Fortsetzung (Reiseberichte)

ICE 1517, Sonntag, 13.01.2019, 13:08 (vor 2628 Tagen) @ ICE 1517

Langsam glaube ich an höhere Mächte, die meine Fahrt nach Göteborg verhindern wollen. Was soll nach den Schwierigkeiten bei der Buchung, den Verspätungen der Berlin-ICEs und der geklauten Kasse noch kommen? Rammen wir bei der Fährüberfahrt nach Dänemark einen Eisberg? Stürzt zwischen Kopenhagen und Malmö die Öresundbrücke ein?

Ich bin nun mittlerweile über 11 Stunden unterwegs, habe gerade mal 550km zurückgelegt und kurz nach 7 Uhr morgens geht es auf die Fähre zwischen Puttgarden und Rødby. Zur Beruhigung: Die Fähre hat keinen Eisberg gerammt, tatsächlich ist die Fährüberfahrt das erste echte Highlight meiner Reise.

[image]
Eine leichte, kühle Brise und die Aussicht auf nichts als Meer zaubern trotz absolutem Schlafentzug ein Lächeln in mein Gesicht. Der nächste Glücksmoment, als wir Kopenhagen zeitlich so günstig erreichen, dass ein schlanker Anschluss an den Zug nach Göteborg entsteht.

[image]
Mein nächster, fahrbarer Untersatz steht schon bereit: Es geht mit dem Öresundståg (Öresundzug) direkt weiter nach Göteborg. Der Öresundzug wurde im Jahr 2000 mit der Eröffnung der Öresundbrücke zwischen Kopenhagen und Malmö eingeführt und ist eine grenzüberschreitende Verbindung von Dänemark bis tief nach Schweden hinein.


[image]
Die gewaltigen Ausmaße der fast 8km langen Öresundbrücke lassen sich bei der Überfahrt nur erahnen. Klarer ist jedoch die große, völkerverbindende Aufgabe dieses Bauwerks, das im 20-Minuten-Takt oder noch öfter befahren wird – für unsere Verhältnisse definitiv nichts Alltägliches im grenzüberschreitenden Verkehr.



[image]
Um 14:05 Uhr fahren wir in Göteborg Central ein. Ich weiß, wo mein Hotel ist, welche Linien dorthin fahren, aber ich weiß nicht, wo ich ein Ticket kaufen kann. Tatsächlich finde ich lange keinen Ticketautomaten, aber nach einiger Suche einen Ticketschalter. Man bekommt eine „Scheckkarte“ als Ticket, die man nach dem Einsteigen an ein Entwertungsterminal hält. Mit dem Bus fahre ich zum Hotel und probiere das aus – irgendwas sagt mir das Entwertungsterminal, aber ich verstehe kein Wort. Noch weniger verstehe ich von den Haltestellenansagen im Bus. Geschrieben kommt einem Schwedisch doch ein wenig vertraut vor, gesprochen überfordert es mich völlig. Um den Schwierigkeitsgrad zu steigern, ist die Anzeigetafel mit den nächsten Haltestellen defekt.

Mit ein wenig Glück steige ich trotzdem an der richtigen Haltestelle aus und finde zum Hotel. Wenig später mache ich mich auf den Weg zum Stadion. An der Bushaltestelle werde ich von einem schwedischen Jungen angeschaut, als käme ich von einem anderen Stern – ich habe mein RB-Trikot schon an. Ansonsten überrascht mich aber, wie wenig Leute zum Stadion fahren. In Leipzig platzen eine Stunde vor dem Spiel die Straßenbahnen aus allen Nähten, hier sind gerade mal 3 Personen im Bus zum Stadion.

Heute ist Europa League Qualifikation, das Rückspiel zwischen BK Häcken und RB Leipzig. Die Ausgangsbasis aus dem Hinspiel war gut, dort ging es 4:0 für Leipzig aus. Sonderlich viel Bedeutung hatte das heutige Spiel damit eigentlich nicht mehr.


