Im Spare-Ribs-Koma durchs winterliche Flandern (2/5) (Reiseberichte)

Bahne aus Leidenschaft, Sonntag, 08.03.2026, 23:12 (vor 1 Tag, 7 Stunden, 39 Min.)

Am Ende des letzten Teils haben wir den Westabschnitt der Kusttram befahren: https://www.ice-treff.de/index.php?id=725113
An ihrem Endpunkt in De Panne steigen wir nun in den letzten Zug des Tages um, ein AM 80 als IC nach Gent. Dieser Teil wird dem Titel der Berichtreihe gerecht und wartet neben Bahn und Kultur mit zwei Fleischorgien auf euch.

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Tag 2: (Brüssel – Oostende – Koksijde –) De Panne – Gent
Das soll dann also IC-Komfort sein… Platzmangel herrscht heute bei der Abfahrt immerhin nicht und es ließen sich die Fenster öffnen, wäre das Wetter besser.
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Die letzte Kusttramstation vor dem Bahnhof war Plopsaland. Nachdem wir da noch über den lustigen Namen des Freizeitparks lachen, musste ich inzwischen heurausfinden, dass der Pfälzer Holidaypark sich seit 2025 Plopsaland Deutschland nennt.
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Veurne hat zwei nahe beieinander gelegene Bahnhöfe im Stadtgebiet, wobei der erste nach dem gut vier Kilometer nördlich gelegenen Strandort Koksijde, wo wir bei den Bildern 35, 39 und 40 waren, benannt ist. Wenn es nach mir ginge, würde ich ihn in Veurne West umbenennen. Der tatsächliche Bahnhof Veurne ist Kreuzungsbahnhof und hat ein wunderschönes historistisches Empfangsgebäude.
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Der Rest der Fahrt gestaltet sich unspektakulär und bis zur Ankunft in Gent wird es langsam dunkel. Bei der Restaurantsuche stellen wir fest, dass dies ohne Reservierung gar nicht so einfach ist. Schließlich landen wir in einem Restaurant der lokalen Kette Amadeus, deren Spezialität wohl Spare Ribs all you can eat sind. Das hatten wir für diese Woche zwar mal vor, aber heute war bei meinen beiden Begleitern der Appetit darauf nicht so groß. Die Einrichtung ist ziemlich interessant.
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Dann geht die Kalorienorgie für Chris und mich los, während Katharina lieber Waterzooi nahm, von dem sie aber leider nicht so begeistert war.
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Am Ende des Abends ist der , wie Thomas ihn bezeichnete, „Eimer der Schande“ von Chris und mir gut gefüllt.
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Tag 3: Gent
Heute ist ein „teurer“ Werktag, weshalb sich ein bahnfreier Tag in Gent anbietet. Nachdem wir ihn schon gestern im Dunkeln gesehen haben, sind wir heute nochmal bei Sonnenschein am Gravensteen, der Wasserburg der Grafen von Flandern.
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Diese lässt sich auch gut mit Straßenbahn ablichten.
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Der Freitagsmarkt unter dem Denkmal für Graf Balduin von Flandern überzeugt uns leider nicht so besonders.
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Das Stadtbild dafür umso mehr.
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Berühmtester Sohn der Stadt dürfte Kaiser Karl V. sein, der hier im Prinsenhof geboren wurde und in den burgundischen Niederlanden aufgewachsen ist. Von der damaligen Residenz der Grafen von Flandern und damit Nachfolger der Wasserburg ist heute nur noch dieser spärliche Rest zu sehen. In seinen späteren Jahren war das Verhältnis zu seiner Geburtsstadt allerdings alles andere als gut.
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Die Kathedrale birgt mit dem Genter Altar ein Meisterwerk von Jan van Eyck.
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Als ich danach die Sonne für ein Bild des Belfrieds mit einer Straßenbahn nutzen will, kommt allerdings plötzlich keine mehr. Als Ursache dafür stellt sich ein Notarzteinsatz an der nächsten Haltestelle heraus.
