NL: kalter Krieg zwischen Autofahrer und Bahnfahrer (Allgemeines Forum)
Hallo Jogi,
Dasselbe gilt, wenn der Autofahrer auf die Bahn umsteigt; sie ist meistens langsamer als das Auto.
Ist Fahrzeit produktiv nutzbar (etwa letzte Vorbereitungen der Präsenation, Lernen oder selbst noch etwas schlafen) gibt es natürlich eine Art "magische Grenze", ab welcher die kürzere Autofahrzeit armotisiert wird.
Was nicht produktiv nutzbar ist, wird produktiv nutzbar gemacht, Carkit sei Dank.
Verabredung reden vorbereitet, nachdisktutiert, umgeplant, abgesagt.
Zudem braucht der Autofahrer nicht umzusteigen und braucht er keine Fahrkarte zu stornieren, wenn die Verabredung annulliert wird.
Für mich kommt noch hinzu, dass ich es stressig empfinde, in Großstädten Auto zu fahren.
Das finden meine Kollegen auch. Sie nehmen es aber im Kauf, weil sie vor ihrem Ort keine ÖV-Alternative haben (ja, auch bei uns gibt es reichlich Gegende wo Bus & Bahn nicht kommen). Und warum Zeit und Geld in Fahrkarten investieren, wenn das Auto schon jederzeit da steht?
Würde es aber andererseits heißen, die Autofahrzeit betrüge 25 min, die ÖPNV-Fahrzeit aber je nach Tageszeit 1 bis 1:40 Stunden einschließlich 1 bis 3 maligem Umsteigen, dann ist wohl klar, was die erste Wahl wäre.
Und diese Situation gibt es bei uns reichlich. In der Randstad durfte man relativ gut mit ÖV vorankommen, rundum Eindhoven ist man mit dem Auto schneller, bequemer und billiger unterwegs.
Selber habe ich das Glück, nur 7 Gehminuten vom Bahnhof Eindhoven entfernt zu wohnen und 5 Gehminuten vom Bahnhof Utrecht zu arbeiten. Zwischen beiden Bahnhöfen gibt es 15-Minutentakt mit IC, 82 km, 1 Halt. Dieses Glück hat bei uns aber nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung.
Dein Fazit zeigt ja genau dies: augenscheinlich gilt für dich Reisezeit = Nutzzeit. Im Zug ist diese zweifelsohne höher, erfordert aber:
- generell möglichst wenig Umsteigen nötig [1]
- Ruhe [2]
- meistens einen Tisch als Arbeitsfläche [3]
- evtl. Steckdose. [4]
Zumindest die letzten zwei Punkte treffen selten auf den RV und so gut wie gar nicht auf S-Bahnen zu. So gesehen ist komfortables und somit höher produktives Arbeiten nur im FV oder in der 1. Klasse möglich, kostet also mehr. Alternativ muss der Fahrgast seine Ansprüche in diesen Punkten zurückschrauben oder er kommt eben zu dem Schluss, dass die Bahn nicht die erste Wahl ist.
Zu [1]: das ist bei uns noch etwas schlimmer als in Deutschland. Wir haben weniger Linien (die dafür aber häufiger fahren).
Zudem setzt NS ihre Trumpfkarten auf Korridorfahren, was die Chancen auf eine Direktverbindung weiter reduziert.
Auch ist bei uns die Bahn weniger in der Fläche vertreten; zwischen Eindhoven-Utrecht fährt die Bahn durch Dörfer wie Esch, Hedel, Waardenburg und Schalkwijk; diese hätten in Deutschland eine Haltestelle gehabt.
Zu [2]: Ruhezonen gibt es nur im "IC", nicht in S-Bahnen. Und auch wird manchmal diese Ruhezone nicht respektiert; ein Hinweis dazu wirkt nicht wenn eine Familie mit schreienden Kindern sich dort hinsetzt = "darf es einmalig eine Ausnahme sein? Wir machen 1x pro Jahr mit der Bahn Urlaub".
Zu [3]: auch nur im "IC" und auch nur in den Reihensitzen. Diese gibt es kaum auf dem Oberstock der VIRM-Triebwagen.
Zu [4]: nur im "IC" und nur in der 1. Klasse.
Wo ist Start der Reise? Wie komme ich zum Bahnhof? Liegt der Bahnhof fußläufig von meinem Haus, muss ich Auto fahren - wenn ja wie lange? Ist der ÖPNV überhaupt eine Alternative? Es gibt ja noch genug Orte, wo der Bus morgens, mittags, nachmittags und vielleicht noch einmal abends vorbeischaut.
