Kap. 2/5: Gegensätzliche Städte & Welten [MD][RO] (Reiseberichte)

Krümelmonster, München, Samstag, 11.04.2020, 11:19 (vor 2175 Tagen) @ Krümelmonster

Bevor es ins nächste Land weitergeht, gehe ich kurz auf die Gemeinsamkeit der beiden ein: die Sprache. Die Amtssprache von Moldawien heißt inzwischen wieder offiziell Rumänisch (weitere Amtssprache ist übrigens Russisch). Früher hieß sie Moldawisch und wurde mit kyrillischen Buchstaben geschrieben. Beides hat sich in Transnistrien bis heute nicht geändert (auch dort ist Moldawisch – natürlich nach Russisch und auch Ukrainisch – Amtssprache). Es gibt einige kleine, historisch bedingte Unterschiede zwischen der rumänischen Sprache in Rumänien und der in Moldawien – ähnlich wie eben zwischen Deutschland und Österreich.
Mir fällt es halbwegs leicht, Rumänisch zu lesen. Schriftlich ist die Ähnlichkeit zu Italienisch auf jeden Fall erkennbar. Alle sagten mir, auch gesprochenes Rumänisch sei leicht zu verstehen. Allerdings habe ich das selbst nach mehreren Tagen in Moldawien & Rumänien nicht geschafft, allenfalls einzelne Worte… -.- In Chișinău kommt man mit Englisch überhaupt nicht weit. Russisch ist hingegen sehr verbreitet, selbst bei den Jungen. Ca. 20 % der Einwohner von Chișinău sind Russisch-Muttersprachler. In Rumänien war es mit Englisch zwar nicht leicht, aber freilich etwas besser. ;-) Zu meiner Überraschung kam ich in Rumänien mit Französisch oder Italienisch nicht viel weiter als mit Englisch in Chișinău.

