb genommen, sie war von Anfang an in Meterspur angelegt. Mittlerweile haben wir die 1.000 Meter-Grenze überschritten, der Bahnhof von Les Bois liegt auf 1.029 Meter über dem Meer.
Hier fahren wir durch das 500-Einwohner-Dorf La Ferrière. Wie viele der Orte in den Freibergen war auch La Ferrière ursprünglich landwirtschaftlich geprägt, dann verhalf die Uhrenindustrie dem Ort zu einem Aufschwung. Seit dem Niedergang der Uhrmacherei spielen Landwirtschaft und Tourismus in der Region wieder eine größere Rolle.
Nach dem Kreuzungsbahnhof La Cibourg folgt ein kurvenreicher Streckenabschnitt hinauf zum Scheitelpunkt bei Bellevue auf 1.072 Meter.
Dann ist schon La Chaux-de-Fonds zu sehen, die Stadt liegt in einem breiten Hochtal. Der letzte Streckenabschnitt führt in Straßenlage zum Bahnhof La Chaux-de-Fonds.
Da wir La Chaux-de-Fonds schon von der letzten Jura-Reise kennen, haben wir dort diesmal keinen Aufenthalt eingeplant, stattdessen geht es gleich mit diesem Gefährt weiter. Der Triebwagen befährt die Stichstrecke der ehemaligen Ponts–Sagne–La Chaux-de-Fonds (PSC).
Die Strecke ist ebenfalls in Meterspur ausgeführt. Direkt nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof von La Chaux-de-Fonds geht es bergauf und nach etwa vier Kilometern ist der Scheitelpunkt auf 1.120 Meter über dem Meer erreicht, anschließend geht es hinab in das Hochtal Vallée des Ponts.
Die Strecke führt durch das rund zweieinhalb Kilometer lange Straßenzeilendorf La Sagne. Die Domain des Dorfs lautet übrigens lasagne.ch – mit dem Nudelgericht hat der Ort aber nichts zu tun, der Ortsname geht auf das lateinische Wort sagna (Riedgras) zurück.
Der Name des Hochtals Vallée des Ponts kommt von den Holzstegen, die früher durch das Hochmoor führten. Bei schönerem Wetter ist es hier bestimmt ganz nett.
Nach gut 16 Kilometern ist die Endstation in Les Ponts-de-Martel erreicht. Der Ort hat gerademal 1.300 Einwohner und ist das regionale Zentrum des Vallée des Ponts. Nach 6 Minuten fährt der Zug wieder zurück – das muss reichen für eine kurze Runde durch der Ort.
„Les Ponts-de-Martel zeigt das typische Ortsbild eines ehemals durch die Uhrenindustrie geprägten Dorfes. Es besitzt einen schachbrettähnlichen Grundriss mit hangparallelen Strassen und kurzen steilen Querverbindungen. Die kubischen mehrstöckigen Mietshäuser stammen aus der Zeit Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.“ (Wikipedia)
So, die Zeit ist um, es geht zurück. Die Bahn wird heute von der Transports Régionaux Neuchâtelois (TRN) betrieben. Der Triebwagen BDe 4/4 8 stammt aus dem Jahr 1996, er ist das jüngste von drei Fahrzeugen auf der Strecke.
Bei der Ausfahrt aus Les Ponts-de-Martel passiert die Bahn Depot und Werkstätte. Die Bahnstrecke wurde 1889 eröffnet, früher gab es hier auch Güterverkehr mit Rollschemeln.
Und so fahren wir jetzt zurück nach La Chaux-de-Fonds, die Fahrt dauert 23 Minuten. Im April 2016 gab es Aufregung um die Strecke, als überraschend eine vorläufige Stilllegung angekündigt wurde. Ursache hierfür war offenbar die große Zahl von Bahnübergängen (86 Stück), wovon einige der landwirtschaftlichen Übergänge ungesichert waren und andere nur auf dem Papier bestanden. Damals gab es die Sorge, die Einstellung könne auf Dauer sein, da die Bahn mit ihren Hochflur-Fahrzeugen und dem kleinen Einzugsgebiet mit nur zwei Gemeinden ohnehin vor einer schwierigen Zukunft steht. Mit einigen provisorischen Maßnahmen konnten die Bahnübergänge aber gesichert werden, so dass nach drei Monaten der Verkehr wieder aufgenommen werden konnte.
Nach der Ankunft in La Chaux-de-Fonds steht ein Regio nach Le Locle auf unserem Plan. Stattdessen verkehrt jedoch ein Bus nach Le Locle, der Grund für den Schienenersatzverkehr ist mir nicht bekannt. Das macht mir etwas Sorge, denn wenn die Strecke gesperrt wäre, würde ja auch der TER von La Chaux-de-Fonds über Le Locle nach Besançon nicht durchkommen, mit dem wir eine Stunde später von Le Locle aus weiterfahren wollen.
Hier sind wir jedenfalls in Le Locle angekommen und stehen vor der reformierten Kirche. Die 10.000-Einwohner-Stadt nahe der Grenze zu Frankreich gilt als Wiege der schweizerischen Uhrmacherei. Die von der Uhrenindustrie geprägte Stadtlandschaft von La Chaux-de-Fonds und Le Locle gehört seit 2009 zum UNESCO-Welterbe.
Zu den Sehenswürdigkeiten gehört auch das ehemalige Rathaus von Le Locle, es wurde zwischen 1839 und 1841 erbaut und dient heute als Gerichtsgebäude. Ansonsten macht die Stadt einen sehr ausgestorbenen Eindruck und der Plan scheitert, uns hier mit Proviant zu versorgen. Tja, man sollte bei der Reiseplanung halt auch lokale Feiertage prüfen, dann würde man vielleicht vorher merken, dass am 1. März im Kanton Neuenburg der Jahrestag der Ausrufung der Republik ein Feiertag ist.
Genauso ausgestorben wirkt auch der Bahnhof von Le Locle. Da noch immer keine Züge fahren, sind wir die einzigen Passanten am Bahnhof und selbst der Süßwarenautomat streikt. In der Schweiz findet man an den Bahnhöfen ja häufig kleine Läden, hier gibt es jedoch nichts. Le Locle ist auch Ausganspunkt einer Meterspurstrecke nach Les Brenets, diese wird während unseres Besuchs aber nicht befahren.
Es geht gleich weiter...
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07.06.2019, 18:30
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07.06.2019, 18:34
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TD,
07.06.2019, 18:35
- Merci beaucoup ! -
JanZ,
07.06.2019, 21:04
- Merci beaucoup ! - Langsamfahrstelle, 08.06.2019, 22:49
- Vielen Dank! - 462 001, 08.06.2019, 13:30
- Großer Dank für die Bilder :-)
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Berliner65,
13.06.2019, 21:21
- Merci beaucoup ! -
JanZ,
07.06.2019, 21:04
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