OT: "rasen" (Allgemeines Forum)

AX-330, Montag, 28.01.2013, 18:07 (vor 4815 Tagen) @ JanZ

Ich habe auch mal in einem Sprachforum gefragt, und dort hatten die meisten bei "rasen" zwar die Konnotation "schnell", aber eben nicht zwangsläufig "unangemessen schnell".

Mich (pardon) kotzt der inflationäre Gebrauch von "rasen" ebenfalls an und habe im Bekanntenkreis immer mal gefragt, was man mit "rasen" verbindet. Dabei wurde es immer mit "unkontrollierbar", "wildgeworden", auch "unangemessen" und ähnlichen Dingen assoziiert. Mir persönlich kommt bei "rasen" immer die Vorstellung einer belebten Fußgängerzone zur Sommerzeit in den Sinn, durch die auf einmal ein 40-Tonner mit 80 Sachen brettert. Da müssen die Sonnenschirme und die Tische vor dem Eiscafé wegfliegen, wenn die Bratwurstbude gerammt wird, muß sie explosionsartig in ihre Einzelteile fragmentieren, die Leute müssen schreien, kreischen, panisch weglaufen - und ganz wichtig: Reifen müssen quietschen und Motoren müssen laut aufbrüllen. So sieht für mich Rasen aus - unkontrollierbar, unverantwortlich, nicht mehr schnell, sondern... rasend eben :-)

Mir kommt immer das Frühstück hoch, wenn ich lese, daß Züge "gerast" sein sollen. Sei das jetzt über eine Schnellfahrstrecke oder am besten in ein Straßenfahrzeug. "Regionalexpreß rast in Auto" - das assoziiert bei mir, daß der Kollege dort, wo 70 erlaubt sind, 130 fährt, von der Fliehkraft wie in der Astronautenzentrifige an die Führerstandsseitenwand geklatscht wird und in heller Panik ein Auto auf dem Gleis sieht, allerdings wegen der wirkenden Kräfte nicht ans Führerbremsventil kommt.

"Führerlose Waggons rasen nach Feuerbach" hatte die FAZ neulich im Angebot. Abgesehen davon, daß es bei der Eisenbahn keine Waggons, sondern nur Wagen gibt, gehe ich mit dem Rasen hier absolut d'accord. Die vorgeschriebene Geschwindigkeit für diese Fahrzeuge war zu dieser Situation 0 km/h - und wenn man dann dermaßen in ein Bockgleis rammelt, daß der halbe Bahnhof kalt mitsaniert wird, ist das sicherlich "rasen."

Vor meinem Einstieg bei der Eisenbahn habe ich mich (wenig motiviert, entsprechend wenig erfolgreich) in einem Journalistikstudium verdingt. Der sicherlich beste und beliebteste Prof war ein Praktiker reinsten Wassers, der neben seinem Lieblingsthema Substitution ("Lassen Sie es bloß sein, Boris Becker als 'den Leimener' zu bezeichnen - schreiben Sie seinen Namen einfach noch mal hin") immer wieder auf einer Sache herumritt: Manipulation durch mehr oder weniger geschickte verzerrende Wortwahl. Ein "rasender" Zug ist genau so ein Fall. "Rasen" impliziert bei mir eine Schuld desjenigen, der gerast ist, weil er durch sein Verhalten ein Unglück hervorgerufen hat. Wenn Bauer Piepenbrink aber breit wie eine Natter mit seinem Lanz die Halbschranke umfährt und von einem planmäßig mit 160 km/h fahrenden RE kassiert wird, ist wohl kaum der rasende Zug dran schuld, egal wie schnell der im Endeffekt fuhr. "Donnernde" "Kohle-Züge" (grusel!) sind ein ähnlicher Fall. Die fahren nicht, die verkehren nicht - nein, die donnern, diese bösen, lauten, sonnenstromfreien Stinkerzüge für die dreckigen Schrottmeiler, die die Frechheit besitzen, an unseren im Verhältnis spottbilligen Grundstücken in unmittelbarer Nachbarschaft zur Bahnstrecke Wilhelmshaven-Oldenburg entlangzu...naja, wahrscheinlich entlangzurasen.

Am Rande: Der gute Mann hat uns noch eine Sache eingebimst. "Schmeißen Sie nicht mit Fachbegriffen um sich, um authentisch und sachkundig zu wirken, wenn Sie sich nicht zweihundertprozentig sicher sind, daß Sie das Richtige meinen. Ansonsten machen Sie sich sofort lächerlich und unglaubwürdig." Daran muß ich eigentlich in jedem Artikel oder Beitrag über die Eisenbahn denken, den Vogel schoß aber mal eine westfälische Lokalzeitung ab, als sie einen ICE3 abhandelte, der mit einem auf dem Bü stehenden PKW zusammenstieß. "Der Triebkopf der Lokomotive entgleiste", hieß es da. Schade, daß er nicht noch aus den Schienen sprang. ;-)

Ich persönlich würde das Ganze also etwas gelassener sehen und nicht bei jeder Verwendung des Wortes wie ein Schachtelteufel aufspringen ;-).

Das fällt mir sehr schwer, vielleicht wegen meiner falchlichen (Halb-)Vorbildung auf diesem Gebiet :-) Wenn "n8express" es nicht gerade angesprochen hätte, wär mir hier irgendwann auch diesbezüglich die Hutschnur geplatzt.

Gruß aus Berlin - der Stadt, in der S-Bahnen zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße mit 40 km/h nicht mit Hindernissen zusammenstoßen, sondern in sie hereinrasen.


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