Von Neu-Seeland ins Land der Holzkirchen (3/5) (Reiseberichte)

Bahne aus Leidenschaft, Mittwoch, 28.10.2026, 18:50 (vor 1 Tag, 5 Stunden, 7 Min.)

Im letzten Teil habe ich nach Besichtigung der beiden niederschlesischen Friedenskirchen in Fachwerkbauweise Jelenia Góra/Hirschberg angekommen: https://www.ice-treff.de/index.php?id=731938
In diesem Teil folgt die dritte und letzte, allerdings ganz anders geartete Holzkirche. Außrdem wird deutlich mehr gewandert als Bahn gefahren.

Tag 5: Krummhübel und Schneekoppe
Nach Karpacz/Krummhübel im Riesengebirge muss ich heute nur eine ganz kurze Strecke mit der Bahn fahren. Von dort soll es in einer ausgedehnten Wanderung auf die ehemals höchste Erhebung der deutschen Mittelgebirge, die Śnieżka/Schneekoppe gehen.
Der Weg zum Hirschberger Hauptbahnhof führt mich wieder am Rathaus vorbei, wo aus diesem alten Tramwagen Postkarten verkauft würden, wenn er schon geöffnet wäre. Mit Hirschberger Talbahn gab es hier zwar mal eine Überlandstraßenbahn, aber ich bin mir nicht sicher, ob der Wagen von diesem Betrieb stammt.
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Überall in der Innenstadt gibt es sehr schmucke Bürgerhäuser aus der Zeit des Zweiten Kaiserreichs.
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Im Bahnhof steht ein Pesa Elf Richtung Breslau, der auf Herzog Kasimir II. dem Gerechten von Kleinpolen getauft ist. Auch hier frage ich mich wieder, was der mit Niederschlesien zu tun haben soll.
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Das Bw Hirschberg hat ganze zwei Wassertürme.
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Vor einigen Tagen war ich noch in Sorge, ob ich die Reiseplanung wegen schlechten Wetters ändern sollte, aber Petrus meint es heute gut mit mir, während das Riesengebirge näherkommt.
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Die Strecke nach Krummhübel wurde erst 2025 reaktiviert, wobei wiederaufgebaut wohl der zutreffendere Begriff ist. Wirklich toll, wie die Region Niederschlesien ihren Bahnverkehr entwickelt!
Aus Gründen der Lichtverhältnisse ziehe ich zwei Bilder vom Nachmittag vor. Es wird mit einem Umlauf ein angenäherter Stundentakt mit Lücken gefahren, wobei jede zweite Fahrt alle Unterwegshalte auslässt. In solche einem Sprinter saß auch ich heute Morgen. Nach kurzer Wendezeit fährt das Pesa-Gefährt zurück, gut zu sehen ist dabei die kräftige Steigung, mit der der Antrieb hörbar zu kämpfen hatte.
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Im interessanten Bahnhofsgebäude ist das Stadtmuseum.
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Für mich gibt es keine Zeit zu verlieren. Vom Bahnhof geht es sofort stramm bergauf und das wird erstmal so bleiben. Bis zur Schneekoppe sind 1.120 Höhenmeter zu bewältigen in mindestens 8 km, wobei ich einen Umweg gehe, der die Höhenmeter auf 13 km verteilt.
Nach einer Dreiviertelstunde sind die ersten 300 Höhenmeter geschafft und ich erreiche die angekündigte dritte Holzkirche des Urlaubs: die Stabkirche Wang. Bis auf das Baumaterial unterscheidet sie sich jedoch fundamental. Diese original norwegische Stabkirche aus dem 12 Jh. sollte 1841 an ihrem alten Platz abgerissen und durch eine zeitgemäße Steinkirche ersetzt werden, worauf ein norwegischer Maler den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. davon überzeugen konnte, sie zu retten. Nach kleinen Umwegen gelangte sie schließlich hierher ins Riesengebirge und wurde als Kirche für die protestantische Minderheit aufgebaut. Bei diesem Umzug wurde sie zwar recht frei modifiziert, besteht allerdings im Kern noch aus der historischen Bausubstanz.
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Auch der umliegende protestantische Friedhof ist interessant, leider auch auf eine bedrückende Art. Hier ruhen nämlich nicht in Gott vereint der frühere Bürgermeister und seine Frau. Denn sie starb nach 1945 und somit nicht mehr in Schlesien. Nach 1945 wurde das unangenehme Relikte der alten Bevölkerung lange stiefmütterlich behandelt, zeigt sich inzwischen aber wieder in gutem Zustand.
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Die Stabkirche steht am oberen Ortsrand und am Start der populärsten Wanderroute auf die Schneekoppe. Von Bergeinsamkeit kann hier jedoch keine Rede sein. Obwohl es ein Werktag ist, teilt gefühlt halb Polen meinen Weg. Den Besuchermassen angemessen mag das Kopfsteinpflaster zwar sein, allerdings wäre mir ein richtiger Wanderweg deutlich lieber als Untergrund.
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Nach 500 Höhenmetern entscheide ich mich bei der Wegekreuzung Polana Bronka für einen Umweg zum Mittagsstein, wo es etwas ruhiger wird. Beim Blick zurück breitet sich eine fantastische Sicht über das nördliche Vorland aus.
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Vom Mittagsstein ist mein Übernachtungsort Hirschberg zu sehen.
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Die meisten Höhenmeter sind nun geschafft und bis zum Schlesierhaus geht es nun relativ eben weiter. Unübersehbar im Blick steht dabei das Ziel.
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Der Berichtersteller mit dem Hirsberger Tal im Hintergrund.
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Kurz vorm Schlesierhaus treffe ich wieder auf die Hauptroute.