Sowohl im Bahnhofsgebäude von Chișinău als auch auf den Bahnsteigen lief ziemlich laut alte Musik auf Rumänisch... Alle Beschilderungen waren dreisprachig (RO, RU, EN), die Ansagen allerdings nur auf Rumänisch. Anders als in Transnistrien war hier das Fotografieren verboten.^^ Tickets von Chișinău nach Bukarest oder zurück können bei der Moldawischen Bahn sogar online gebucht werden, allerdings nur auf Rumänisch oder Russisch.^^ Mein dort gekauftes Online-Ticket hatte keinerlei QR-Codes o ä. Ich fragte extra nochmal nach (dabei wurde ich sogar für mein Russisch gelobt :D), ob ich das Ticket irgendwie registrieren müsse, aber es war ok so.^^ Eine Vorausbuchung ist aber kaum nötig, denn die Züge zwischen den beiden Hauptstädten sind wohl stets extrem schlecht ausgelastet. In meinem Fall waren genau vier weitere Reisende in meinem Wagen, mindestens einer von ihnen war Franzose. Kein Wunder, per Bus dauert die Fahrt ca. acht Stunden, der Zug braucht aber 13 h. Zudem hat der Zug recht unschöne Fahrzeiten: Richtung Westen Abfahrt bereits am Nachmittag und Ankunft morgens um sechs, Richtung Osten Grenzkontrolle & Umspurung zu einer Zeit, die man kaum „morgens“ nennen kann.^^
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128 Der Bahnhof ist wohl eines der schönsten Gebäude von Chișinău
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129 – 130 Blick über den Hausbahnsteig
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131 Die Tür heißt den Reisenden Willkommen
Das Monster meines Zuges war schon zu hören, bevor es zu sehen war – und zwar im Stehen! Als es anrückte, präsentierte es seine originale СССР-Aufschrift und den Roten Stern. Der erste Moldawier, dem ich begegnete, der kein Russisch konnte, war ausgerechnet der Provodnik für die lange Fahrt nach Bukarest. Blöderweise konnte er auch kein Englisch, Französisch, Italienisch oder Deutsch, danach gab ich’s auf. :D Trotz seines jungen Alters (ca. Ende 20) war er eher von der alten Schule und weniger kooperativ.^^ Mein Online-Ticket prüfte er per Sichtkontrolle, selbst die Seriennummer, das einzige, was man als Sicherheitskennzeichen bezeichnen könnte, glich er nicht ab.^^ Ich bezog mein Quartier im ersten Wagen hinter dem Monster und, schlimmer noch, genau über den Radsätzen... -.- Bereits kurz vor fünf Uhr nachmittags verließ der Zug pünktlich die moldawische Hauptstadt. Anfangs freute ich mich über mein Einzelabteil, später wurde das aber mächtig gewaltig langweilig, zumal ich mir für den einen Tag nicht extra eine moldawische SIM-Karte zugelegt hatte.^^ Solange der Zug fuhr, gab es wenigstens halbwegs interessante Hügellandschaft zu gucken.
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132 Der Dino brachte altes Zeug. Der grüne Platzkartnyj wurde kurz nach Bereitstellung vom Dino wieder weggefahren.^^
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133 Dampflok vor Shopping-Center & Hotelklotz
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134 Mein Domizil
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135 Der Gang
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136 Die CFM besitzt offenbar 403er. Oder sind es gar 406er? :-s
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137 Vermutlich etwas weniger schnell ist dieses Monster
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138 Der Fahrplan
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139 – 140 Szenen aus dem ländlichen Moldawien
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141 Gegenzug
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142 – 143 Leerer Zug in leerer Landschaft
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144 Hier hat es sich jemand häuslich eingerichtet :-/
Nach gut 2 h Fahrt ohne Halt wurde der Grenzbahnhof Ungheni mit + 6 erreicht. Immer noch kein rumänisches Netz, verdammt!^^ Das sowjetische Monster legte sich zur Ruh. Der moldawische Zoll kam durch und prüfte, ob jeder einen Pass dabei hatte, machte aber noch nichts damit. Danach kam eine ältere Frau durch. Erst dachte ich, sie will irgendwas verkaufen, ich konnte sie aber partout nicht verstehen. „Nu înțeleg“. Irgendwann habe ich gerafft, dass sie tatsächlich versuchte Englisch zu sprechen: „I'm doctor. Khow are you!?” – „Ah! I'm fine!” – „Ok”, sie geht weg. Ich musste erstmal urst husten.^^ Mittlerweile hatte der örtliche Rangierhobel die Macht übernommen, 10 min nach Ankunft zog er uns aus dem Bahnhof raus und in die Umspuranlage. Da die sechs Wagen offenbar zu viele sind, wurden wir in zwei Reihen in die Umspuranlage gestellt. Ein Typ kam wortlos in mein Abteil, nahm eine Bodenplatte heraus und zog drei Metallstangen nach oben, die er einfach auf den Abteilboden legte. Wortlos verließ er das Abteil wieder. Ich dachte ja auch, Platz 5X wäre in der Wagenmitte und nicht direkt über den Drehgestellen. Das Prozedere der Umspurung der anderen Wagen war ziemlich laut. Schön, dass das ganze in Gegenrichtung zwischen 5:02 Uhr und 7:16 Uhr passiert…^^ In meinem Fall passierte es zwischen 19:02 & 20:45 Uhr (warum geht’s Richtung Westen eigentlich eine halbe Stunde schneller?), was im September aber auch eher halbgeil ist, denn natürlich wurden die Wagen nicht mit Strom versorgt und es wurde dunkel. Und ich musste höllisch aufpassen, dass ich weder auf die Stangen trat noch irgendwas durch das Loch im Abteilboden fallen ließ.^^ Noch schlimmer als der Lärm und die Dunkelheit war aber die Langeweile.^^ Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der Loch-Stangen-Mensch wieder, packte stumm die drei Stangen ins Loch und verschloss es. Hmm, es wäre wohl aufgefallen, wenn eine Stange gefehlt hätte.^^ Bald waren wir wieder unten und auf Normalspur. Aber immer noch 50 min bis zur Abfahrt nach Rumänien. -.-
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145 Bahnhofsgebäude von Ungheni, davor liegen ein paar Drehgestelle
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146 Mit diesen Teilen werden die Wagen angehoben
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147 Hier im Detail
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148 Warten…
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149 Sorry, aber ich habe da gerade eine ganz dumme Idee… :-/
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150 – 152 Tausch der Drehgestelle
Osteuropäer sind bekanntlich nicht zimperlich: Nach der Umspurung ist die Lok so "sanft" angedockt, dass mein ganzer Rucksack umgefallen und vom Bett gefallen ist. Dann kam der Zoll nochmal durch. Mit meinem Einreisestempel hatte der Mensch keinerlei Problem... Er hat bloß nachgefragt, ob das auf dem Bild wirklich ich bin – das Bild war ein Jahr alt. :D Super, jetzt hatte ich 199 Moldawische Lei übrig. Und glaubt mir, ich habe noch bei einer Währung so lange gebraucht, bis ich sie endlich zurückgetaucht hatte (ausgerechnet in Rumänien habe ich’s halt nicht probiert^^). :D Ab Ungheni kam vorn ein rumänischer Sitzwagen bis Iași (nicht weit von der Grenze) dazu. Kurz vor halb neun stand unser Zug umgespurt und abfahrbereit am Bahnsteig, der Rumänendiesel vorn dran war auch schon aktiv. Aber die Abfahrtszeit war erst 20:48 Uhr. Ich dachte ja, man kann aussteigen, habe aber sofort Mecker vom Provodnik bekommen, der vorbildlich selbst draußen stand und mit dem Bahnhofspersonal quatschte.^^ Andere Provodniks waren weniger aggressiv, aus anderen Wagen sind Leute ausgestiegen.^^ Mit – 20 hatten wir die Umspuranlage verlassen, mit + 3 verließen wir den Grenzbahnhof. Kurz vor der Grenzbrücke stoppte der Rumänendiesel nochmal, um dramatisch zu hupen. Meine Fresse…
Am rumänischen Grenzbahnhof Ungheni Prut (Prut ist auch der Name des Grenzflusses) hatte der Zug nochmal planmäßig 54 min Aufenthalt. -.- Wenigstens gab es endlich LTE! :D Während der Wartezeit waren aus dem leeren Nachbarabteil regelrecht Geräusche der Zerstörung hörbar. Ich dachte, da nimmt einer das Abteil komplett auseinander. Dem war auch so. Es war der Zoll, er hat's danach wieder auch zusammen gebaut. ;-) Der rumänische Zoll-Beamte war froh, mal ein paar Worte Deutsch mit mir sprechen zu können: „Haben Sie Drogen dabei? Oder Waffen? ;-)“ – „Nein nein.“. Er: „Ah, nicht heute ;-)“ Eine halbe bis Dreiviertelstunde nach Abfahrt am rumänischen Grenzbahnhof wurde Iași erreicht, die viertgrößte Stadt Rumäniens. Hier waren planmäßig nochmal gut 20 min Aufenthalt. Während der Zeit wurde auf einen zeitgemäßen Antrieb gewechselt und es kamen zwei Sitzwagen nach Bukarest dazu. Das Personal der moldawischen Schlafwagen wurde leider nicht gewechselt.^^
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153 Rumänischer Zug & ein Schatten meiner selbst
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154 Ich & mein Holz. Äh, Zug!
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155 Da kommen die Sitzwagen
In den letzten knapp sechs Stunden hatten wir sagenhafte 131,1 km zurückgelegt. In den nächsten siebeneinhalb Stunden bis Bukarest würden es immerhin 462 km sein. :D

