Welt: Im Siemens-Zug nach London (Allgemeines Forum)

Henrik, Freitag, 08.10.2010, 01:56 (vor 5698 Tagen) @ Steffen

In der Welt von heute war ein ganzseitiger Artikel zu diesem Thema (S.14),
er ist auch online verfügbar:

Die Welt: 07.10.10
Im Siemens-Zug nach London

Der Münchner Konzern steht kurz vor einem großen Auftrag vom Tunnel-Bahnbetreiber Eurostar - ein Sieg über den französischen Konkurrenten Alstom

Von Jens Hartmann und Gesche Wüpper

Siemens steht offenbar kurz vor einem prestigeträchtigen Sieg: Der Bahnbetreiber Eurostar will exklusive Verhandlungen mit dem Münchner Elektrokonzern über die Lieferung von zehn Velaro-Hochgeschwindigkeitszügen im Wert von 600 Millionen Euro aufnehmen. Siemens ist Informationen der WELT zufolge "preferred bidder" (bevorzugter Bieter) und hat damit den französischen Alstom-Konzern bei dem Großauftrag erst einmal ausgestochen. Pikanterweise, denn die staatliche französische Eisenbahngesellschaft SNCF ist mit 55 Prozent des Kapitals der größte Eurostar-Aktionär. Zudem hat der Betreiber von Hochgeschwindigkeitszügen bisher ausschließlich TGVs von Alstom gekauft.

Aus Siemens-Kreisen verlautete, man hoffe auf einen "recht schnellen Entscheidungsprozess" und sei guter Dinge, letztlich den Auftrag zu erhalten, rechne aber "mit weiteren Nickeligkeiten von französischer Seite". Der französische Staat soll bereits kräftig gegen die Exklusivverhandlungen mit dem Münchner Konzern interveniert haben. Der Eurostar-Aufsichtsrat habe daraufhin am vergangenen Freitag beschlossen, sich dem Druck Frankreichs nicht zu beugen, heißt es.

Die französische Regierung dürfte allerdings weiterhin versuchen, eine Entscheidung zugunsten der Deutschen zu verhindern. Präsident Nicolas Sarkozy, der Alstom während seiner Zeit als Wirtschaftsminister mit einem staatlichen Rettungspaket vor der Pleite gerettet hat, dürfte alles dafür tun, damit der TGV-Hersteller doch noch den prestigeträchtigen Auftrag bekommt, glauben Beobachter.

Dabei kommt Frankreich vor allem das Argument zupass, dass die Siemens-Züge nicht den komplexen Sicherheitsanforderungen entsprechen, die im Tunnel unter dem Ärmelkanal gelten. So müssen Züge, die die 50 Kilometer lange Strecke befahren, bisher unter anderem mindestens 400 Meter lang und durchgängig begehbar sein, damit Passagiere im Notfall einfach die alle 375 Meter angebrachten Evakuierungsgänge erreichen können. Außerdem müssen sich die Bahnen in zwei gleichgroße Teile trennen lassen.

Der Tunnel-Betreiber Eurotunnel plädiert seit längerem für die Lockerung der Anforderungen, um die Strecke auch für andere Bahnbetreiber außer Eurostar zugänglich machen und somit mehr verdienen zu können. Bisher ist die Strecke nur zur Hälfte ausgelastet. Die für den Tunnel zuständige britisch-französische Sicherheitskommission hat sich ebenfalls für eine Lockerung der Bestimmungen ausgesprochen. "Einige Sicherheitsregeln, die vor der Eröffnung des Tunnels aufgestellt wurden, müssen überdacht werden", sagt Eurotunnel-Chef Jacques Gounoun. "Ein 200 Meter langer Zug ist leichter zu evakuieren als ein 400 Meter langer."

Bisher verkehren auf den Eurostar-Strecken Paris-London sowie Brüssel-London, die unter dem Ärmelkanal entlang führen, ausschließlich 27 TGV-Hochgeschwindigkeitszüge von Alstom. Bei Siemens wertet man die Berufung zum "preferred bidder" als "Paradigmenwechsel bei Bahnaufträgen in Europa". Erstmals sei Alstom auf seinem Heimatmarkt geschlagen worden.

Ebenfalls pikant: Die Deutsche Bahn, die ab 2013 auch die Verbindung Frankfurt - London anbieten will, bekäme auf der Strecke durch den Ärmelkanal-Tunnel erstmals Konkurrenz durch Siemens-Züge von Eurostar. Die DB ist der wichtigste Eisenbahn-Kunde von Siemens und will am 19. Oktober erstmals zu Testzwecken mit einem ICE-Zug zum Londoner Eurostar-Bahnhof St. Pancras fahren.

Für Alstom bedeutet die Aufnahme von Exklusivverhandlungen zwischen Eurostar und Siemens einen weiteren Rückschlag. Denn der TGV-Hersteller, der vor sieben Jahren nur knapp der Pleite entkam, hat gerade in Italien einen Auftrag für Hochgeschwindigkeitszüge an Bombardier aus Kanada verloren. Zudem hat die französische Bahn SNCF ihre Ausschreibung für 35 neue Hochgeschwindigkeitszüge abgesagt, da ihre Finanzen durch die Krise und kräftig gestiegenen Trassengebühren unter Druck geraten sind.

Alstom, ein großer Spieler im acht bis zehn Milliarden Euro schweren Markt für Hochgeschwindigkeitszüge, hat bisher aber nur einen Auftrag für sein neuestes Modell AGV (Automotrice à grande vitesse) erhalten, während Siemens schon fünf Bestellungen für seinen Velaro eingestrichen hat. Der französische Konzern hofft nun um so mehr, in Saudi-Arabien zusammen mit der SNCF den Zuschlag für die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Medina und Mekka zu erhalten. Sie soll in rund vier Jahren eröffnet werden. Der Auftrag dafür soll bis Ende des Jahres vergeben werden. Sarkozy dürfte kräftig für seine Konzerne werben, wenn er im Dezember nach Saudi-Arabien reist.

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Sollte Siemens den Eurostar-Auftrag tatsächlich erhalten, würden die auf dem ICE3 basierenden Velaro-Züge vermutlich am Siemens Mobility-Standort in Krefeld gebaut. Insgesamt machte die Sparte im vergangenen Geschäftsjahr rund 6,4 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigte 25 000 Mitarbeiter. Ihnen dürfte die Arbeit nicht ausgehen. Denn Siemens ist auch für die Deutsche Bahn "preferred bidder" bei neuen Hochgeschwindigkeitszügen, die bislang unter dem Namen ICx firmieren. Dieser Auftrag hätte ein Volumen von vier bis sechs Milliarden Euro. Eine Entscheidung hat die DB bislang nicht getroffen.

http://www.welt.de/print/die_welt/wirtschaft_dw/article10124203/Im-Siemens-Zug-nach-Lon...


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