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Nach dem Schlesierhaus folgt ein letzter steiler und felsiger Anstieg. Ganz idyllisch ist eine Einbahnstraßenregelung eingerichtet. Leider steht das sozialistische UFO auf dem Gipfel leer und scheint zu verfallen. Ersatzweise bietet ein moderner Quader Verpflegung an, der mich aber nur von außen zu sehen bekommt.
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Blick zurück Richtung Schlesierhaus, Mittagsstein und Hirschberg, wo ich hergekommen bin.
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Über den Bergkamm verläuft die Grenze zu Tschechien, von wo schlechteres Wetter aufzieht.
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Nochmal der Berichtersteller, der zufrieden ist, sich aber nach einer Pause sehnt.
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Hier oben ist es ziemlich windig, ein wenig wie auf dem Brocken, der nach 1945 der Schneekoppe als Deutschlands höchster Mittelgebirgsberg nachgefolgt ist. Deshalb bleibe ich nicht so lange hier oben und inspiziere lieber 200 Höhenmeter tiefer das Angebot im Schlesierhaus; keine Hütte, sondern wie man hier sagt: eine Baude. Da es hier oben recht frisch ist, entscheide ich mich für eine wärmende Kuttelsuppe und ein in Polen beliebtes überbackenes Baguette namens Zapiekanka.
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Da das Wetter nicht besser zu werden scheint, will ich nicht zu lange mit dem Abstieg warten, wofür ich nun den direkten Weg nach Krummhübel runter wähle.
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Im Vergleich zur knochentrockenen Heimat wirkt mir die Vegetation hier deutlich vitaler und auch die Bergbäche scheinen von Niederschlag zu zeugen.
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Im Ortskern Krummhübel wird gerade gebaut und auch generell spricht er mich nicht so besonders an, sodass ich nur etwas über 1,5 h nach der Mittagspause wieder unten am Bahnhof bin.
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Einerseits würde ich gerne zu meiner Unterkunft heimfahren und die Wanderschhe ausziehen, andererseits lockt mich noch ein Zwischenhalt in Mysłakowice/Erdmannsdorf. Hier zweigte einst die Strecke Richtung Kowary/Schmiedeberg ab und soll es ab 2028 wieder tun. Am Abzweig liegen schon neue Gleise.
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Wie zu sehen, ist von der Schneekoppe nichts mehr zu sehen. Die Wolken sind noch dichter geworden.
Das Bahnhofsgebäude steht übrigens zu Verkauf, falls die Investmentfüchse unter euch noch eine Herausforderung suchen. Nicht so recht will ich den Sinn der Überdachung für die fiktive Treppe zur fiktiven Fußgängerunterführung verstehen. War das vielleicht eine Denkmalschutzauflage?
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Hier im Hirschberger Tal hatte vor 1945 das Who is Who des preußischen Hochadels seine Sommerresidenzen, darunter seit Friedrich Wilhelm III. auch das Königshaus. Der Entwurf für Schloss Erdmannsdorf stammt in seiner ursprünglichen Form vom großen preußischen Architekten Schinkel. Seit 1945 ist eine öffentliche Schule im Schloss und generell scheint wenig Geld dafür übrig zu sein.
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In der zweiten Generation ließ Friedrich Wilhelm IV. einige Anbauten im Stil des Historismus hinzufügen, darunter auch einen langgezogenen Speisesaal, der nach 1945 zu einer Sporthalle umfunktioniert wurde.
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Friedrich Wilhelm III., der Witwer der hochverehrten Königin Luise vermachte das Schloss ursprünglich seiner zweiten Gemahlin Fürstin Liegnitz, die es dann jedoch seinem Sohn und Nachfolger verkaufte und selbst die kaum kleinere Villa Liegnitz im Schlosspark bezog. Der Tiroler Stil ist kein Zufall, denn hier in Erdmannsdorf wurde protestantischen Tiroler Glaubensflüchtlingen die Ansiedlung erlaubt. Diese armen Familien mussten also in kaum über 100 Jahren zwei Mal ihre Heimat verlassen.
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Ein Stundentakt wäre schön, leider habe ich aber zwei Stunden bis zur nächsten Abfahrt nach Hirschberg, die sich recht nett im Schlosspark absitzen lassen. Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass es auch einen Bus in die Stadt gegeben hätte.
Am Bahnhof Hirschberg steht die Nostalgiegarnitur abgestellt, die wochenends nach Krummhübel fährt.
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Auf meinem Weg zum Marktplatz zurück liegt das sehr hübsche Jugendstil-Stadttheater.
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Gerade noch rechtzeitig, bevor er schließt, komme ich zum Stadtmauerturm, von dem ich zurück Richtung Schnekoppe sehen könnte, wenn sie nicht in den Wolken wäre.
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Heute Abend probiere ich mit Fleisch gefüllte Kartoffelklöße aus.
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Als fast ebenso mächtig erweist sich der Pfannkuchen mit Quarkfüllung und Sahne zum Dessert.
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Morgen ist der Urlaub schon wieder zu Ende und es geht über Tschechien nachhause zurück. Da es ein sehr langer und ereignisreicher Reisetag und genaugenommen auch noch eine Reisenacht wird, werde ihn allerdings in zwei Teile teilen.