[image]

[image]
Dafür ist es definitiv mal was anderes, in einem so kleinen Stadion zu Gast zu sein und so nah dran zu sein. Die Nähe lässt sich besonders spüren, als die Mannschaft beim Aufwärmen noch einige, kraftvolle Schüsse aufs Tor abgibt – da sind auch Torhüterreflexe im Publikum gefragt. Das Spiel an sich ist vielleicht weniger sehenswert, die Stimmung aber ausgelassen gut. Man kommt leicht ins Gespräch und jeder hatte so seinen eigenen Weg und Grund, nach Göteborg zu reisen. Einen Wegbegleiter vom Vorabend treffe ich wieder und bin erstaunt über die Großzügigkeit der Bahn: Ihm wurde eine Taxifahrt von Hamburg nach Kopenhagen spendiert.

Unter der strahlenden Abendsonne endet das Spiel mit einem 1:1, die besondere Atmosphäre dieses Spiels war die Strapazen der Reise definitiv wert.

Auch einen Tag später bin ich noch halb auf Schlafentzug, aber die Zeit will trotzdem für Göteborg genutzt werden. Mein Streifzug beginnt wieder mit dem örtlichen Nahverkehr, zu dem in Göteborg auch Fähren gehören:


[image]

[image]

[image]

[image]
Mein Rundgang führt mich auch in den touristischen Teil des Hafens, dort gibt’s historische Schiffe zu entdecken.

[image]
Der nächste Weg führt mich auf den Skanskaskrapan, von oben bietet sich diese Aussicht auf Göteborg:

[image]
Zugegeben: Der Ausblick könnte schöner sein. Fasziniert hat mich, wie wenig Verkehr eigentlich in den zentralen Gebieten der Stadt unterwegs ist. Die Schweden hat man an diesem Freitag Nachmittag auch eher in den zahlreichen Parkanlagen angetroffen.


[image]
Die modernen Busse in Göteborg halten für die Fahrgäste auch USB-Steckdosen bereit, man kann aber auch den kompletten Kontrast mit der historischen Straßenbahn erleben.

[image]
Meine Zeit in Göteborg war viel zu kurz. Zu empfehlen wäre eigentlich auch noch ein Besuch der Inseln vor der Stadt, eine Portion Köttbullar und eine Sightseeing-Tour per Boot. Am frühen Samstag Morgen ging es jedoch schon zurück. Den X2000 (links im Bild) darf ich nur von außen anschauen, ich darf wieder den Öresundzug direkt gegenüber nutzen.

[image]
Die Sitze im Öresundzug sind einladend und bequem.

[image]
Eine Stunde Aufenthalt in Kopenhagen, danach geht’s im EuroCity über Puttgarden weiter nach Hamburg.

[image]
Bequem ist es, allerdings ist der Zug gut besucht. Zwei Mitreisende an meinem Tisch tauschen sich darüber aus, wie viel Knoblauch sie ins Essen in ihrer Tupperdose gemischt hat: „Eine Knolle.“ Blankes Entsetzen macht sich in meinen Augen breit.

[image]
Ein Blick zurück auf den EC, hier am Hamburger Hauptbahnhof. Den letzten Abschnitt nach Hause bestreite ich mit meinem „Paten“-ICE 1517. Pünktlich komme ich in Leipzig an. Während die Hinfahrt mit allen Verspätungen noch 18 Stunden dauerte, ging’s mit nur 13 Stunden wesentlich schneller zurück.

Einmal Göteborg und zurück in nur 72 Stunden. Verrückter Anlass, verrückte Reise, aber die Erlebnisse waren’s wert und ich hoffe, es gibt irgendwann ein Wiedersehen.


Ein Wiedersehen haben wir hoffentlich auch, wenn Interesse besteht. Das Jahr ginge noch weiter mit einer Unwetterwarnung für Frankfurt am Main, Schienenersatzverkehr nach Augsburg, der ersten Flixbus-Fahrt bei meinem Berlin-Trip, einem Käfigaufenthalt in Wolfsburg, dem Sonderzug nach Salzburg und „Stille Nacht, Heilige Nacht“ in München.

An dieser Stelle allen noch einen schönen Sonntag und viele Grüße aus Leipzig


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum