Unterwegs zwischen Adria und Nordsee (3/4 m. 49 Bildern) (Reiseberichte)
Hallo zusammen,
Teil 2 des Reiseberichts haben wir in Villach beendet, nach zwei Tagen in Italien geht es nun in den Norden.
![[image]](http://www.bahnreiseberichte.de/039-Vindobona/39-Karte.jpg)
Tag 3: Villach - Hamburg
Am frühen Morgen machen wir uns mit leerem Magen auf zum Bahnhof, um 5.26 Uhr fährt unser Zug. So früh gibt es weder im Hotel ein Frühstück noch hat ein Bäcker geöffnet. Und bevor sich nun jemand wundert, warum der Bahnhof von Villach in der Sonne liegt, während zwei Bilder später wieder Dunkelheit herrscht: das Bild vom Bahnhof entstand schon gestern Abend, aber „dramaturgisch“ passt es hier besser in den Reisebericht.
Und hier steht er nun, der EC 172 „Vindobona“. Seit dem Jahr 1957 gibt es den Zuglauf von Wien über Prag und Dresden nach Berlin. Vindobona ist übrigens die lateinische Bezeichnung von Wien. Später wurde der Laufweg nach Hamburg verlängert und seit dem Fahrplanwechsel 2009 fährt der Zug sogar ab Villach. Der Zug ist damit nicht nur historisch gesehen ein Klassiker, sondern hat mit 1.459 Kilometern auch einen beachtlichen Laufweg.
Ich muss zugeben, vor der Fahrt habe ich etwas Respekt. 16 Stunden und 22 Minuten in einem durchgehenden Zug habe ich mir noch nie zugemutet. Und ich habe bei der Planung wirklich gehadert, ob ich nicht irgendwo einen Zwischenstopp einlegen soll. Aber andererseits war da doch der Ehrgeiz, mal mit solch einem klassischen Langläufer durch Europa zu fahren - solange solche Erlebnisse noch möglich sind.
Nach der Erfahrung mit dem defekten Speisewagen vor zwei Tagen auf der Brennerstrecke ist die Skepsis wieder gewachsen; denn eigentlich habe ich heute voll auf die Zuggastronomie gesetzt. Gut Wasser haben wir genügend dabei, aber unser Proviant beschränkt sich auf eine Packung Kekse (ich kann übrigens als Notration Prinzenrolle empfehlen, kompakte Verpackung, passt gut zwischen Flaschen im Gepäck, ersetzt mit 400 Gramm eine Mahlzeit, gibt keine klebrigen Finger und selbst nach einer Woche bei Hitze im Rucksack sind höchstens der oberste und der unterste Keks zerbröselt – aber ich glaube ich habe zu viele Horrorgeschichten gelesen, dass Reisende irgendwo 4 Stunden im Zug festsaßen und schweife jetzt zu sehr ab).
Aber die Sorge ist unbegründet, der Speisewagen ist dabei und wird auch hier in Villach gerade bestückt.
Wir beziehen nun ein Businessabteil. Wer das Businessabteil übrigens bei der DB reservieren will, sollte das Zauberwort "Managerabteil" kennen, denn so heißt das Abteil bei der DB. Bei der Buchung im Reisezentrum war die erste Aussage, dass der Zug kein Businessabteil habe, bis der Mitarbeiter dann nach einiger Suche auf das „Managerabteil“ gestoßen war.
Jetzt geht es aber erst mal zum Frühstück in das Bordrestaurant. Der EC Vindobona besteht komplett aus ÖBB-Wagenmaterial, so wird der Speisewagen von der Cateringfirma „Henry am Zug“ bewirtschaftet.
Wir werden heute Stammkunde des Speisewagens werden, den Anfang machen wir mit einem „Henry Frühstück“, bestehend aus einem Schinken-Käse-Croissant und einer Semmel mit Butter und Marmelade.
Während der Fahrt am Wörthersee ist es noch dunkel, später im oberen Murtal und hier bei der Fahrt über den Semmering können wir die Landschaft wieder bei Tageslicht genießen. Wie es sich für einen internationalen Fernverkehrszug gehört, hat der Eurocity vergleichsweise wenige Halte und fährt auch mal 90 Minuten durch, so dass im Zug eine angenehme Ruhe herrscht.
Die Fahrt von Wien auf der österreichischen Nordbahn durch das Marchfeld nach Břeclav und weiter nach Brünn ist dann landschaftlich eher langweilig.
Nachdem wir in den letzten Tagen von der Sonne verwöhnt waren, machen sich nun erste Wolken am Himmel breit, hier über der Kathedrale von Brünn.
Abgesehen von einem kurzen Abschnitt rund um Ústí nad Orlicí ist die Fahrt durch Tschechien landschaftlich unspektakulär. Es ist Mittagszeit und so statten wir dem Speisewagen mal wieder einen Besuch ab. In Wien hat das Speisewagen-Team gewechselt. Es ist überhaupt auf solch einer langen Fahrt interessant, wie Zugpersonal und andere Fahrgäste kommen und gehen. Bei der Bestellung erfahren wir, dass in der Küche immer wieder der Strom weg sei und wir deshalb mit dem Essen Geduld haben müssen. Nun gut, wir fahren ja noch 9 Stunden, da soll es auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht ankommen.
Es wird aber so langsam immer wärmer im Speisewagen (ohne Strom will wohl auch die Klimaanlage nicht) und nach einer Stunde vergeblichen Wartens auf Strom ändern wir die Bestellung und begnügen uns zwangsläufig mit Sandwichs.
Nach dem Fahrtrichtungswechsel in Prag (Mist, jetzt ist das Abteil auf der Fahrt durch das Elbtal auf der falschen Seite) beginnt es zu regnen. Hier übrigens noch der Blick über die tschechische Hauptstadt bis hinüber zur Prager Burg.
Nun, man kann nicht immer Wetterglück haben und bei strömendem Regen fahren wir durch den tschechischen Teil des Elbtals bzw. Labetals, wie der Fluss auf Tschechisch heißt. Nachdem wir die tschechisch-deutsche Grenze passiert haben, wird es etwas heller, aber bei Sonnenschein wäre die Fahrt durch die sächsische Schweiz natürlich noch schöner.
Bad Schandau mit Aufzugsturm
Schade, dass der Zug nicht über Dresden-Neustadt fährt und wir so um den „Canaletto-Blick“ auf die Altstadt gebracht werden, stattdessen fahren wir über Cossebaude und queren die Elbe weiter westlich.
Aber es ist Kaffeezeit und im Speisewagen gibt es wieder Strom (hängt wohl mit der Stromversorgung in Tschechien zusammen). Und so gönnen wir uns nun einen Kaiserschmarrn, wirklich lecker. Andere Fahrgäste im Speisewagen machen aber den Fehler, erst ein Abendessen zu bestellen und den Kaiserschmarrn dann als Nachtisch ordern zu wollen – nur ist der Kaiserschmarrn bis dahin schon ausverkauft. Beliefert wird der Speisewagen übrigens auf der Rückfahrt erst wieder in Wien, d.h. auch morgen werden die meisten Fahrgäste im Speisewagen auf den Kaiserschmarrn verzichten müssen.
In Schleichfahrt geht es nun weiter nach Berlin. Wegen Bauarbeiten fahren wir an dem Tag planmäßig über die Stadtbahn, stehen aber zuvor noch eine ganze Weile am Grünauer Kreuz.
Über diese Umleitung freue ich mich wirklich, denn so gibt es ja noch eine Sightseeingtour durch die Hauptstadt obendrauf. Wir sind nach dem Kaffee gleich im Speisewagen sitzengeblieben und haben nun die eigentlich als Mittagessen geplante Bestellung erneut aufgegeben. Und bei Rigatoni und Schinkenfleckerl rollen wir nun über die Museumsinsel, am Alexanderplatz vorbei und durch das Regierungsviertel. Dass wir mittlerweile 30 Minuten Verspätung haben, stört uns da gar nicht mehr. Und wenn es im Speisewagen jetzt auch noch richtige Gläser gäbe und das Bier nicht nur in Plastikbechern serviert würde, wäre die Fahrt perfekt.
Das Speisewagenteam hat ganz schön heftige Arbeitszeiten, die sind von Wien bis Hamburg fast 13 Stunden an Bord und morgen früh geht es gleich wieder zurück bis Wien.
Für weitere Bilder ist es nun zu dunkel und der Zug rauscht durch die Nacht. Und die Bahn meint es gut mit uns, denn am Ende werden es 35 Bonusminuten sein, bis wir Hamburg-Altona erreichen. Ich hatte eigentlich befürchtet, unterwegs nach einigen Stunden die Lust verlieren zu können und das Ende der Fahrt herbeizusehen – aber die lange Fahrt habe ich erstaunlich gut vertragen und hätte sogar noch ein Stück dranhängen können. Und nach knapp 17 Stunden endet nun meine bisher längste Zugfahrt in Hamburg-Altona.
Und wir sind immer noch so fit, dass wir mit der S-Bahn noch eine kleine Runde zum Hamburger Hafen drehen können. Gestern noch waren wir in Venedig, heute früh in Villach, wird sind über das UNESCO-Weltkulturerbe Semmeringbahn gefahren, haben Prag gesehen, waren im Elbsandsteingebirge, sind durch Berlin gerollt und nun stehen wir hier – irgendwie irre.
Es geht gleich weiter...
--
"Fensterplatz, bitte." - Meine Bahnreiseberichte.de.| instagram.com/fensterplatz.bitte/
gesamter Thread:
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee (3/4 m. 49 Bildern) -
TD,
07.10.2013, 19:06
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee (Fortsetzung Teil 3)) -
TD,
07.10.2013, 19:15
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee (Fortsetzung Teil 3)) - Nordy, 07.10.2013, 20:34
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee -
Twindexx,
07.10.2013, 20:47
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee - IC Königssee, 07.10.2013, 21:44
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee (Fortsetzung Teil 3)) -
Alibizugpaar,
07.10.2013, 23:16
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee (Fortsetzung Teil 3)) - TD, 08.10.2013, 17:47
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee (Fortsetzung Teil 3)) -
caboruivo,
08.10.2013, 12:15
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee (Fortsetzung Teil 3)) - TD, 08.10.2013, 18:01
- Top! Aber nächstens ab in die Sansibar ;-)))) -
Blaschke,
08.10.2013, 23:01
- Top! Aber nächstens ab in die Sansibar ;-)))) -
Henrik,
09.10.2013, 02:15
- (OT:) Anderes Inselende und ohne TV kein Derrick ;-) - Blaschke, 09.10.2013, 07:21
- Top! Aber nächstens ab in die Sansibar ;-)))) -
Henrik,
09.10.2013, 02:15
- Zwischen Hřensko und Wittdün -
Sören Heise,
07.10.2013, 20:38
- Zwischen Hřensko und Wittdün - ICE11, 07.10.2013, 22:22
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee (3/4 m. 49 Bildern) - Jens, 08.10.2013, 22:12
- Top! - Blaschke, 08.10.2013, 22:22
- Unterwegs zwischen Adria und Nordsee (Fortsetzung Teil 3)) -
TD,
07.10.2013, 19:15