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Etwas später klappt es dann doch.
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Danach besichtigen wir noch zwei Palais, in denen zumindest heute freier Eintritt ist. Im ersteren war der 1815 vor Napoleons Herrschaft der 100 Tage geflohene französische König Ludwig XVIII. zu Gast. Bis wir dort fertig sind, wird es dunkel.
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Beim Abendessen stoßen wir heute wieder auf das gleiche Problem wie gestern, weshalb wir in einem Bistro landen. Das Essen war in Ordnung, aber nichts Besonderes. Auf dem Heimweg spricht uns dann noch eine urige Kneipe an, in der Chris und ich das Kutscherbier Kwak mit den speziellen Gläsern ausprobieren, leider nur mit den vereinfachten selbststehenden Gläsern mit flachem Boden und nicht mit den lustigen Kutschergläsern mit rundem Boden und Holzgestell. Unser Lieblingsbier wird es allerdings nicht.
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Der Kollege scheint Spaß zu haben.
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Tag 4: Mechelen und Antwerpen
Heute ist Samstag und damit sparen wir mit Train+ wieder kräftig. Unser heutiges Programm ist ein Rund- oder besser gesagt Dreieckkurs von nach Mechelen, Antwerpen und wieder heim nach Gent.
Der Genter Hauptbahnhof Sint-Pieters wurde für die Weltausstellung 1912 gebaut und ist dementsprechend repräsentativ. Heute Morgen zeigt er sich leicht verschneit.
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Die Unterführung wird aktuell umgebaut und dabei deutlich verbreitert.
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Die Strecke nach Mechelen wurde schon 1837, also 19 Jahre vor der direkten Strecke nach Brüssel, als erste Bahnstrecke nach Gent eröffnet. Erst in der Zwischenkriegszeit kam dann noch die Strecke „SFS“ dazu, über die wie gestern angekommen sind.
Werktags führe auch ein etwas schnellerer IC, aber heute müssen wir mit einem enttäuschenden Desiro als Regionalzug vorliebnehmen.
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Unterwegs kreuzt einer der vielen Kanäle des Landes.
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Heute verspricht, ein freundlicher Wintertag zu werden.
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Abfallende Fliesen am Treppenabgang und generell ein sanierungsbedürftiger Auftritt unseres Ankunftsbahnsteigs in Mechelen.
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Das dürfte aber nicht mehr lange so bleiben. Der älteste Bahnknoten Belgiens bekommt gerade sein, wenn ich recht zähle, viertes Empfangsgebäude nach dem ersten von 1835, einem attraktiven Bau von 1888 und einem wenig ansprechenden Nachkriegsbau von 1959.
Immerhin sind wir hier am ältesten Bahnknoten Belgiens. Ich nehme mal an, die Entscheidung, den ersten Bahnknoten hier und nicht in Brüssel zu errichten fiel aufgrund der günstigeren Topographie. Mechelens liegt im Norden Brüssels in der Ebene, während es um Brüssel etwas hügeliger ist.

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Die Kathedrale von Mechelen ist Sitz des einzigen Erzbischofs Belgiens, der dazu den Ehrentitel eines Primas von Belgien trägt.
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Der Markt vor der Kathedrale spricht uns deutlich mehr an als der Freitagsmarkt gestern in Gent. Chris und ich genehmigen uns erstmal etwas Matjes, der hier traditionell nur mit Zwiebeln ohne Brötchen serviert wird. Die niederländische Darreichungsform im Brötchen gefällt mir aber ehrlich gesagt besser und nachhaltiger dürfte sie ohne Pappteller noch dazu sein.
