Polenreise mit Krakauer, Kibel und Kotlet (2/5) (Reiseberichte)

Bahne aus Leidenschaft, Sonntag, 27.07.2025, 22:55 (vor 200 Tagen)

Im letzten Teil bin ich mit dem Nachtzug in Krakau angekommen und habe schon Stadt und Umland unsicher gemacht: https://www.ice-treff.de/index.php?id=718421
In diesem Teil ziehe ich weitere Kreise um Krakau in Kleinpolen.

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Tag 3: Krakau und Auschwitz
Nach dem anstrengenden Tag gestern will ich es heute eher ruhig angehen lassen und schlafe aus. Dabei ahne ich noch nicht, dass meine Planung heute grandios scheitern wird. Ich möchte das KZ Auschwitz-Birkenau besichtigen. Auf dem Hinweg nehme ich den schnelleren nördlichen Weg über Trzebinia. Dort biegt nicht nur der Regionalzug nach Auschwitz von der Hauptstrecke Richtung Kattowitz ab, sondern ist auch Chemieindustrie zu sehen.
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Heute hat mich Koleje Malopolskie mit dem Konkurrenzprodukt von Newag zum gestrigen Pesa Elf befördert. Auschwitz ist ein wichtiger Bahnknoten zwischen Tschechien, Schlesien und Kleinpolen und damit logistisch günstig gelegen, um viele Menschen hier hin zu deportieren.
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Ohne Eile gehe ich erstmal zur „Judenrampe“ vom Vernichtungslager Birkenau. Gerade als Bahnfan sollte man dieses unrühmliche Kapitel in der Geschichte der Reichsbahn nicht vergessen.
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Von dort ist es nicht weit zum Lager Birkenau mit dem aus den Medien bekannten Torhaus. Das Gleis direkt ins Lager hat die Judenrampe überflüssig gemacht. Eine bedrückend effiziente Logistik.
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Für mich beginnen jetzt die Probleme. Denn hier kommt man nicht ohne Ticket rein und diese gibt es auch nicht online sondern nur am im 2,5 km entfernten Museum beim KZ Auschwitz auf der anderen Seite der Bahnstrecke. Also schnell mit dem Shuttlebus dorthin. Dort erwartet mich eine lange Schlange in der knalligen Sonne. Nach fast 1,5 Stunden Wartezeit kommt die Hiobsbotschaft, dass es heute keine Karten mehr gibt. Na toll, hätte ich mir im Voraus mal aufmerksamer die Infos auf der Website durchgelesen! Beide Lager wirken von außen nicht überlaufen. Man scheint hier sehr darauf zu achten, nicht von Besuchern überrannt zu werden.
Was jetzt anfangen mit dem verlorenen Tag? Für den verfrühten Rückweg zurück nach Krakau kann ich noch den EC Porta Moravica mit SBB-Wägen erwischen, doch dieser ist verspätet. Fahrgastinfo bei Verspätungen scheint nicht die Stärke von PKP zu sein. Ich unterhalte mich mit zwei asiatischen Touristinnen, die auch auf ihn warten. Schon als sie heute Morgen um 7.30 Uhr zur Öffnung des Museums am Eingang waren, war dort eine lange Schlange. Im Gegensatz zu mir hatten sie aber reserviert. Falls ihr mal hinwollt, solltet ihr also besser rechtzeitig online reservieren. Da der EC nicht kommen will, nehme ich einen Regionalzug über die langsamere südliche Strecke durchs Weichseltal. Da bin ich zwar gestern schon mit dem EN lang gefahren, hatte aber den Anfang verschlafen. Alternativ hätte es noch einen schnelleren Regionalzug über Trzebinia gegeben, den die beiden anderen Touristinnen mit ihrem Fernverkehrsticket aber laut der Zugbegleiterin leider nicht nehmen dürfen. Schöne neue Welt der Bahnreform.
