die schönste Frage (Allgemeines Forum)
Huhu.
... läßt Zeit für die schönste Frage; die nach dem Grund der Fahrt.
Meine letzte Antwort war: "Ich habe eben den falschen Zug genommen und fahre wieder zurück"
Ja, das kommt tatsächlich ab und an auch mal vor.
Ausstieg verpasst. Oder falsche Richtung erwischt.
Eher traurig ist es dann, wenn ich frage, wie man zum Bahnhof gekommen ist, und geantwortet wird, dass man direkt mit dem Gegenzug kam und nur die Kinder abgegeben/abgeholt hat und sofort wieder zurückkehrt.
Im Emsland-Express sprach ich mal Papa mit 2 Kindern an. Der verlor völlig die Fassung, ich möge ihn in Ruhe lassen, er wolle die Zeit mit den Kindern nutzen. In Münster bekam ich dann die Übergabe an die Frau und ihren neuen Macker mit; äußerst unschön, nur Zoff, Gehetze etc und schlußendlich heulende Kinder. Ich mußte direkt zurück nach Emden. Er auch. Er kam dann so auf halber Strecke auf mich zu und bat ganz ausdrücklich um Entschuldigung für sein Verhalten auf der Hinfahrt. Aber ich hätte das ja miterlebt in Münster bei der Übergabe, was da alles abginge derzeit. Dann fing er bitterlich an zu weinen. Die Fahrgäste nebenan schauten schon, was ich denn da wieder alles anrichte. Na ja, da war ich dann erstmal ein bißchen als Seelentröster und Kummerkastenmann gefragt. Hab das Interviewen dann erstmal vernachlässigt und mich mit ihm noch eine Weile unterhalten.
Sowas gibt's also auch. Überhaupt ist es ganz spannend, wie viele da manche Details aus ihrem Leben erzählen. Gut, ich bin dick und gelte damit - unbewußt - als vertrauenswürdig.
Beim Deutschlandticket fragen wir nach der Postleitzahl des Wohnortes. Da staune ich auch stets, wie fröhlich die praktisch jeder nennt, so er sie weiß.
Apropos Trennung. Hatte ich mal so ein Typ cooles Rauhbein, mittleres Alter, Ruhrpottslang. Er beantwortet ganz normal unaufgeregt meine Fragen. Dann frage ich nach dem allgemeinen Grund der Fahrt und gebe immer die Richtung vor: "Arbeit, Freizeit, jemanden besuchen, was erledigen oder warum fahren Sie JETZT mit dem Zug?". So vermeide ich die Antwort "privat", die mir nicht weiterhilft, die Nachfragen aber aufdringlich wirken läßt.
Der Typ antwortet mir furztrocken: "Keine Ahnung, ob Du das bei Dir irgendwo eintragen kannst: Meine Alte hat mich rausgeschmissen!"
Ich sag, dann treffe "Besuch bei Freunden/Bekannten" es wohl am besten. Worauf er meinte, er führe jetzt erstmal zu seinem Bruder. Die Olle sei ja nicht ganz dicht; die müsse sich erstmal wieder beruhigen.
Und mal hatte ich so'n echten Drömel-Emsländer, um die 30, der so völlig in sich ruhte und sich unsicher war, "Besuch bei Freunden" träfe es wohl oder was ich denn meine. Ich sag: ich weiß ja nicht, wo Sie waren. Er: Na, auf Beerdigung. Kumpel gestorben. Da würde Besuch bei Freunden doch passen. Er habe ja sogar mit ihm gesprochen; nur halt keine Antworten bekommen.
Sa abends vorletzter Zug Cloppenburg ==> Osnabrück. Fiffi, so just 18 geworden. Gezeigt wird mir SSP für Sonntagnachmittag Cloppenburg ==> Düsseldorf. Erzählt wird mir, die Bahn habe sich da vertan und das Ticket falsch ausgestellt. Sa abend zu So nachmittag - da stimmt doch was nicht. Schaffner war keiner drauf. Ich aber sauer, weil ich es nicht mag, wenn man mich für dumm verkaufen will. Ich sag ihm also: Wahrheit oder ich kümmere mich in Osnabrück um die Bundespolizei. Da fing er auch an zu weinen. Über's Internet hatte er Ayşe kennengelernt. Voll süß, voll toll. Jetzt fuhr er zum ersten persönlichen Treff zu ihr über's Wochenende. Und wollte natürlich übernachten. Nur hatte niemand mit Papa Ayşe gesprochen - und der hat ihn kurzerhand vor die Tür gesetzt. Von Ayşe gab's dann noch unschöne Worte hinterher. Sie hatte sich wohl mehr argumentative Unterstützung gewünscht bei der Diskussion mit Papa. Und er bekam noch Lack, weil er mit dem vorletzten statt dem letzten Zug wegfuhr; ob das wahre Liebe sei ... Kurzum: ein Fiasko! Ich tröstete ihn; wird sich einrenken. Sagte ihm, dass er jetzt bis Osnabrück mitkönne. Wenn er jetzt aber nachts probiere, mit NV statt Stunden später gebuchtem Fernzug zu fahren, dann möge er beim höflichen Nachfragen aber gefälligst die Wahrheit erzählen, auch wenn das unangenehm sei. Diese üblichen Ausreden höre unsereins 5x am Tag; die seien selten originell und vor allem reicht bei praktisch niemandem das Schauspieltalent, so dass alles stimmig wirke.