Da ich mit Kopfhören und Musik schlief, hatte ich meinen Wecker überhört. Ich wachte kurz nach sechs auf, als der dicke, äußerst schlecht gelaunte Provodnik an die Abteiltür hämmerte, und machte auf. Er fauchte mich auf Rumänisch an: „Ey, du Dumpfbacke, jetzt musst du wirklich aufstehen, sonst mach ich dir sowas von Probleme, das schwör ich dir! Wir sind gleich in Bukarest!“. Also anhand seiner Mimik vermutete ich, dass er das sagte, verstanden habe ich nur das letzte Wort București (spricht sich ungefähr wie Buckureschtj, Betonung auf der dritten Silbe). Hastig packte ich meinen Krempel zusammen. Um 6:10 Uhr erreichte der Zug mit + 3 Bukarest, erst ein paar min danach hatte ich alles und verließ den Zug. Ob dieser wunderschönen Zeit bin ich regelrecht aus dem Zug gefallen, der Abstand von der letzten Stufe zum „Bahnsteig“ (nein, ich nenne es lieber Boden) war irgendwie größer als gedacht.^^
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156 Der Profilunterschied ist „minimal“ erkennbar
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157 Ein anderer Zug
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158 So sehen Fensterscheiben in der Ecke öfter mal aus… :-/
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159 Werbung der privaten Konkurrenz, es gibt sogar Liegewagen
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160 Besagte Konkurrenz schickt Rosti ins Rennen (unter dem rechten Scheinwerfer), rechts daneben noch mein Zug aus Moldawien

Am Vortag war Luxi direkt aus Deutschland angereist. Abgrundtief böse, wie ich doch bin, ging ich ihn erstmal wecken. ;-)

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Was Du suchst, ist in Dir. Ansonsten ist es im Kühlschrank. Oder in der Kekspackung. :)

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