Die größte Leistung der Privatisierung (Allgemeines Forum)

GUM, Mittwoch, 18.06.2014, 09:39 (vor 4309 Tagen) @ Ösi
bearbeitet von GUM, Mittwoch, 18.06.2014, 09:43

Weiß jemand, wie viel Personen in äquivalenten Posten zu Bundes- und Reichsbahnzeiten verdient haben?

Vielen Dank für Deine beiden kurzen und in der Tat sehr heftigen Beiträge.

Eine der größten Leistungen der Privatisierung ist die Schaffung neuer Einkommensperspektiven für diejenigen, die sich für die Führungskräfte halten. Die frühere Bezahlung bei der Deutschen Bundesbahn richtete sich nach der klassischen Tariftabelle im öffentlichen Dienst.

Einen interessanten Link gibt es hier:
http://norm.bverwg.de/jur.php?elv,5

Allerdings ist die Anzahl der Personen und die Einkommenshöhe nicht direkt vergleichbar. Die ehemaligen Bundesbahndirektionen waren als Behörde organisiert und der jeweilige Behördenleiter der Tarifgruppe des Tarifvertrages zugeordnet.

Du kannst guten Gewissens davon ausgehen, dass die Schiefe der Einkommensverteilung geringer war. Ergo: Alle Mitarbeiter haben weniger verdient als der Bundeskanzler (um den Vergleich eines anderen Beitrags heranzuziehen). Das Unternehmen war sehr lange Jahre an der Produktqualität und den "produzierten" Zugkilometern orientiert.

Im Rahmen der Privatisierung setzte sich die Einkommensschere in beide Richtungen in Bewegung: Die hohe Zahl der wirklich arbeitenden Menschen und mit Beamtenpensionen ausgestatteten Positionen wurde erheblich abgebaut. So sind die normalen Rentenansprüche der heutigen Lokführer mit "früher" nicht mehr vergleichbar.

Hier ist also jede Menge Kaufkraft verloren gegangen. In der auch von einem kleinen, unbedeutenden Verlag in Gütersloh benutzten Terminologie nennt sich das dann "Erhöhung der Wettbewersbfähigkeit".

Am oberen Ende der Einkommensskala wurden einige Spitzenpositionen geschaffen - wie der von Dir angegebene Bahnvorstand - die mit exorbitanten Summen nach Hause gehen. Insbesondere deshalb weil die Bahn auch heute noch ein staatliches Unternehmen ist und enorme Infrastukturzuschüsse bekommt.

Ösi schrieb: "Grube ist bei etwa 1,6 Millionen, der Rest zwischen 1,0 und 1,1 Millionen."

Einen Bundesbahndirektor, der für eine ganze Region verantwortlich war (also vergleichbar einem Geschäftsleiter bei DB Regio) würde mit der Besoldungstabelle A 16 mit so knapp über 5.000 Euro Monatsbrutto und ein paar Zulagen vergütet werden.


Die Terminologie des Verlages geht aber noch weiter: Ständig werden Privatisierung, Effizienzsteigerung und eine gute Ausstattung der "Leistungsträger" propagiert. Nur so könne die Bahn die besten Mitarbeiter bekommen. Ohne die hohen Spitzenvergütungen würden Leute á la Grube in andere Unternehmen gehen und die Bahn würde nicht das bestmögliche Management bekommen.

Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist das derzeitige Management es aber nicht wert, weil außer einem Zusammenschieben der Sitze und weiteren Sparorgien keine echten Management-Tätigkeiten ausgeübt oder Innovationen in Angriff genommen werden.

Bei dem exorbitanten Gehalt insbesondere eines Personenverkehrsvorstandes erwarte ich zumindest einen am Vorstand angehängten Ideenzug, den das Büro des Vorstandes persönlich betreut. Und der die Zukunft des Reisens in allen Facetten präsentiert um höhere Einnahmen zu generieren.

Um die hohen Ausstattungen der Vorstände zu rechtfertigen werden dann Geschichtenerzähler engagiert, die sich gegenseitig die Bälle zuspielen. In bester angelsächischer Tradition wird dann kommuniziert, warum es allen besser geht, wenn die Menschen weniger haben.

So darf Liz Mohn, Eigentümerin dieses unbedeutenden Verlags aus Gütersloh, in der Papier- und Online Ausgabe von DB Mobil auftreten:

http://mobil.deutschebahn.com/leben/wir-wollen-impulsgeber-sein/
(Seite 61)

Im Gegenzug tritt dann Rüdiger Grube im "Change Magazin" der Bertelsmann Stiftung auf, um die Menschen auf Linie zu bringen:

http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-629280E6-A48465F1/bst/xcms_bst_dms_...

HIer propagiert er eine enorme Ausweitung des Arbeitskräftepotenzials, um die schädlichen Lohnforderungen der Menschen durch ein Überangebot an Arbeitskräften zu begrenzen. Insofern ist eine der größten Leistungen bei der Bahn-Privatisierung eine komplette Verwandlung des Bildes des Bahn Managements in der Öffentlichkeit.

Von einem uhrwerkartigen Staatsbetrieb verwandelt sich das Unternehmen - von Politik und Wählern gewünscht - in eine PR Maschine für Veränderungen und "Change Management".

Dabei darf die stabilisierende Wirkung der Bahn auf die anderen Verkehrsträger nicht unterschätzt werden. Je schlechter die Bahn ist, desto besser geht es anderen Verkehrsträgern. Deshalb ist es absolut unverständlich, warum keine echten Eisenbahner diese Führungsposition innehaben.

Kurz und gut: Die Gehälter in den Führungspositionen und deren gesellschaftliche Außenwirkung haben sich vervielfacht.

Erstaunlich aber wahr ist, dass einer der letzten Züge die das frühere Bundesbahnzentralamt mitentwickelt hat (ICE 1) in der Ursprungsversion vor Redesign ein unglaubliches Komfortniveau anbot.

Danach hielt ein sehr kurzfristiges Denken Einzug, was sich an Quartalsgewinnen orientiert und letztendlich mehr Werte vernichtet denn generiert. Man denke nur an die Millioneninvestitionen und Betriebskosten, die alleine das neue Preissystem PEP verursacht.

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