Statt Judenvernichtung widme ich mich heute Nachmittag dann eben dem jüdischen Leben im Krakauer Viertel Kazmierz und besuche die Alte Synagoge und die Remuh-Synagoge mit ihrem Friedhof.
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Das jüdische Viertel Kazmierz wurde vom Dritten Reich zynischerweise nicht zerstört, um es zu einem Freilichtmuseum für das in ihren Plänen verschwundene jüdische Leben zu machen. Zerstörung gab es aber auch hier. Reste von zerstörten wurden nach dem Krieg in die Friedhofsmauer eingebaut.
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Kazmierz wird von der Weichsel eingerahmt, die hier von der südlichen Bahnhofsausfahrt von Krakau überquert wird.
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Am südlich Ufer kurz hinter dem Haltepunkt Zabłocie liegt die frühere Emaillefabrik von Oskar Schindler, der hier etlichen Juden das Leben gerettet hat. Um noch rein zu gehen, ist es mir jetzt aber zu spät und ich bezweifle auch, dass innen noch viel aus der damaligen Zeit erhalten ist.
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Den Sonnenuntergang genieße ich dann später an der Weichsel mit Blick auf den Wawel.
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Besser spät als nie kehre ich zum Abendessen ein. Als Vorspeise nehme ich Borschtsch und darf feststellen, dass der polnische Borschtsch ganz anders als seine russischen und ukrainischen Vertreter ist.
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Tag 4: Krakau – Zakopane
Ursprünglich wollte ich von Krakau nach Warschau weiterfahren. Beim Studieren des Fahrplans hat mich dann aber der Nachtzug von Zakopane nach Gdynia gelockt. Eine Fahrt nach Zakopane hätte mich unabhängig davon gereizt, aber 3,5 h hin und zurück wäre mir für einen Tagesausflug aus Krakau zu weit gewesen. Da ich erst um 10 Uhr los muss, mache ich noch einen letzten Bummel durch die Altstadt und über den Markt, wo ich mich mit Krakauer und Räucherkäse versorge.
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Zweites Wahrzeichen Krakaus neben dem Wawel sind die Tuchhallen im Renaissancestil.
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Von dort ist es zum Haltepunkt Gregórzki näher als zum Hauptbahnhof. Vor meinem Zug kommt noch diese Retro-EP09 mit einem IC durch.
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Dann kommt mein Regionalzug nach Zakopane in Form eines modernisierten Kibels.
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Schön, dass es mit einer Fahrt im Kibel klappt. Meine beiden ersten und lange Zeit einzigen Bahnfahrten in Polen waren im Sommer 2017 mit unmodernisierten Kibeln von Marienburg nach Danzig und zurück. Erst 5 Jahre später kam 2022 ein Tagesausflug von Görlitz nach Breslau dazu und das war es bis vorgestern dann auch schon.
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In Skawina zweigt die Strecke nach Zakopane von der mir schon bekannten nach Auschwitz ab, von wo dieser Newag Impuls kommt.
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Nach Kalwaria Zebrzydowska mit seiner großen Wallfahrtskirche auf dem Kalvarienberg, die im Hintergrund noch zu sehen ist, wird es bergiger. Wäre die UNESCO-geschützte Kirche näher am Bahnhof gewesen, hätte mich ein Zwischenstopp hier durchaus gereizt.
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Etwas später wird der Jezioro Mucharskie überquert, der erst 2017 geflutet wurde.
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In Sucha Beskidzka macht der Regionalzug Kopf. Ich könnte mit ihm weiterfahren bis Zakopane, aber ich steige hier aus.
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Weiter nach Westen führt die Transversalbahn nach Żywiec, die aktuell ohne Personenverkehr ist, aber frisch saniert wirkt.
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Im lokalen Depot warten zahlreiche Kibel auf den nächsten Einsatz.
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Zur Weiterfahrt möchte ich einen TLK nutzen, der zur Vermeidung der Wende in Sucha Beskidzka nur am Haltepunkt Zamek im Gleisdreieck am Stadtrand hält.