Alles, was in der Hinsicht nicht passt, macht das Auto attraktiver. Überhaupt fließt da der Wohnortwahl mit rein: wohnt man "draußen im Grünen" oder im Speckgürtel, wohnt man nahe beim Arbeitgeber oder doch viel weiter weg?
So ist es!
Aufgrund der differenzierten beruflichen Anforderungen, können wir uns wohl tagelang Beispiele um die Ohren hauen, bei denen mal die Bahn das bessere Verkehrsmittel ist, mal das Auto, mal eine Kombi (P+R), mal ist beides mit Abstrichen verbunden... Natürlich ließe sich die Liste noch fortsetzen mit allgemeine Punkten, was für, was gegen die Bahnfahrt spricht. Im "Eisenbahnforum" wird auch darüber diskutiert.
Die Kombi funktioniert in Deutschland: Otto Geschätsmann reist von seinem Wohnort mit dem Auto zum Fernbahnhof und steigt dort auf den ICE um, weil der ICE schneller fährt als sein Mercedes und ihn zudem in der Nähe von seinem Büroblock in Frankfurt bringt.
Leider fuinktioniert das nicht für Jan de Zakenman, weil unsere Bahn trotz Autobahnstaus langsamer ist und auch nicht das Komfort der ICEs hat. Vielleicht kann der Fyra Aushilfe bieten, aber nicht wenn der ständig verspätet ist oder ausfällt.
Will man mehr Leute in die Bahn holen, stellt sich ja die Frage, WIE man das machen kann.
Mittels Angebot: vielerorts passt es, vor allem im Fahrplan ist ja einen Stundentakt werktags inzwischen Standard um eine Grundflexibilität zu erreichen. Oft gibt es auch die HVZ-Verstärker, die diese Flexibilität noch erhöhen.
Wichtig ist, dass es den Stundentakt auch wirklich flächendeckend gibt. Nicht nur ICE und RegionalExpress, sondern auch der Regionalbus, und zudem mit optimierten Anschlüssen Bus<->Bahn. Stundentakt macht frustig wenn man beim Umsteigen gerade den Anschluß verpasst.
Alles spielt irgendwie mit rein in die Entscheidung ÖPV oder Auto.
Ein Aspekt, dass bei uns gerne angehoben wird, ist Subvention, gerade in Zusammenhang mit der Finanzkrise. Auf verschiedenen NL-Foren wutet ein kalter Krieg zwischen Autofahrer und Bahnfahrer:
Autofahrer: "Ihr macht unsere Wirtschaft kaputt, und damit auch Eure Wirtschaft!"
Bahnfahrer: "Ihr macht unsere Umwelt kaputt, und damit auch Eure Umwelt!"
Oder:
"Wir Autofahrer befechten autofahrend die böse Finanzkrise, die Ihr Bahnfahrer verursacht hat!
Denn die Bahn muss massiv subventioniert werden, während der Straßenverkehr eigenwirtschaftlich funktionieren kann!"
Im letzten Fall vergessen die Autofahrer allzu gerne, dass der Straßenverkehr nur eigenwirtschaftlich funktionieren kann, wenn die Autofahrer auch die Infra selber finanzieren, z.B. mit einer Benutzungsgebühr. Und gerade die "Kriegsansager" sind vorne dabei um gegen eine Autobahngebühr zu protestieren:
"Wir haben schon genug bezahlt. Spritsteuer, Kfz-Steuer, Straßensteuer! Es wird Zeit, dass wir etwas von unseren Moneten zurückbekommen, und diese 139er-Tempolimit ist schon ein Schritt in der richtigen Richtung. Wir brauchen achtspurige Autobahnen und keine HSL-Zuid! Lass die XXXXX Bahnfahrer doch selber ihre Rennpisten finanzieren! Aber nein, das können die nicht, das sei zu teuer! Das ist schon ein Hinweis, dass keine einzige Bahn eigenwirtschaftlich funktionieren kann und der Zukunft das Auto gehört und nicht die XXXXX Bahn!"
gruß,
Oscar (NL).
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Mit den neuen IC-Triebwagen wird alles besser !!
Trans-Europ-Express 2.0? Abwarten und TEE trinken!
Schienenstränge enden nicht an einer Staatsgrenze, sondern an einem Prellbock.
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- ES: billiger Bahn fahren = Umwelt sparen? -
Oscar (NL),
14.04.2011, 10:22
- ES: billiger Bahn fahren = Umwelt sparen? -
Fernpendler,
14.04.2011, 10:37
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Jogi,
14.04.2011, 12:16
- NL: kalter Krieg zwischen Autofahrer und Bahnfahrer - Oscar (NL), 15.04.2011, 13:11
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Jogi,
14.04.2011, 12:16
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Fernpendler,
14.04.2011, 10:37