Und wenn man stets fröhlich und freundlich zu JEDEM Fahrgast ist, kann man sich auch mal einen Spruch erlauben. Da hatte ich mal so 10 junge Musliminnen, alle mit Kopftüchern. Wir sprachen fröhlich. Dann erzählten sie, dass sie auf einer religiösen Fortbildung gewesen seien und ihren Glauben gestärkt hätten. Und ich sag: Ihr habt jetzt aber nicht gelernt, wie man sich in die Luft sprengt oder? Wobei mir dann einfiel, dass das bei 72 Jungfrauen als Belohnung bei Mädels ja irgendwie auch keinen Sinn ergäbe. Sie blieben da ganz entspannt; nein, nein, keine Sorge, sie seien sehr für's Friedliche. Wir plauderten dann noch etwas und sie bedankten sich für das freundliche Gespräch.
Einer wollte dann mal mich beruhigen. QdL Saarbrücken ==> Berlin. Mehrere Stunden hinter dem Zeitplan. Syrer mit Frau und ich glaub 8 Kindern. Ich ihm einen aktuellen Plan rausgesucht. Er mußte sich dann beim Umstieg in Hannover aber beeilen, sonst sei die letzte Verbindung weg; er käme nur noch bis Rathenow und da wie auch überall davor sei alles tot und ne Nacht öde. Außerdem brauche er dann ein neues Ticket bis Berlin. Jeder Deutsche verlöre völlig die Fassung bei solch Aussichten; ihm war's egal. Er sei 6 Monate auf der Flucht gewesen; alles würde gut werden und er schon in Berlin ankommen. Und 5 Std nachts im Nichts sitzen sei ein Klacks. Ich möge doch entspannt bleiben; alles füge sich. Beim Ausstieg hatte er auch keine Eile; erstmal Gepäck auf Vollständigkeit prüfen, Kinder durchzählen und dann eine rauchen. Der Anschlußzug war lange weg; ihn juckte es nicht. War ganz interessant, wie der so in einer ganz anderen (Zeit-)Welt lebte.
Überhaupt befrage ich im Gegensatz zu einigen Kollegen auch zunächst ganz konsequent Ausländer erkennbar ohne Sprachkenntnis. Ticket vorzeigen kann jeder und das woher/wohin bekommt man auch meistens heraus. Womit die Mindestvoraussetzungen für ein gültiges Interview erfüllt sind. Und oft genug bekommt man auch zumindest rudimentär die Dinge zusammen. Und die Neubürger geben sich fast immer auch Mühe und freuen sich, dass sie mal wer nicht wie Unrat behandelt. Ich rege mich nämlich gerne und oft darüber auf, wenn sie mir dann erzählen, dass sie zum Deutschkurs fahren. Übrigens auch Samstags - wo ein deutsches Schulkind mit Schule mittlerweile überfordert wäre. Na ja, jedenfalls frage ich mich dann, warum die Deutschkurse machen, wenn anschließend niemand mit ihnen Deutsch spricht und sie ja möglichst gemieden werden. Integration ist da nicht irgendwo weit weg bei Staat und Schule und Co., sondern fängt direkt bei mir an. Und da habe ich mich auch schon bei Zählerkollegen unbeliebt gemacht. Man bekommt so ein gutes Gefühl dafür, was da dann in der Gesellschaft falsch läuft und wo auch unsereins mit dazu beiträgt (oder eben versucht, es besser zu machen).
Und eben das ist das schöne an der Eisenbahn: im Gegensatz zu Vereinsmeierei, soziales eigenes Milieu u.ä. trifft man im Zug alle: reich, arm, jung, alt, Doitsch, Flüchtling, Chefarzt und Hilfsarbeiter, Fußballfans und Junggesellinnen-Abschied, Hausbesitzer und Obdachlosev - ein Querschnitt der Bevölkerung. Und wenn man weltoffen und menschenzugewandt ist, bekommt man viel mit über das, was die Bürger so umhertreibt.
Und ich erwähne es wieder: mit 99,99999999998888899 Prozent aller Fahrgäste gibt es NULL Probleme. Dieses ganze mediale Gehetze, dass man eine Zugfahrt nur knapp unversehrt überlebt, teile ich in keinster Weise. Allerdings gehört zur Wahrheit auch dazu, dass die Qualität des Zugpersonals gerade im Hinblick auf individuellem Umgang mit Mensch und Situation stark nachgelassen hat. An so mancher Eskalation ist auch das Zugpersonal nicht ganz unschuldig.
Ich mache den Job jedenfalls weiter gerne und ohne irgendwelche "Hemmungen", wie sie ja nach dem Tod des Schaffners neulich wieder Thema waren. Und ich kann den Job nur jedem empfehlen, der für Mensch, Gesellschaft und Co interessiert.
Schöne Grüße von jörg
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"Zu Lebzeiten will ich gerne bescheiden sein; doch wenn ich tot bin, soll man natürlich anerkennen, dass ich ein Genie war." (Michel Audiard)
gesamter Thread:
- Freifahrt für Gold-BC am So. 22.02.
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Henrik,
21.02.2026, 21:47
- Ich hatte sogar heute eine freudige Kundin! -
Der Blaschke,
22.02.2026, 22:06
- die schönste Frage -
Sportdiesel612,
23.02.2026, 09:05
- die schönste Frage -
Der Blaschke,
23.02.2026, 10:47
- die schönste Frage -
Sportdiesel612,
23.02.2026, 20:20
- die schönste Frage - плацкарт, 23.02.2026, 20:27
- die schönste Frage -
Sportdiesel612,
23.02.2026, 20:20
- die schönste Frage -
Der Blaschke,
23.02.2026, 10:47
- die schönste Frage -
Sportdiesel612,
23.02.2026, 09:05
- Ich hatte sogar heute eine freudige Kundin! -
Der Blaschke,
22.02.2026, 22:06