ES: billiger Bahn fahren = Umwelt sparen? (Allgemeines Forum)
Hallo,
1. ein Autofahrer stellt Geldtasche vor Umwelt. Zwar spart er mit einer langsameren Fahrt Treibstoff, aber verliert er zugleich Zeit, und Zeit = Geld. Dasselbe gilt, wenn er auf die Bahn umsteigt; sie ist meistens langsamer als das Auto.
da kommt es doch eher darauf, wie man die Zeit nutzen kann. Ist Fahrzeit produktiv nutzbar (etwa letzte Vorbereitungen der Präsenation, Lernen oder selbst noch etwas schlafen) gibt es natürlich eine Art "magische Grenze", ab welcher die kürzere Autofahrzeit armotisiert wird.
Für mich kommt noch hinzu, dass ich es stressig empfinde, in Großstädten Auto zu fahren. Würde es aber andererseits heißen, die Autofahrzeit betrüge 25 min, die ÖPNV-Fahrzeit aber je nach Tageszeit 1 bis 1:40 Stunden einschließlich 1 bis 3 maligem Umsteigen, dann ist wohl klar, was die erste Wahl wäre.
Mag sein. Ich behaupte aber, dass das nicht für Ballungszentren gilt. Stichwort Stau u. stockender Verkehr! Ich denke der Erfahrung halber hier ans Rhein-Main-Gebiet, ans Ruhrgebiet bzw. an Berlin.
Jein, wer regelmäßig solch überlastete Strecken mit dem Auto fährt, lernt recht schnell einschätzen, wie hoch das Stauaufkommen wann ist, wie lange es länger dauert und die Fahrzeit entsprechend zu kalkulieren.
Natürlich kann dann immer noch etwas Unvorhergesehenes passieren (Unfall -> Vollsperrung als krassestes Beispiel), was aber eher die Ausnahme als die Regel darstellt; kann aber auch bei der Bahn passieren (Signalstörung Polizeieinsatz...).
Das Faktum, dass sich die Fahrzeit mit dem Auto teils sehr stark in der HVZ verlängert, bleibt natürlich richtig.
Ich sehe das etwas differenzierter. Im Auto muß ich stumpf auf die Fahrbahn schauen und kann nichts anderes dabei machen. Im Zug kann ich ggf. arbeiten, meine Gedanken ordnen und mich auf den nächsten Termin vorbereiten. DAS finde ich entspannender, als im Auto von A nach B zu hetzen.
Um es "differenzierter" zu betrachten, sollte IMO klar sein, dass jeder Pendler, jeder potentielle Fahrgast individuelle Bedürfnisse an das Verkehrsmittel richtet, um sein Verkehrsbedürfnis zu befriedigen. Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch, dass beim Massenverkehrsmittel Bahn jeder Abstriche vornehmen muss, da die eigenen Ansprüche nicht immer zu 100 Prozent erfüllt werden können. Darasu wiederum folgt, dass das Bahnagebot so gut sein muss um diese Abstriche möglichst gering zu halten.
Mein Fazit: Bahn muß nicht unbedingt unwirtschaftlicher sein, als Auto. Im Gegenteil.
Dein Fazit zeigt ja genau dies: augenscheinlich gilt für dich Reisezeit = Nutzzeit. Im Zug ist diese zweifelsohne höher, erfordert aber:
- generell möglichst wenig Umsteigen nötig
- Ruhe
- meistens einen Tisch als Arbeitsfläche
- evtl. Steckdose.
Zumindest die letzten zwei Punkte treffen selten auf den RV und so gut wie gar nicht auf S-Bahnen zu. So gesehen ist komfortables und somit höher produktives Arbeiten nur im FV oder in der 1. Klasse möglich, kostet also mehr. Alternativ muss der Fahrgast seine Ansprüche in diesen Punkten zurückschrauben oder er kommt eben zu dem Schluss, dass die Bahn nicht die erste Wahl ist.
Philosophieren wir noch etwas über andere Punkte.
Wo ist Start der Reise? Wie komme ich zum Bahnhof? Liegt der Bahnhof fußläufig von meinem Haus, muss ich Auto fahren - wenn ja wie lange? Ist der ÖPNV überhauot eine Alternative? Es gibt ja noch genug Orte, wo der Bus morgens, mittags, nachmittags und vielleicht noch einmal abends vorbeischaut.
Alles, was in der Hinsicht nicht passt, macht das Auto attraktiver. Überhaupt fließt da der Wohnortwahl mit rein: wohnt man "draußen im Grünen" oder im Speckgürtel, wohnt man nahe beim Arbeitgeber oder doch viel weiter weg?