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Die restliche Zeit bis zur Abfahrt verbringe ich im Park des für den Haltepunkt namensgebenden Schlosses, auf Polnisch Zamek. Gebaut wurde es in der goldenen Zeit Polens für Kasper Suski, alias Gaspare Castiglione, einem italienischen Goldschmied aus Florenz, der am Krakauer Königshof zu Wohlstand gekommen war, im Stil der Renaissance.
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Leider hat der TLK keine Übersetzfenster mehr wie der Kibel, aber dafür ist er mit einer EP07 bespannt, womit ich nach der EP09 vorgestern den zweiten E-Lokveteran von PKP Intercity erwischt habe. Schon deutlich vor der Ankunft kommt nach Nowy Targ die Hohe Tatra in Sicht. Hier gibt der Zug zum Schluss nochmal richtig Gas. Die geradlinige Strecke ist hier für atemberaubende 120 km/h ausgebaut.
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Eine Reservierung war heute nicht notwendig.
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In Poronin wird mit einem Kibel mit Originalfront gekreuzt.
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Ankunft in Zakopane. Gegenüber wartet ein IC nach Posen auf seine Abfahrt.
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Bis ich vorne am Zug bin, ist die Zuglok schon abgekuppelt und setzt um.
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Bis zur Abfahrt meines Nachtzugs bleiben mir noch über 7 Stunden. Eigentlich wollte ich heute Nachmittag wandern gehen, aber es ist Regen gemeldet. Darum spare ich mir das überraschend teure Schließfach am Bahnhof für meinen Rucksack, mache ein entspannteres Programm und fahre mit der Standseilbahn nach Gubałówka hoch.
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Von dort genießt man eine tolle Aussicht über Zakopane hinweg auf die Hohe Tatra. Leider hängen Gipfel ein wenig in den Wolken.
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Bis ich mein Bier ausgetrunken habe, ziehen schon bedrohliche Wolken auf, weshalb ich nach gut einer halben Stunde den Rückweg nach unten antrete.
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Unten angekommen beginnt es direkt an, zu schütten. Ich kann mich gerade noch so zum Souvenirmarkt unter der Brücke der Ortsumgehung retten, wo ich lerne, dass der Räucherkäse, von dem ich heute Morgen auf dem Markt einen erworben habe, ganz offensichtlich die große lokale Spezialität der Region sein muss. Warm aus dem Sandwichmaker mit Preiselbeeren sind sie ganz lecker.
In der Nähe der Talstation befindet sich diese kleine Kirche in der klassischen Holzbauweise.
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Auf dem Friedhof der Kirche fällt mir im Vergleich zu Deutschland vor allem der häufige Gebrauch der Nationalflagge und -farben auf Gräbern auf, der mir aus Deutschland komplett fremd ist. Da merkt man deutlich die starke Verbindung von katholischer Kirche und dem polnischen Staat. Bei diesem Grab fällt mir zudem die Gedenkplatte für ein Opfer des Massakers von Katyn auf. Zumindest vermute ich das, denn das angegebene Datum im Februar 1942 passt irgendwie nicht zu dem Massaker, bei dem die UdSSR 1940 Tausende polnischer Offiziere ermordet hat.
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Zum Abendessen gibt es Lamm mit einer Art polnischer Gnocchi und Live-Volksmusik.
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Um halb 10 bin ich zurück am nächtlichen Bahnhof.
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Hinter dem Kibel steht schon mein Nachtzug.
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Diesmal habe ich mir den Schlafwagen gegönnt. Bis Krakau habe ich das Abteil für mich, danach werden wir zu zweit im Abteil sein.
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Mein Schlafwagen ist direkt hinter der Lok eingereiht, leider nur eine moderne Newag Griffin.
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Ein wenig genieße ich noch die Fahrt am offenen Fenster durch die Nacht, dann lege ich mich aufs Ohr. Den Zustieg meines Abteilgenossen in Krakau bekomme ich dann nicht mehr wirklich mit.

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