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Die Frau auf dem Denkmal ist Margarethe von Österreich, Tochter von Kaiser Maximilian von Österreich und Maria von Burgund. Geboren in Brüssel und 1504 mit nur 24 Jahren schon zum zweiten Mal verwitwet war sie von 1507 bis zu ihrem Tod 1530 erst für ihren Vater und dann für ihren Neffen Karl V. populäre Statthalterin der Niederlande und Kunstmäzenin und residierte dabei überwiegend in Mechelen.
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In der Kathedrale werden die Wappenschilder der Ritter des Ordens vom goldenen Vließ von einer Ordenssitzung im 15. Jahrhundert ausgestellt. Der Orden wurde 1431 von Margarethes Urgroßvater Phillip dem Guten von Burgund nach dem Vorbild des englischen Hosenbandordens gegründet, als der burgundische Hof in den Niederlanden der prunkvollsten Europas war, um burgundische Ritter und ausländische Fürsten an ihn zu binden. Mit der Hochzeit seiner Enkeltochter Maria von Burgund mit dem späteren Kaiser Maximilian I. ging der Orden ans Haus Habsburg über und seit dem Aussterben der spanischen Habsburger und des folgenden Erbfolgekriegs gibt es bis heute einen österreichischen und einen spanischen Orden. Bei der Recherche für den Bericht habe ich herausgefunden, dass es inzwischen sogar einen dritten Orden vom Goldenen Vließ vom georgischen Staat gibt. Der hat zwar gar nichts mit dem mittelalterlichen Burgund zu tun, aber die namensgebende antike griechische Legende um Jason und das goldene Vließ handelte im Kaukasus.
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Nach der Kathedrale wird für eine Portion Kibbeling nochmal ein Halt am Markt eingelegt.
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Nicht weit entfernt stehen wir dann vor der Stadtresidenz von Regentin Margarethe von Österreich. Die ist heute ein Justizgebäude und deshalb nicht zu besichtigen.
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Direkt gegenüber steht die Residenz ihrer Stiefgroßmutter Margarethe von York. Die Schwester zweier englischer Könige (darunter der durch Shakespeare berühmt-berüchtigte Richard III.) und Witwe Karls des Kühnen hatte große Verdienste beim Erhalt der der burgundischen Niederlande für ihre Stieftochter Maria von Burgund nach dem überraschenden Tod ihres Gatten in der Schlacht von Nancy gegenüber der Aggression durch die französische Krone.
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Als wir nach Antwerpen weiterfahren wollen, ist etwas Chaos auf der vielbefahrenen Hauptstrecke zwischen Brüssel und Antwerpen. Dank der hohen Taktung müssen wir nicht lange warten, sondern bekommen einen früheren verspäteten IC, der dadurch aber relativ voll ist. Außerdem breitet sich in unserem Wagen eine große Lache ums WC aus. Mmmhh, da nehmen wir lieber die Treppe am anderen Wagenende.
Nach der Abfahrt können wir nochmal einen Blick auf Mechelen und die Kathedrale werfen.
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Nach nur 20 Minuten Fahrt ist schon der Endbahnhof Antwerpen erreicht. Auf diesen Bahnhof habe ich mich in diesem Urlaub am meisten gefreut, denn bis jetzt war ich nur einmal auf Durchreise mit dem Thalys im Tiefgeschoss. Wie schon auf den letzten Bildern aus Mechelen nicht zu leugnen war, war es das leider mit dem blauen Himmel für heute.
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Die architektonische Einbindung der Durchgangsgleise im Tiefgeschoß in die Kopfbahnhofhalle finde ich recht interessant und gelungen, die eingeschränkte Kapazität während der Bauphase stelle ich mir aber ganz schön heikel vor. Der alte Kopfbahnhof hatte 4 Gleise mehr als heute und ich schätze mal, dass die meisten davon, schon weit vor der Eröffnung des Tiefbahnhofs zurückgebaut werden mussten.