Was ist das Ziel der Fahrt? Es gibt noch mehr als genug Berufe, die an einem Ort stattfinden. Muss ich aber an einem Tag verschiedene Ziele erreichen (Kunden besuchen), ist der Zug/der ÖPNV allenfalls in Großstädten eine Alternative. Für einen solchen Kundenkreis kann die bahn schon systembedingt keine wirkliche Alternative sein. Wenn doch, dass ist das ein glücklicher Einzelfall.
Ob man im Zug überhaupt arbeiten kann, hängt dann noch vom Berufsbild ab. Ist das nicht gegeben, spricht für die Bahn nur noch der Fakt, dass es wesentlich weniger Stress bedeutet. Dann muss aber auch die Zuverlässigkeit des Verkehrsmittels stimmen. Das ist bei der Bahn vielerorts noch ausbaufähig.
Lange Rede, kurzer Sinn: aufgrund der differenzierten beruflichen Anforderungen, können wir uns wohl tagelang Beispiele um die Ohren hauen, bei denen mal die Bahn das bessere Verkehrsmittel ist, mal das Auto, mal eine Kombi (P+R), mal ist beides mit Abstrichen verbunden... Natürlich ließe sich die Liste noch fortsetzen mit allgemeine Punkten, was für, was gegen die Bahnfahrt spricht. Im "Eisenbahnforum" wird auch darüber diskutiert.
Will man mehr Leute in die Bahn holen, stellt sich ja die Frage, WIE man das machen kann.
Mittels Angebot: vielerorts passt es, vor allem im Fahrplan ist ja einen Stundentakt werktags inzwischen Standard um eine Grundflexibilität zu erreichen. Oft gibt es auch die HVZ-Verstärker, die diese Flexibilität noch erhöhen.
Die Planbar- und Zuverlässigkeit spiegelt auch eigene, somit subjektive Wünsche wider. Fährt man selber Auto, hat man das Gefühl, es "selber in der Hand zu haben", wann/wie/wohin/welchen Weg man fährt. Selbst wenn man im Stau steht, hat man die Möglichkeit, auf jemand anderen zu schimpfen und zumindest potentiell selber die Möglichkeit, irgendwie zu agieren.
Steht der Zug dagegen (aus welchen Gründen auch immer9, ist man der Lage ausgeliefert. Die Bahn selber kann nur mit technischer Zuverlässigkeit punkten. Zumindest im RV klappt es IMO recht ordentlich. Frei nach dem Motto Bad New is good News wird jeder Zwischenfall weiter erzählt, die anderen pünktlichen Fahrten aber fallen gelassen - zumal "die Bahn" als konkreter Schuldiger greifbar ist.
Schließlich, um die threadtitelgebende Frage einzubauen, spielt der Preis eine wichtige Rolle. Über den Fehler, dem Bahnpreis nur die Spritkosten gegenüberzustellen, wurde schon oft geschrieben. Dann tut noch Preis der Jahreskarte sein übriges, während die Autokosten, stetig in kleineren Summen anfallen.
Allgemein ist natürlich nachvollziehbar: günstiger Preis = mehr Kunden entscheiden sich für den Zug (das Lidl-Ticket lässt grüßen). Ob das günstiger für die Umwelt ist, hängt wieder von der Definitionsgrundlage (Churchill lässt grüßen ;). Das aber jede entfallene Autofahrt bzw. jeder Fahrer, der dann im Zug sitzt, die Ökobilanz des Zuges und somit auch die eigene Ökobilanz verbessert, ist wohl unbestritten. Müsste dann aber ein weiterer Zug eingesetzt werden, müsste genauer untersucht werden, ob man sich in diesem Punkt noch immer über dem schwarzen Strich befindet.
Alles spielt irgendwie mit rein in die Entscheidung ÖPV oder Auto. Für mich persönlich sind Bahn und Bus immer erste Wahl (eben wegen dem Stress vom Auto fahren), aber wenn ich eben regelmäßig 2x täglich 1:40 Stunden zu weniger als einer halben Stunde Autofahrt abwäge, da wiegt der große Zeitgwinn für mich mehr als der Stress.
Grüße
Jogi
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Oscar (NL),
14.04.2011, 10:22
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Fernpendler,
14.04.2011, 10:37
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14.04.2011, 12:16
- NL: kalter Krieg zwischen Autofahrer und Bahnfahrer - Oscar (NL), 15.04.2011, 13:11
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