Gefunden! 1997 war es. 22./23.6. - TMT-Geschichten. (Reiseberichte)

Der Blaschke, Bissendorf-Wissingen, Sonntag, 05.04.2026, 00:02 (vor 2 Tagen) @ sunny007
bearbeitet von Der Blaschke, Sonntag, 05.04.2026, 00:06

Planmäßig fuhr ich die Kluskurve im Leben nur einmal - in den 1990ern nachts mit dem Verstärker-D-Zug aus Holland nach Skandinavien; D 1236 oder so?

https://www.fernbahn.de/datenbank/suche/?zug_id=19910101237

Hey.

Wieder daheim. Und nachgeschaut:


[image]

Gleich am ersten Tag.

Erst etwas cruisen. Bad Bentheim Hannover und zurück. Mit dem 1237 nach Hamburg. Nach Flensburg war ein Soldaten-IC. Gab sogar noch Platz in einem Abteil. In Flensburg waren ein paar Soldaten nörgelig, die in Rendsburg hätten raus müssen. Waren auf den Schaffner sauer. Der bremste die aber schnell ein - man könne sich auch über das fehlende Ticket ab Rendsburg unterhalten und über die Rückfahrt. Plötzlich war alles gut. Die Garnitur fuhr als IC ja wieder zurück. Da schlief ich. Dann rüber ins Erzgebirge. Abends nach Köln und über Nacht nach Lübeck und Stralsund. Von dort mit dem damaligen MEGA-RE nach Cottbus: 6 Std, 17 Min. Da tat mir mächtig der Hintern weh! In der nächsten Nacht der 1549 von Bochum nach Dresden war ein Glücksgriff: normal war der immer sehr voll; an eigenes Abteil nicht zu denken. Darauf die Nacht erinnere mich noch: der 482 nach Kopenhagen war recht voll. Ich hatte zwar ein Abteil, aber alle waren belegt. In Fulda stand der 351 Basel ==> Binz gegenüber. Beide Züge tauschten Kurswagen. Erst schaute ich einer Ratte zu, die ne Chipstüte ins Versteck bringen wollte. Dann sah ich, dass im 351 mehrere Abteile leer waren. Spontan machte ich also rüber. Vor Stendal wurde ich wach. Kursbuch in die Hand und wie man sieht, fuhr ich also statt Richtung Fehmarn ins Erzgebirge. Übers Markersdorfer Viadukt. Aue ==> Chemnitz 2 Std. Ich erinnere mich noch, wie bergab der Meister seine Diesellok ausschaltete und wir stets bremsend mit 10 km/h Ewigkeiten auf einen Haltepunkt zutuckerten. Der Nachtzug Dresden Stuttgart war nie sehr voll. Morgens die Stichfahrt nach Augsburg ging vmtl zur Bank; Geld abheben. Und dann nach 6 Tagen und Nächten, die ich stets im Zug verbrachte, mal nach Hause. Richtig duschen, Klamotten wechseln und wieder los.

So war das ein Jahrzehnt lang jeden Sommer. 4 Wochen Freiheit. Nachts gab es reichlich Züge, wo man eben das Schlafproblem lösen konnte. Es reichte, sich so ab 16/17 Uhr Gedanken zu machen, wie man die Nacht überbrücken könnte; es fand sich dann immer eine umsetzbare Idee.

Und was immer geil war: viele Nacht-D-Züge waren am Morgen Pendlerzüge. Manche Schaffner versuchten, rechtzeitig "aufzuräumen". Wer den ersten WERNER-Film kennt, die Szene im Krankenhaus - so ähnlich lief das dann auch ab. Die Pendler waren von uns Jungspunden logischerweise schwer genervt. Und kämpften natürlich ihre Sitzplätze frei. Meistens verzogen wir uns dann in den Gang. Fenster auf, so dass es schön dröhnte im ganzen Wagen. Und den Hintern an die Abteiltür gelehnt. Und vor allem das Wissen: die trostlosen Gestalten müssen jetzt trostlos zur Arbeit - wir dagegen würden wieder einen geilen Tag mit hunderten geilen Erlebnissen genießen. Internet gab's nicht; Handys, wo Mama uns kontrollieren konnte, auch nicht. Und so mußten wir auch nicht alle 5 Std anrufen, wo wir sind. Wir waren weg, einen Tag oder drei oder fünf. Mama sah ja, wenn wir wiederkamen - das mußte reichen.

Es war Freiheit pur! Man hatte Ideen, dann kam man auf neue Ideen. Oder der Zug war zu voll. Und dann fuhr mal halt woanders hin. Oder einfach 3x hin und her am Stück zwischen Fulda und Würzburg über die neue SFS mit nem IC. Und mangels Internet, Forum und Wissen wurde nicht alles endlos vorgeplant, minutengenau getimed und im Forum tausend Fragen gestellt, wie dies und das geht und vorab Wagenreihung und Loknummer gecheckt. Es gab ein paar monatliche Eisenbahnzeitungen und das Kursbuch. Fertig.

Gegenüber heute haben wir sicherlich 100.000 Dinge verpasst, die heute ein Must-It wären. Nur störte das nicht, weil wir es ja nicht wußten. Dafür war das Erlebte, weil ja unerwartet, umso nachhaltiger und manches ist im Gedächtnis geblieben. Heute wird ausgiebig bejammert, wenn die Realität ne Fotowolke schickt oder nen Gegenzug. Und dann muss im Fotoshop alles künstlich bearbeitet werden, damit man Bilder ins Forum stellt von Dingen, die man so gar nicht gesehen hat.

Doch, die heutigen Möglichkeiten sind schon toll; keine Frage. Unsere Zeit damals war aber genau so toll; nur eben anders.

Ich find's nur schade, dass die jungen Leute heute selbst bei Neuauflage solcher Tickets mangels geeigneter Nachtzug gar nicht mehr 24/7 - und zwar wirklich 7 *g* - Zug fahren können. Aber okay, die heutigen Jungs wären nach 2 Tagen und Nächten eh völlig am Ende. Da war unsereins da doch weniger zart besaitet ...


Schöne Grüße von jörg

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"Zu Lebzeiten will ich gerne bescheiden sein; doch wenn ich tot bin, soll man natürlich anerkennen, dass ich ein Genie war." (Michel Audiard)


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