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Und so ein Palast sollte mal in der Nachkriegszeit wegen Baufälligkeit abgerissen werden …
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Die Hafenstadt Antwerpen ist größer und geschäftiger als Gent. Wir werden nicht so richtig warm damit, aber das liegt vielleicht auch am Wetter. In der Fußgängerzone zwischen Hauptbahnhof und Altstadt ist am ersten Samstagnachmittag des Jahres die Hölle los. Bei der Liebfrauenkathedrale hat noch der Weihnachtsmarkt geöffnet, wo wir belgische heiße Schokolade kosten.
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Am Fluss findet der alte Scheldetunnel das Interesse von uns drei Ingenieuren. Zudem bietet er Schutz vor dem einsetzenden Regen.
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Das Bauwerk wurde 1933 und damit gut 20 Jahre nach dem Alten Elbtunnel eröffnet und hat im Gegensatz zu seinem Hamburger Pendant für die Fußgänger seit Beginn Rolltreppen. Für Fahrräder gibt es einen Lastenaufzug, für Autos ist er nicht vorgesehen.
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Der Regen legt für den restlichen Nachmittag einen Museumsbesuch nahe. Praktischerweise liegt nur wenige Meter vom Tunnel entfernt die Plantin-Moretus-Druckerei. Die Druckerei wurde von 1555 bis 1876 durchgehend betrieben und wurde als weltweit am besten erhaltene Druckerei aus der Renaissancezeit auf die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Offensichtlich konnte man mit Buchdruck damals gutes Geld machen.
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In der großen Druckerpressenhalle steht auch die älteste erhaltene Druckerpresse der Welt. Außerdem gibt es eine große Sammlung an wertvollen historischen Büchern.
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Von Antwerpen nach Gent wird eigentlich im Halbstundentakt gefahren. Nach dem Museum müssen wir aber feststellen, dass der nächste erreichbare Zug ausfällt. Dafür hat es aber aufgehört zu regnen und da wir jetzt genug Zeit haben, zu Fuß zum Bahnhof zu gehen, sehen wir die Straßenbahn nur von außen.
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Auch bei Nacht hat Antwerpen Centraal seinen Reiz.
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Nach Gent wird uns eine belgische Gumminase bringen.
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Der große Nachteil von Bahnreisen im Winter sind die kurzen Tage und das trifft uns jetzt auf der Rückfahrt. Da die Schelde in einem Tunnel unterquert wird und dann viel flämisches Flachland folgt, hoffe ich aber mal, dass wir dadurch nicht viel verpassen. Wir sparen uns die Rundfahrt um halb Gent und steigen schon nach gut 50 Minuten in Gent-Dampoort aus. Gegenüber bekommen wir dabei noch den Dieseltriebwagen nach Eeklo zu sehen.
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Der Ausstieg in Dampoort spart uns nicht nur gut 10 Minuten Fahrzeit, sondern auch einiges an Fußweg zur Altstadt.
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Zu unserer Unterkunft wäre es von Sint-Peter zwar etwas näher gewesen, aber wir wollen direkt essen gehen. Nach den Erfahrungen an den beiden Vortagen wollten wir für Samstagabend nichts riskieren und haben die Zugfahrt eben für eine Tischreservierung genutzt, was schon schwierig genug war. Mit der brasilianischen Churrascaria bekommt Katharina noch ihr südamerikanisches Restaurant, wenn auch nicht ganz so, wie sie es sich gewünscht hat. Wer das Konzept nicht kennt: Die Kellner kommen mit Fleischspießen vorbei und man kann sich etwas davon runterschneiden lassen. Als bestes Stück gilt Picanha, zu Deutsch Tafelspitz, womit gerne mal gegeizt wird, hier jedoch nicht. Am Ende des Abends scheinen die Kellner, das Picanha los werden zu müssen und sie scheinen gemerkt zu haben, dass das bei mir sehr einfach geht.
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Über die Hälfte des Urlaubs ist damit schon rum, trotzdem folgen noch drei Berichtteile mit leicht steigendem Bahnanteil.

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