Korrektur

Bahne aus Leidenschaft, Donnerstag, 29.10.2026, 09:29 (vor 14 Stunden, 28 Minuten) @ Bahne aus Leidenschaft

Über Bild 112 behaupte ich, der Brocken habe 1945 die Schneekoppe als höchster Berg in einem deutschen Mittelgebirge abgelöst. Das ist falsch. Ich dachte eigentlich, ich hätte den höchsten Mittelgebirgsberg recherchiert, allerdings muss mich mein Gedächtnis getäuscht haben. Es gibt sogar drei höhere Mittelgebirge als den Harz: der Schwarzwald mit dem Feldberg (1.493 m), der Bayerische Wald mit dem Großen Arber (1.456 m) und das Erzgebirge mit dem von dir erwähnten Fichtelberg (1.215 m). Erst danach kommt der Brocken mit "nur" 1.141 m. Korrekt ist allerdings die Aussage, dass die Schneekoppe mit 1603 m vor 1945 der höchste Berg in einem deutschen Mittelgebirge und darüber hinaus auch in Preußen war.
Für Ahnungslosigkeit zum Fichtelberg gibt es einen gute Erklärung, die sich im letzten Teil dieses Reiseberichts auflösen wird.

Viele Grüße
Eric

Von Neu-Seeland ins Land der Holzkirchen (3/5)

Tabernaer, Irgendwo im grünen Nirgendwo, Donnerstag, 29.10.2026, 21:04 (vor 2 Stunden, 53 Minuten) @ Bahne aus Leidenschaft

Sehr schöner Reisebericht. Gefällt mir gut. Habe alle bisherigen Teile mal an einen alten Kollegen weiter geleitet. Der hat seine Wurzeln in dieser Ecke und könnte bestimmt noch ne ganze Menge mehr über die Gegend erzählen, als Du schon hast.
Ich warte bereits jetzt ungeduldig auf die nächsten Teile. Also lass Dir nicht zuviel Zeit damit, sonst mach ich Hausbesuche bei Dir. Dein Wohnort liegt bei mir ums Eck :)

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