Grundsätzlich vernünftiger Ansatz (Allgemeines Forum)

Hustensaft, Freitag, 13.06.2014, 18:48 (vor 4322 Tagen) @ westtoeast

Ich halte den Ansatz im Grundsatz für vernünftig:

Wie ist es denn heute? Ein neuer Anbieter muss quasi aus dem Nichts eine ganze Armada Züge stellen, auf denen er nach Ablauf des Vertrages sitzenzubleiben droht. Das ist nicht nur nahezu unmöglich, da wir alle um Lieferzeiten und Zulassungsproblematik wissen, sondern auch betriebswirtschaftlich riskant respektive macht das die Leistung teuer, weil Abschreibungsdauer = Vertragslaufzeit sein muss. Daher ist es durchaus nachvollziehbar, dass der Auftraggeber das Fahrzeugmaterial stellt und eigentlich nur noch einen Betreiber sucht. Zeiten wie jene, als die Bahn beispielsweise vom Land Hessen Zuschüsse für die Beschaffung neuer Wagen bekam, waren für die DB sicher schön, sind aber endgültig vorbei.

Fazit 1: Das neue Modell öffnet den Markt in durchaus erwünschter Weise und ermöglicht echte Konkurrenz.

Die Kehrseite der Medaille ist, dass die Unternehmen, um sich unterscheiden zu können, letztlich nur noch über die Personalkosten agieren können. Natürlich ist zu befürchten, dass dies mit Kürzungen einhergeht, andererseits sollte eine starke Gewerkschaft mit einem einheitlichen Tarifwerk für alle Bahnunternehmen so etwas unterbinden können. Es fragt sich zudem, wie die schon heute aktiven Wettbewerber es hinbekommen, günstiger als die DB zu sein - und mit metronom, abellio, Vias, cantus, vectus und wie sie alle heißen, sind doch Unternehmen im Markt, die nicht davon leben, dass sie zuzahlen. Vielleicht sind aber auch deren Verwaltungsstrukturen etwas schlanker und die Plüschetagen kleiner ... Schon heute fehlen wohl nahezu allen Bahnunternehmen Lokführer. Personal, welches knapp ist, läuft übrigens kaum Gefahr, unter Lohndruck zu kommen. Und auch das übrige Personal fällt nicht vom Himmel und muss ausgebildet werden, von heute auf morgen lässt sich das nicht ersetzen.

Fazit 2: Es besteht die Gefahr, dass der Kostendruck auf dem Rücken des Personals ausgetragen wird - zwingend ist dies aber keineswegs.

Fahrkartenvertrieb und Wartung - tja, auch da sind die goldenen Zeiten vorbei. Beim Fahrkartenvertrieb bläst der Bahn schon heute der Wind mächtig ins Gesicht und es wird mit Sicherheit in den nächsten Jahren zu massiven Änderungen kommen, selbst ohne das VRR-Modell. Und wenn die Bahn in der Wartung sich saniert, muss es doch nicht verwundern, dass derart lukratives Geschäft Konkurrenz auf den Plan ruft. Einerseits will man nicht eigenwirtschaftlich agieren und hat viele Verkehre an die Länder abgewälzt, aber wenn es dann nicht mehr so läuft wie man das gerne hätte, reagiert man verschnupft.

Fazit 3: Alles absehbare Entwicklungen, die nun eben eintreten - früher oder später wäre das ohnehin passiert.

Gesamtfazit: Die einzige echte Gefahr ist, dass die Kosten über die Lohntüte gedrückt werden, aber da gibt es durchaus Möglichkeiten, solche Effekte zu verhindern - allerdings sind die Gewerkschaften dabei gefordert, nicht denselben Unsinn zu verzapfen, wie sie es im Busgewerbe getan haben, wo die Lohnschere zwischen "öffentlichem" und "privatem" Tarif zeitweise etwa 30 % betrug.


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